Vor der Küste Bostons 1954: Aus dichtem Nebel taucht plötzlich eine Fähre auf. Sie bringt die U.S. Marshals Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und Chuck Aule (Marc Ruffalo) auf die Insel Shutter Island zur Nervenheilanstalt Ashecliffe für geisteskranke Kriminelle. Daniels und Aule haben den Auftrag, eine verschwundene Insassin Rachel Solando – aufzuspüren.
Kaum auf der Insel angekommen, stellen die Marshals fest, dass sich dieser Fall schwieriger gestaltet, als angenommen: Es scheint keine logische Erklärung zu geben, wie Rachel Solando aus ihrer verschlossenen Zelle fliehen konnte und offenbar lässt sich auf der gesamten Insel keine Spur von ihr finden. Seltsamerweise sind weder der Anstaltsleiter Dr. John Cawley (Ben Kingsley), noch die anderen Ärzte oder das übrige Pflege- und Sicherheitspersonal eine wirkliche Hilfe und zeigen wenig Kooperationsbereitschaft. Die zunehmend schlechter werdenden Wetterverhältnisse und das unübersichtliche, bedrohlich wirkende Gemäuer erschweren die Ermittlungen zusätzlich. Und auch Teddy Daniels körperlicher wie geistiger Zustand verschlechtert sich zusehends: Immer wieder wird er von Migräneanfällen und schrecklichen Erinnerungen aus seiner Vergangenheit gequält und immer häufiger verwischen für ihn die Grenzen zwischen Wahrheit und Halluzination bis er glaubt niemandem mehr vertrauen zu können.
WERBUNG
| FILMKRITIK
Mit „Shutter Island“ verfilmte Martin Scorsese den gleichnamigen Thrillerbestseller von Dennis Lehane, der ebenfalls die Vorlage zu Eastwoods „Mystic River“ (USA 2003) lieferte und dies ist mit Sicherheit nicht Scorseses beste Arbeit. Mehrfach stellte Scorsese bereits sein enormes Filmwissen unter Beweis, aber hier scheint es, als habe er einen zu großen Teil seines Wissens in seinen neuesten Film unterbringen wollen: „Shutter Island“ ist ein Genremix, beginnt als Thriller, wird dann zum Horrorfilm und endet als Psychothriller, gespickt mit Elementen aus weitern Genres wie zum Beispiel dem Film Noir und Zitaten aus zahlreichen Filmen wie „Shining“ (Kubrick, USA 1980) und „Das Schweigen der Lämmer“ (Jonathan Demme, USA 1991). Und manchmal tut Scorsese dabei zu viel des Guten. Die Musik zum Beispiel, die aber auch wirklich auf Teufel komm raus signalisieren soll, dass dieses uralte Gemäuer Ashecliffe unheimlich ist und damit beinahe eher das Gegenteil erreicht.
Trotzdem ist „Shutter Island“ viel mehr als nur ein banaler Patchwork-Film. Zusammen mit Kameramann Robert Richardson fängt Scorsese gekonnt die klaustrophobische, irrgartenartige Atmosphäre der Insel und vor allem der Nervenheilanstalt ein und Shutter Island wird so zu einem Ort, an dem man nicht länger als unbedingt notwendig verweilen möchte. Und Drehbuchautorin Laeta Kalogridis ist vor allem sehr genau in der Figurenzeichnung des Protagonisten – einem Mann, der immer mehr befürchtet, seinen Verstand zu verlieren und bald in jedem Menschen einen Feind vermutet. Letzteres ist natürlich vor allem der Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio verdanken. Auch als Teddy Daniels gelingt DiCaprio einmal mehr die hervorragende Darstellung einer zerrissenen Figur: Auf der einen Seite der äußerst intelligente, routinierte U.S. Marshal, der durchaus im Stande ist, eine Lüge als solche zu entlarven und auf der anderen Seite der durch seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und den Tod seiner Frau traumatisierten Mann, der durch seine Halluzinationen an der Wirklichkeit zu zerbrechen droht. Die innere Anspannung dieser Figur ist in jeder Sekunde sichtbar und äußert sich in Kleinigkeiten, wie zum Beispiel der Art und Weise, wie Daniels mit vollkommen angespannten, unbiegsamen Fingern eine Zigarette raucht.
Die gesamte Besetzung allein macht Scorseses jüngstes Werk zu einem sehenswerten Film. Ben Kingsley spielt unterkühlt und gewohnt minimalistisch, weshalb Dr. Cawley das nötige Maß an Undurchsichtigkeit erhält. Auch Max von Sydow als Dr. Jeremiah Naehring ist mehr als unheimlich und wirkt während der Drehung im roten Samtsessel zur Kamera und somit zu Daniels hin wie der Antichrist persönlich. Chuck Aule, die von Marc Ruffalo verkörperte Figur ist leider mehr als Sidekick zu Daniels angelegt, was aber keinesfalls an Ruffalo liegt, der trotz seines eher begrenzten Rahmens, qualitativ den anderen in nichts nachsteht.
Das einzige, was wirklich stört, ist die Tatsache, dass wieder einmal die Nazis als Ursache für das Trauma einer Figur herhalten müssen - da hätte sich bestimmt eine ebenso drastische, aber weniger platte Ursache finden lassen.
| FAZIT
Nicht unbedingt Scorseses neuer Geniestreich, aber trotzdem ein sehenswerter Thriller, der am Ende die Frage stellt, was besser ist: Als Monster zu leben oder als guter Mann zu sterben?
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung