Montag | 28. Mai 2012 | 19:01 Uhr
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  • FILM REVIEW | Picco
  • Picco

    Drama | Deutschland 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Ein überbelegter Jugendknast: Kevin (Constantin von Jascherhoff) ist neu und der vierte Mann in einer Zelle, die eigentlich nur für zwei gedacht ist. Rangordnung ist alles im Knast und diese ist zwischen Kevins Zellenkumpanen Andy (Martin Kiefer), Marc (Frederick Lau) und Tommy (Joel Basman) bereits festgelegt. Kevin ist also gezwungen, sich unterzuordnen. Latente Aggression und extreme Gewaltbereitschaft sind ständig präsent und in dieser für Kevin neuen, eigentlich unmenschlichen Welt wird er zum Fußabtreter der anderen Drei – er wird zum Opfer. Demütigungen und Misshandlungen psychisch wie physisch der übelsten Sorte sind für ihn von nun an an der Tagesordnung und aus Angst vor den andauernden Quälereien, reift in Kevin eine folgenschwere Erkenntnis: Wenn du selbst kein Opfer sein willst, musst du selbst jemand anderen zu einem Opfer machen!
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      • | FILMKRITIK

      • Unfassbar aber wahr, „Picco“ beruht auf einem wahren Fall: 2006 folterten drei Häftlinge in Nordrhein-Westfalen einen Zellengenossen zu Tode. Ausgerechnet Uwe Boll verfilmte diesen entsetzlichen Vorfall bereits 2009 in seinem Drama „Siegburg“ – sogar wider Erwarten qualitativ ansehnlich. „Picco“ dürfte trotzdem drastischer sein, weil Philip Koch seinen Abschlussfilm (für die HFF München) in einer Jugendstrafanstalt ansiedelt und es sich – euphemistisch gesprochen – um ein furchtbar beklemmendes Potpourri an (vom Filmteam wohl recherchierten) Vorkommnissen in solchen Strafanstalten handelt.

        Der Zuschauer wird wie der Protagonist Kevin absolut schonungslos mit einer Umgebung konfrontiert, in der das Recht des Stärkeren mehr gilt als jegliches soziales Gruppenverhalten. Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Skrupel – ja sogar Mitgefühl – werden als Schwäche gebrandmarkt, und wer schwach ist, muss vernichtet werden. Akzeptiert wird nur, wer das dort vorherrschende Männlichkeitsbild erfüllt: Gefühlskalt – zumindest nach außen, skrupellos, unerbittlich, stark und vor allem heterosexuell. „Schwuchteln“ kommen in der Hackordnung noch unter den Schwächlingen. Mit den bewusst grotesk bis lächerlich anmutenden Szenen der psychologischen Betreuung zeigt Koch wie unbeholfen und sinnlos dieser Versuch der Hilfestellung ist, und ebenso konsequent bekommt der Zuschauer vor Augen geführt, dass auch von den Wärtern nichts dergleichen zu erwarten ist. Wie die Gesellschaft ist auch das Gefängnispersonal vollkommen überfordert mit diesen wütenden Jugendlichen, die ihr Leben eigentlich noch vor sich haben sollten, in ihren Zellen für sich aber zu dem Schluss gekommen sind, es sei bereits vorbei und somit alles egal.

        Dem jungen Schauspielerensemble wird dabei einiges abverlangt, doch alle meistern diese Herausforderung mit Bravour: Frederick Lau überzeugt als Marc, der wohl unberechenbarsten Figur, in den rohen grausamen Momenten genauso wie in dem Moment seines Zusammenbruchs. Ebenso beeindruckend ist auch die Darbietung von Joel Basman als Tommy, dem sensiblen Jungen, der noch ein Stück mehr Kind ist als die anderen und der bei dem der Versuch, den Harten zu markieren, kläglich versagt. Einzig und allein Constantin von Jascherhoffs Leistung bleibt im Vergleich zu den anderen leider etwas blass. Von seiner schmächtigen Statur her zwar perfekt als potentielles Opfer besetzt, wirkt er während des Prozesses der Verrohung hin und wieder etwas hölzern.

        „Picco“ ist ein unbequemer und unangenehmer – bisweilen sogar regelrecht schmerzhafter Film. Bisher kennt man das sogenannte „viszerale Seherlebnis“ vor allem im Zusammenhang mit Kriegsfilmen. Damit ist das Gefühl der sich zusammenziehenden Eingeweide während der teilweise sehr grausamen Schlachtenszenen, zum Beispiel wenn Gliedmaßen ab oder riesige Löcher in menschliche Körper gerissen werden, gemeint. Auch „Picco“ verursacht beim Zuschauer körperliche Schmerzen. Natürlich vordergründig durch die Gewaltdarstellung, aber eigentlich ist es ab einem bestimmten Zeitpunkt jedes einzelne Bild, dass körperliches Unbehagen hervorruft: Die Kamera blickt absolut regungslos auf das Geschehen und zwingt so den Zuschauer, ebenfalls auf die Geschehnisse zu starren. Niemals bietet eine Kamerabewegung die Möglichkeit zu einem kurzen Moment des Aufatmens. Selbst die drei Steadycam-Fahrten während des Hofgangs verschaffen keine Erleichterung, da die Kamera jedes Mal viel zu dicht an der Person hängt, der die Kamera folgt. So wird auch unter freiem Himmel der Aspekt der Enge nicht aus den Augen verloren.

        Je stärker sich die Situation zuspitzt, desto enger wird auch der Bildkader. Und dann, im letzten Drittel des Films, der sich kammerspielartig nur noch in der Zelle abspielt, wird der Zuschauer zum fünften Mann in der Zelle, unfähig diese zu verlassen. Somit ist er gezwungen, seine sichere Position als Voyeur aufzugeben und wird zum Mittäter, weil er zur Untätigkeit verdammt ist. Aber die Frage, die sich vielleicht nicht jeder „5. Mann“ stellen mag ist: Hätten wir tatsächlich – hätten wir die Möglichkeit gehabt – den Alarmknopf gedrückt?
      • | FAZIT

      • Philip Koch ist ein Abschlussfilm gelungen, der absolut sehenswert ist, aber nur schwer zu ertragen!

      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Sandra Blass

      • | Userwertung

      Wertung: 4.5/10 (2 votes)

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