Die 19jährige Alice Kingsleigh will so gar nicht in die High Society des viktorianischen Englands passen. Sie ist eine selbstbewusste, intelligente junge Frau, die nicht selten mit den Regeln und Riten der engstirnigen Gesellschaft in Konflikt gerät. Schon als Kind wusste sie, dass sie etwas Besonderes ist. Nacht für Nacht hatte sie diesen seltsamen Traum von einem wunderbaren, fantastischen Land. Ein Traum, der das kleine Mädchen zunächst beunruhigte und wegen dem sie befürchtete, verrückt zu sein. Doch ihr inzwischen verstorbener Vater erklärte ihr damals, dass es genau diese kleinen Verrücktheiten sind, die einen Menschen zu etwas Besonderem machen.
Als Alice und ihre Mutter zur vornehmen Gartenparty von Lord und Lady Ascot eingeladen werden, ahnt sie noch nicht, dass das gesamte Fest nur wegen ihr veranstaltet wird. Zunächst muss sie sich mit plappernden Cousinen und einer verwirrten Tante auseinandersetzen, dann sieht sie ein weißes Kaninchen, das gewiss niemand eingeladen hat – obwohl es einen Anzug trägt. Viel Zeit, sich darüber zu wundern, bliebt Alice aber erstmal nicht: vor versammelter Gesellschaft hält der junge – und sterbenslangweilige – Lord Hamish Ascot um ihre Hand an. Aber statt das zu tun, was nun alle von ihr erwaten, statt das Wörtchen zu sagen, das sie zu Lady Ascot machen würde, lässt sie Hamish einfach stehen. Denn da ist wieder das weiße Kaninchen. Alice folgt ihm – und findet sich in dem Land aus den Träumen ihrer Kindheit wieder…
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| FILMKRITIK
Trotz des identischen Titels ist Tim Burtons "Alice im Wunderland" kein Remake, sondern ein Sequel. Alice ist erwachsen geworden, und auch das Wunderland ist kein Ort für Kinder mehr. Stattdessen begleiten wir Alice in eine düster-romantische Welt, wie sie nur Tim Burton inszenieren würde, voller fantastischer Figuren und Orte, aber auch gezeichnet von einem schrecklichen Krieg. Ganze Landstriche sind verbrannt, die launische Rote Königin regiert mit der Willkür und Gnadenlosigkeit einer Bilderbuchtyrannin und der Wahnsinn des ohnehin verrückten Hutmachers hat inzwischen einen besorgniserregenden Zustand erreicht. Noch regt sich leiser Widerstand gegen das Regime, und die Gegner der Tyrannin, allen voran ihre Schwester, die Weiße Königin, sehen in Alice ihre letzte Chance.
Schon einmal gab es eine ähnlich düstere Aufbereitung des Stoffes von Lewis Carroll – allerdings als Videospiel. In "American McGee´s Alice" spiegelt das beschädigte Wunderland die geistige Verfassung einer traumatisierten Alice wieder. Bei Tim Burton wird dagegen die Frage aufgeworfen, ob das Land tatsächlich nur in Alices Fantasie existiert. Oder ob da ein unterjochtes Land auf Rettung wartet und nur deshalb eine letzte Chance bekommt, weil eine junge Frau entgegen alle Konventionen handelt und "verrückt" genug ist, einem bekleideten Kaninchen mit einer Taschenuhr zu folgen. Tim Burtons Film ist so gesehen eine Aufforderung, seinen Träumen Gehör zu schenken und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen - ein Plädoyer fürs Verrücktsein.
Dass Tim Burton eine äußerst ausgeprägte Fantasie und mit dem Film ein Medium gefunden hat, dieser freien Lauf zu lassen, ist hinlänglich bekannt. Auch in "Alice im Wunderland" beweist er das wieder eindrucksvoll. Im Wortsinn traumhafte Kulissen, Kostüme, Requisiten und die absurden Figuren, die man schon aus der Vorlage kennt, die aber bei Burton einen eigene Note bekommen: „Alice im Wunderland“ strotz nur so vor wunderbar verrückten Ideen. Da gibt es Fledermäuse, die Kronleuchter tragen, da dienen Affen als Tischbeine und da muss schon mal ein Schwein als wärmende Fußstütze für die Rote Königin herhalten.
Die Ästhetik des Films und die vielen herrlichen Details trösten dann auch darüber hinweg, dass der Plot nicht gerade berauschend ist. Der Film ist äußerst kurzweilig und macht Spaß, aber nicht, weil er eine hervorragende Geschichte erzählt, sondern wegen der Schauplätze und vor allem der Figuren in dieser Geschichte. Tim Burton hat seinen Lieblingsschauspieler Johnny Depp verpflichtet, der den verrückten Hutmacher tatsächlich sehr glaubwürdig darstellt – allerdings legt er in der deutschen Synchronisation ein seltsames Lispeln an den Tag, das manchmal stört. Er hat mit „Little Britain“-Darsteller Matt Lucas eine tolle Besetzung für die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum gefunden. Namhafte Schauspieler wie Alan Rickman leihen den animierten Figuren ihre Stimmen. Vor allem aber tritt wieder einmal Tim Burtons Ehefrau auf – und macht ihre Sache ganz großartig. Helena Bonham Carter spielt die cholerische Rote Königin so gut, dass man manchmal fast geneigt ist, mit der Tyrannin zu sympathisieren. Vom grandiosen ersten Auftritt der Regentin mit dem überdimensionierten Kopf bis zum Finale ist es immer wieder ein großes Vergnügen, ihr beim Spielen zuzusehen.
So wichtig Helena Bonham Carter für den Film ist, so unnötig ist es, ihn in 3D zu sehen. Man könnte sogar argumentieren, dass der Film darunter leidet, denn die durchaus poetischen Bilder, die Tim Burton schafft, verlieren durch die High-Tech-Effekte an Kraft. Der Film ist zumindest kein Deut schlechter, wenn man ihn im guten, alten 2D anschaut. Er verliert dadurch nichts von seiner düsteren Schönheit und seinem Ideenreichtum, er lebt weiterhin von den teils großartigen Schauspielern – und wenn die Rote Königin bei der Produktion von "Alice im Wunderland" ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte, hätte sie denjenigen, der einen Dreh in 3D angeordnet hat, sicherlich zurechtgestutzt. Um etwa eine Köpflänge vielleicht?
| FAZIT
Ein Ausflug in Tim Burtons düsteres Wunderland ist dringend anzuraten – allein schon wegen der großartigen Helena Bonham Carter. Die 3D-Brille kann man aber getrost zu Hause lassen.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung