Montag | 28. Mai 2012 | 15:01 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Reviewübersicht > Reviewdetails
  • FILM REVIEW | Der Ghostwriter
  • Der Ghostwriter

    Thriller | Deutschland / Frankreich / Großbritannien 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Ein namenloser Schreiberling wird engagiert, um als Ghostwriter die Memoiren des früheren britischen Premierministers Adam Lang zu verfassen. Sein Vorgänger bei diesem Job ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen – ob Unfall, Selbstmord oder gar Mord ist nicht geklärt. Der „Ghost“ reist zu Lang auf eine Insel vor der Atlantikküste der USA, unterhält sich mit ihm – und muss miterleben, wie Lang vor dem Den Haager Internationalen Menschenrechtsgerichtshof angeklagt ist, weil er während des Irakkriegs Gefangene zur Folter an die CIA überstellt hat. Lang kann die Insel nicht verlassen, sonst wird er festgenommen. Was nur ein paar menschlich-biographische Notizen zum Lebenslauf eines Politikers werden sollten, wird mehr und mehr zu hochbrisanten politischem Sprengstoff – zumal der Ghost auf Ungereimtheiten stößt, auf Hinweise, dass Lang eben doch mehr in alles verstrickt ist, als er zugeben möchte. Und so kommt er einer Verschwörung auf die Spur...
    WERBUNG
      • | FILMKRITIK

      • „Ich bin nur der Biograph“, sagt der namenlose Ghostwriter, „ich bin kein investigativer Reporter.“ Dass er schon viel tiefer in alles verstrickt ist, hat er zu diesem Zeitpunkt noch nicht bemerkt, er hat seine Rolle in diesem Film, in diesem Plot noch nicht erkannt – diese Wandlung des Biographen zum Ermittler ist eine der unterschwelligen Linien des Films, den Polanski zusammen mit Romanvorlagenautor Robert Harris geschrieben hat.

        Ein Verschwörungsstück, ein Politthriller ist das, und allein deshalb ein politischer Film – auch wenn er sich gar nicht explizit mit dieser unserer Wirklichkeit auseinandersetzt, denn „Der Ghostwriter“ geht ganz im Filmischen auf, in einem Universum des Films, der Filmgeschichte. Reines Spannungskino, Genre, atmosphärisch inszeniert, das sich um ein Geheimnis, um einen Komplott dreht. Wirklichkeit wie Irakkrieg, Folter, Menschenrechtsverletzungen im Namen des Kriegs gegen den Terror, Tony Blair, der alle Wünsche Amerikas erfüllt, all das wird gewandelt in Kino, und es scheint, als sei sich Polanski bewusst, dass er etwas anderes liefern muss als Nachrichtenbilder, die ja auch oftmals schöne Inszenierungen sind; man denke an Tony Blair vor dem britischen Untersuchungsausschuss vor ein paar Wochen, wie er seine Irakkrieg-Vorgehensweise gerechtfertigt hat...

        Adam Lang im Film (Pierce Brosnan) ist natürlich an Blair angelegt, nicht nur, weil er ehemaliger britischer Premierminister ist. Gegen Lang liegt eine Anklage vor dem Den Haager Menschenrechtsgerichtshof an, deshalb haust er auf einer Insel im Atlantik vor der US-Küste, denn die Vereinigten Staaten erkennen den Gerichtshof nicht an, liefern nicht aus. Hierhin verschlägt es den Ghostwriter (Ewan McGregor), der mit Politik nichts am Hut hat, der aber das Menschliche, das Herz in Langs Memoiren bringen soll. Zuvor hatte er, der Gebrauchsschreiberling, die Biographie eines Zauberers verfasst titels „He Came, He Sawed, He Conquered“, also ungefähr: „Er kam, er sah, er sägte“. Sein Vorgänger bei dem Lang-Job ist auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen, der Ghost findet in dessen Nachlass Fotos und Jahreszahlen, die nicht so ganz zu Langs offiziellem Lebenslauf passen. Und so rutscht er hinein in eine Geschichte, die ihm eigentlich egal sein könnte – die für den Zuschauer aber immer spannend und mit Gespür für Timing, für die Darsteller, für Witz inszeniert ist.

        Und deshalb kommt Polanski auch durch mit Wendungen, die eigentlich in einem Drehbuch nie funktionieren, zu weit hergeholt, zu unplausibel – dass der Ghost mit der Frau des Ex-Premierministers was anfäng zum Beispiel (oder sie mit ihm), oder dass Polanski und Harris gegen Ende eine Schusswechsel am Flughafen aus dem Hut zaubern – das geht eigentlich nicht, doch Polanski „gets away with murder“, wie man so schön sagt. Die Inszenierung überdeckt die Plotschwächen.

        Polanski ist auf der Höhe, er kann das, stimmungsvoll-bedrohlich inszenieren, auch wenn eigentlich erstmal gar nichts passiert an der Oberfläche. Nein: tiefgründig es der Film ohnehin nicht, aber darum geht es auch nicht. Polanski will Kino machen, ganz in der klassischen Thrillertradition, und das tut er. Und schön sind die kleinen Verweise auf Polanskis eigenes filmisches Werk, die Insel wie in „Wenn Katelbach kommt“, die Hinterlassenschaften eines Toten im Schrank wie im „Mieter“, und der asiatische Gärtner, der schon in „Chinatown“ im Hintergrund werkelte – hier darf er das dürre Dünengras von der Terrasse fegen, ständig, immer wieder, denn der Wind weht es wieder zurück...

        Perfekt auch, wie Polanski mit dem Product Placement umgeht: er zeigt ausführlich die Luxusaccesoires einer deutschen Nobel-Automarke – und setzt das Navigationsgerät dramaturgisch geschickt und stringent ein, wenn der Ghost Hinweisen folgt, die aus dem Geist des Autos zu kommen scheinen. Eine der vielen großen Szenen, die der Film bietet – und Zeichen auch, dass der Film hollywoodunabhängig finanziert wurde, da muss man das Geld nehmen, wo es herkommt. Polanski jedenfalls weiß es einzusetzen.
      • | FAZIT

      • Spannender Polit-Verschwörungsthriller, dessen perfekte Inszenierung ein paar Plotschwächen locker wettmacht.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 3.8/10 (6 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN