Drama
| Deutschland / Frankreich / Großbritannien 2009
| INHALTSANGABE
Zwischen Feldarbeit, Müllverwertung und einem Billardsalon-Job fristet die junge Mei ein trostloses Dasein in einem ländlichen chinesischen Dorf. Obwohl sich ein cooler Junge für das Mädchen interessiert und sie regelmäßig ausführt, hält sie an ihren Träumen nach einem Ausweg aus der unwirtlichen, schlammigen Provinz fest.
Kurzerhand bricht Mei nach Chongquing auf, der nächst größeren Stadt, wo sie einen Job als Näherin annimmt. Nachdem man sie dort feuert, landet die junge Frau in einem zwielichtigen Friseursalon. Ihre Liaison mit dem Schläger Spikey endet tragisch, doch dessen verstecktes Geld ermöglicht ihr die Flucht nach London. Als illegale Immigrantin hält sich Mei mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis sie einen einsamen 70-jährigen Engländer begegnet, der ihr eine Heiratschance offenbart.
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| FILMKRITIK
Mit China im Zeichen des Kapitalismus und Globalismus beschäftigte sich Schriftstellerin Guo Xiaolu parallel in der Dokumentation „Once upon a time a Proletarian“ und dem Spielfilm „She, a Chinese“. Im Mittelpunkt ihres Road Movies nach eigenem Roman steht der Ausbruch der jungen Li Mei aus der monotonen Tristesse ihrer provinziellen Heimat über die nächste Großstadt bis nach London. Zwischen Feldarbeit, Vergewaltigung, Prostitution, Gelegenheitsjobs, Zweckheirat und enttäuschter Liebe verläuft ihr Werdegang alles andere als optimistisch. Bei der Entwicklung von Story und Charakteren ließ die junge Filmemacherin eigene biografische Details einfließen. Mit den Aufnahmen auf P2-Digitalkamera glückten authentische Bilder, welche „Dogma 95“-Fan Xioalu in der Regel ohne Drehgenehmigung an Originalschauplätzen einfing.
Was mit dokumentarischen Bildern eines monotonen Provinzalltags beginnt, entwickelt sich zu einem nüchternen, aber stets unvorhersehbaren Emanzipationsdrama. Durch die Einteilung in einzelne Kapitel entsteht eine episodenhafte Erzählstruktur, die deutlich mit Ellipsen und Auslassungen arbeitet. Ebenso setzt Guo Xiaolu wiederholt auf Metaphern und Gegensatzpaare. Als Mei ein Skelett-T-Shirt trägt, verweist dies auf einen später eintreffenden Unglücksfall, welcher allerdings der jungen Frau zur Chance des Aus-/Aufbruchs dient. Die Symbole einer westlich orientierten Jugend mit Sonnenbrille, iPod oder greller Perücke als Mittel zur Verkleidung stehen für kurzzeitige Abwechselung aus der täglichen Tristesse. Auch Mei, von ihrer Mutter zur arrangierten Heirat gedrängt, will sich nicht unterordnen und setzt ihren Freiheitsdrang in die Tat um. Ein Kalenderblatt mit einer „Big Ben“-Aufnahme unterstreicht ihren Wunsch nach Veränderung.
Mit dem Titel „She, a Chinese“ verweist Guo Xiaolu auf Godards „Die Chinesin“. Während sich damals die im Aufbruch befindende Jugend am Marxismus als neues Credo orientierte, sind es hier chinesische Jugendliche, die den kapitalistischen Westen als Fluchtweg betrachten. Oft gleicht bissiger Humor die distanzierte, symbolhafte Dramaturgie aus. So muss sich Mei bei einem ihrer Londoner Billigjobs ausgerechnet als Werbeträger für ein Chinarestaurant in ein Pandakostüm zwängen. Ebenso bildet Punkmusik junger chinesischer Bands sowie John Parishs Soundtrack, langjähriger Partner von P. J. Harvey, einen rockigen Kontrast zum ruhigen Inszenierungsstil.
Dabei erweist sich Mei als durchaus ambivalent skizzierter Charakter. Bei ihrer Zweiheirat mit einem älteren englischen Rentner langweilt sich die unternehmungslustige junge Frau schnell, während sie in einer anderen Beziehung selbst enttäuscht wird. Hier ist es ein indischer Einwanderer, der vor einer Bindung letztlich zurück schreckt. Doch es zeigt sich am Ende, dass die eigensinnige Mei nicht aufgeben und weiter nach ihrem persönlichen Glück streben wird.
| FAZIT
Mitunter spröde, doch intelligent und hintersinnige entwickelte Odyssee einer jungen Chinesin. Ausgezeichnet mit dem "Goldenen Leoparden" in Locarno.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung