Kathi König (Gabriela Maria Schmeide) ist arbeitslose Friseuse, frisch getrennt von ihrem Mann, allein erziehend, gerade wieder nach Berlin-Marzahn gezogen und dick. Ehrlich gesagt, sogar sehr dick! Macht aber nix. Für so ziemlich alle größeren und kleineren Hürden, die ihr ihre Körperfülle so beschert, hat Kathi eine Lösung gefunden: Da gibt es die Aus-dem-Bett-hochkomm-Leine, für die langen Wartezeiten an Bushaltestellen und auf dem Arbeitsamt klemmt sie sich einfach einen Klappstuhl untern Arm und schmiert sich dicke Leberwurststullen und weil die etepete Frau Krieger (Maren Kroymann) zu ihr sagt, der Friseurberuf sei ein ästhetischer Beruf, sie sei aber nicht ästhetisch und sie deshalb nicht einstellen will, nimmt sich Kathi kurzerhand vor, ihren eigenen Laden zu eröffnen und zwar direkt neben dem Salon Krieger im Shoppingcenter Eastgate. Dass sie kein Geld hat und niemand – noch nicht mal ihre Tochter Julia (erstmals Natascha Lawiszus) – hinter ihr steht, macht gar nix. Jeder Skeptiker wird von Kathis unermüdlich guter Laune und ihrem umwerfenden Wesen überzeugt oder einfach überrannt.
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| FILMKRITIK
Wann ist ein Film qualitativ hochwertig? Wenn er künstlerisch und filmgeschichtlich wertvoll ist natürlich. Filme von Theodoros Angelopoulus zum Beispiel sind künstlerisch sehr wertvoll – das wird wohl niemand bestreiten wollen –, Spaß wird aber leider eher klein geschrieben. Aber ist es nicht auch eine Form von Qualität, wenn ein Film „Spaß macht“, also leicht und unbeschwert erzählt ist und den Zuschauer zum Lachen bringt? Doch auf jeden Fall! Qualitativ hochwertig leicht und komisch zu erzählen, gelingt Filmemachern in Deutschland nur leider eher selten. Til Schweiger ist das beste Beispiel dafür, wie schnell Komik unwiederbringlich im Klamauk versingt.
Da ist es nur natürlich, dass bei der neuen Komödie von Doris Dörrie „Die Friseuse“ auch erst mal alle Alarmglocken das Klamaukwarnsignal lärmen. Schließlich zeigt schon der Trailer, dass es hauptsächlich um die Thematisierung des Dickseins der Protagonistin gehen wird. Aber immerhin hat Doris Dörrie mit ihrem letzten Film „Kirschblüten – Hanami“ (2008) definitiv bewiesen, dass sie es versteht, einen einfühlsam erzählten, mit leisen Tönen der Komik gespickten, aber vollkommen klamaukfreien Beitrag zum Filmschaffen in Deutschland zu leisten.
„Die Friseuse“ ist der erste Film von Dörrie, dessen Drehbuch nicht von ihr selbst stammt, sondern von Laila Stieler und beide zusammen erzählen die Geschichte von Kathi König die meiste Zeit über absolut realistisch und immer konsequent: Kathi König ist dick und wenn man so dick ist, wie Kathi König, dann kommt man nicht nur durch eine Tür nur schwer durch, sondern dann kommt man durch viele Türen nur schwer durch und dann muss man sich nicht nur ab und an in einen Stuhl rein und wieder raus zwängen, sondern man muss sich oft rein- und wieder rauszwängen. Ebenso konsequent ist es, Kathi ständig beim Essen zu zeigen. Klar ist es unappetitlich, wenn sich sie beinahe zentimeterdick Leberwurst auf eine Scheibe Brot schmiert, aber eben plausibel für Kathi. Genauso plausibel und mutig, wie Kathi zu zeigen, wenn sie sich morgens mit einem am Fenster fest gebundenen Springseil im Bett in eine sitzende Position zieht – auch Dünne dürften das Gefühl kennen, morgens kaum aus dem Bett zu kommen – oder wie sie auf dem Bett liegend ihr Kleid auszieht und ihre üppigen Brüste nach einander zur Seite fallen.
Klamaukwarnsignale haben hier eigentlich nichts zu melden. Sicher, manchmal trägt der Plot etwas dick auf, etwa wenn im Seniorenheim einer von Kathis Kunden auch beim dritten Mal während ihrer Haarwäsche erst Spannung auf- und dann wieder abbaut oder wenn immer wieder Trompetenmusik erklingt, wenn Kathi von A nach B läuft. Grundsätzlich ist die Figur der Kathi aber im wahrsten Sinn des Wortes eine Wucht. Der Zuschauer kann gar nicht anders, als sich von ihrer guten Laune anstecken und ihrem Tatendrang mitreißen zu lassen. Das liegt natürlich auch an der hervorragenden Darstellung von Gabriela Maria Schmeide. Ihre Kathi ruht allen Widerständen zum Trotz in sich selbst, weiß wer und was sie ist: Keine Friseurin, sondern eine Friseuse. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und weder die schicke Frau Krieger – grandios gespielt von Maren Kroymann – noch der miesepetrige Bankheini – dem Kathi beibringt, anständig „Guten Tag“ zu sagen (Szenenapplaus während der Premiere auf der Berlinale 2010) – können sie von ihrem Vorhaben abbringen.
Auch die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung wird wunderbar – wenn auch nebenbei – skizziert. Julia ist ihre dicke Mutter peinlich. Sie gibt ihr die Schuld an der gescheiterten Ehe und Kathi? Kathi hält es aus. Hält es aus, dass Julia ihren Vater unverdientermaßen in den Himmel hebt und nur seine Hemden trägt. Immer wieder geht sie einen Schritt auf ihre Tochter zu und ist für sie da, wenn sie erkennt, dass ihr Vater jetzt eine neue Familie gegründet hat und in seinem Leben und vor allem in dem Haus in Gräfenhainichen kein Platz mehr für sie ist.
„Die Friseuse“ hat viele schöne Szenen zu bieten. Künstlerisch betrachtet, ist es vielleicht nicht unbedingt ein Meisterwerk, aber eine leicht und unbeschwert erzählte Komödie, die Spaß macht!
| FAZIT
Eine wunderbare Komödie über so genannte Einatmer und Ausatmer, über Elefantenkühe und Windhunde und über die größte Sammlung an Obstohrringen, die man sich vorstellen kann.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung