Montag | 28. Mai 2012 | 16:33 Uhr
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  • FILM REVIEW | Up in the Air
  • Up in the Air

    Komödie, Romanze | USA 2009
  • | INHALTSANGABE

  • Ryan Bingham ist passionierter Vielflieger. Denn im Flugzeug ist er dem normalen Leben enthoben, seinen Mitmenschen, all den Belastungen, die da unten auf ihn warten könnten, wenn er nicht so ein ungebundener Über-den-Wolken-Typ wäre. Er hat den perfekten Job für sein Reiseleben: er fliegt durch die USA und entlässt in verschiedenen Firmen die Leute, im Auftrag derer Chefs, die sich nicht trauen, ihre Mitarbeiter selbst rauszuschmeißen.
    Doch sein Leben gerät in Unordnung, als die junge Natalie seinem Chef einen Vorschlag unterbreitet: man müsste doch heutzutage gar nicht mehr von hier nach da fliegen, um Hinz und Kunz rauszuschmeißen; wofür gibt es denn Webcams? Ryan ist entsetzt: das würde das Ende seiner Vielfliegerei bedeuten, und er ist doch so nah an seinem Ziel, 10.000.000 Flugmeilen zu sammeln! Er nimmt Natalie mit auf seinen Trip, um ihr zu zeigen, dass bei einer Entlassung wenigstens geheuchelte persönliche Anteilnahme unerlässlich ist.
    Zudem ist da noch Alex, eine Geschäftsfrau, die ebenso wie er von Termin zu Termin fliegt – könnte sie die Frau sein, mit der er ein etwas beständigeres Leben führen könnte?
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      • | FILMKRITIK

      • Dies ist ein Roadmovie, aber umgestülpt: Er spielt in der Luft; und wenn es im klassischen amerikanischen Straßen-Reisefilm darum geht, dass der Weg das Ziel ist, dass sich einer unterwegs selbst findet, dass also die physische Reise auch eine spirituelle Reise ist, dass das Weggehen den Fahrenden zu sich, zu den Mitmenschen führt – dann verdreht Jason Reitman diese Topoi in “Up in the Air”: George Clooney ist hier nicht ein Reisender, er ist der Reisende, und sein Weg ist nur insofern das Ziel, als er unbedingt als siebter Mensch überhaupt die magische Zehn-Millionen-Flugmeilen-Grenze knacken will. Und nein: Er ist nicht unterwegs zu sich selbst, er ist tatsächlich schon ganz bei sich, wenn er die anderen alle unter sich lassen kann. Die spirituelle Menschwerdung, die die Reise des Roadmovies mit sich bringt, verwirklicht sich in diesem Film ausgerechnet dann, wenn Clooneys Ryan Bingham nicht mehr in Bewegung ist, wenn er auf dem Boden steht.

        Die Verdrehung, die Reitman in den klassischen Reisefilm hineinbringt, hat immer noch dieselbe Basis vom Wert des eigenen Ichs, von Familie und Beziehungen, vom uramerikanischen Mythos der community. Aber diese Werte bedeuten, auch das wird klar, in der heutigen Zeit nichts mehr.

        Ryan ist der Prototyp des modernen Menschen: Flexibilität, Mobilität, ja: die Globalisierung an sich sind in ihm verkörpert, absolute berufliche Effizienz und das Zurückstellen aller Emotionen zugunsten seiner Arbeit. Dazu hat sich Ryan eine eigene Philosophie zurechtgelegt, die er offensiv vertritt: Mittels der Metapher des Gepäcks, das wir in unserem Leben mitschleppen in Form von materiellen Gütern wie auch menschlichen Beziehungen trägt er vor, was den wirklichen Menschen von heute ausmacht: nämlich das Loslassen des Gepäcks, das reine, leichte Auf-Achse-Sein.

        Dieses Denken lebt er: Er fliegt von Stadt zu Stadt, von Firma zu Firma, und entlässt dort die Leute. Im Auftrag der jeweiligen Chefs, die selbst das Mitarbeiterfeuern schnell und effizient und kostengünstig auslagern. Ein Handlungsreisender in Sachen Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, denn wer auf die Straße gesetzt wird, steht vor dem Nichts. Und Ryan gibt ihm ein paar Floskeln von neuen Möglichkeiten nach der beruflichen Freisetzung mit auf den Weg.

        Ryan hat sich eingerichtet im Nicht-Eingerichtet-Sein, als zwei Frauen seine wohlgeordnete Welt ins Wanken bringen: Natalie ist jung und hat keine Ahnung, aber einen hochwertigen Uniabschluss, sie ist in der Theorie brillant und weiß, wie man rationalisiert; und Alex ist genau wie Ryan, fliegt viel, ist unterwegs, ungebunden, hat kein Gepäck – beide sind Aspekte von Ryan, und beide sind dabei auch das Gegenteil von ihm. Wenn Natalie künftig das Internet einsetzen will, um per Webcam-Telefonie irgendwelche Leute zu entlassen – sie also per PC-Bildschirm aus eine Callcenter heraus zu feuern –, dann vergisst sie den menschlichen Faktor, den Clooney wenigstens an der Oberfläche nach mitbringt, wenn er persönlich auftaucht und die Leute vors Nichts stellt. Und wird unvermutet emotional. Und Alex, mit der Ryan wirklich mal mehr zusammen sein will als nur in kurzen Nächten in Flughafenhotels, ist in Wirklichkeit weit mehr in der Realität außerhalb der dünnen Flugzeughaut verwurzelt, als es den Anschein hat. Und wird unvermutet unemotional.

        Das Schöne ist: Dieser Film, der so sehr die Wirklichkeit von Entlassungen, von der Unbarmherzigkeit des Systems, von der Abwesenheit des Menschlichen in der heutigen Arbeitswelt abbildet, auch von der Krise, die das Leid der Arbeitslosigkeit zehntausendfach verstärkt, ohne den neoliberalen Denkgebäuden auch nur einen Kratzer zuzufügen – dieser Film, der diese harte Realität ins Elegant-Filmische übersetzt, ist eine Komödie. Pointierte Dialoge, entwaffnende Blicke auf die Herzlosigkeit der Ökonomie, ein Clooney, der in bester Chemie mit seinen Mitprotagonisten eine wunderbare Performance hinlegt, kluger Witz, kleine Gags und große Ironien machen diesen Film zu perfekten Unterhaltung. Auf dezent satirische Weise entblößt Reitman dabei all die verkorksten Leben, die da aufeinandertreffen, überführt die Realität der Wirtschaftskrise und die Tragik verlorener Seelen in eine bestechende Komödienform.

        So ausgeklügelt Ryans Philosophie vom Leben mit leichtem Gepäck ist: Was, wenn die zehn Millionen Flugmeilen tatsächlich erreicht sind? Wohin soll die Reise dann gehen? Ein Leben ohne Belastungen, ein Leben in der Luft muss immer weiter gehen, von Flughafen zu Flughafen; denn aus einem Flugzeug kann man nicht aussteigen.
      • | FAZIT

      • Jason Reitman, der elegante Satiriker mit dem Gespür für Probleme und Pointen, inszeniert einen Film zwischen Tragik und Komödie, mit einem George Clooney in Bestform.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 8.4/10 (29 votes)

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