Um ihren Mann, den populären Musikprofessor David zu überraschen, organisiert Catherine Stewart eine Geburtstagsparty, doch der Erwartete taucht aufgrund eines verpassten Fluges nicht auf. Am nächsten Tag entdeckt die erfolgreiche Ärztin eine verräterische SMS auf seinem Handy, weshalb sofort sie eine heimliche Affäre vermutet. Als Catherine das Luxus-Callgirl Chloe über den Weg läuft, reift in die Gynäkologin der Plan, die junge Frau zu engagieren, um Davids Treue zu testen. Tatsächlich liefert ihr Chloe relativ schnell erste Ergebnisse, die Catherine alles andere als zufrieden stellen. Zunächst möchte sie den Vertag schnell beenden, doch Chloe zeigt sich zunehmend von ihrer Auftraggeberin beeindruckt und lässt sich nicht so einfach abschütteln.
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| FILMKRITIK
In den Neunzigern zählte der Kanadier Atom Egoyan mit verschachtelt-enigmatischen Studien über intime, komplexe Beziehungswirren wie „Der Schätzer“ oder „Exotica“ zu den international bemerkenswertesten Autorenfilmern. Doch nach der Beschäftigung mit seinen armenischen Wurzeln in „Ararat“, sein anspruchsvollstes, um nicht zu sagen sein anstrengenstes Werk, entwickelten sich die Projekte des Film- und Opernregisseurs immer kommerzieller. „Chloe“, ein Remake des französischen Dreieckdramas „Nathalie“, stellt den ersten Film dar, der nicht auf einem eigenen Drehbuch basiert. Mit dem erotisch-provokanten Stoff „Secretary“ erwies sich Autorin Erin Cressida Wilson immerhin als kühne Chronistin menschlicher Abgründe. Insofern bleibt Atom Egoyan seinen Lieblingsthemen treu, wie er gleichsam das Aufbrechen von Familienstrukturen durch moderne Kommunikation und die Darstellung eigenen (Er-)Lebens in Erzählungen weiter verfolgt. Dabei erhält „Oral History“ ein Eigenleben, was bald nicht mehr zu kontrollieren ist und in das Schicksal der Protagonisten greift.
Als Fremdkörper dringt Luxuscallgirl Chloe in eine dysfunktionale Familie, deren Gefühle füreinander längst erkaltet sind. Inzwischen haben sich Ärztin Catherine und Musikprofessor David kaum noch etwas zu sagen, wobei die Medizinerin keinesfalls gleichgültig reagiert, als sie auf eine Affäre ihres Mannes stößt. Ebenso geht ihr Sohn Michael, ein talentierter, wenngleich introvertierter Klaviervirtuose, zu ihr auf Distanz. Chloe tritt ins Leben jeder der Familienangehörigen – bei jedem allerdings mit völlig unterschiedlichen Absichten. Ihr Hauptinteresse gilt Catherine, zu der sich die junge Prostituierte zunehmend hingezogen fühlt, was ihre Auftraggeberin beim Verführungsplan an ihrem offensichtlich untreuen Mann sowohl mit Faszination wie Abscheu erfüllt. Zunehmend steigert sich Catherine in eine Obsession hinein, die sie immer weiter von ihrem Mann entfernt.
Über weite Strecken zeigt sich die Neuinterpretation dem zähen Original in Schauspieler-, Kameraführung und visuellem Design weit überlegen. Man durchschaut die Intrige hier zwar ebenso schnell wie im Vorgänger, so dass die Enthüllungen am Ende kaum überraschen können. Das fällt allerdings weniger ins Gewicht, da Egoyan seine ambivalent gezeichneten Charaktere durchaus geschickter mit Leben füllt als Anne Fontaine, Regisseurin des französischen Originals. Zudem rückt er seinen Schauplatz Toronto optisch ansprechend als weiteren Hauptdarsteller ins Licht. Die klaren, direkten Einstellungen mit ihren Spiegeln und Fenstern bilden den Kontrast zu den Abgründen der Figuren, die in ihren Beziehungen nicht den rechten Halt finden und denen der Blick auf die wahren Emotionen entgleitet. Dabei überzeugt Shooting Star Amanda Seyfried, der in „Mama Mia“ penetrante Fröhlichkeit und in „Das Leuchten der Stille“ nur schmachtende Blicke abverlangt wurden, als zerrissenen-berechnende Strippenzieherin auf der Suche nach echten Gefühlen ebenso wie ihr Love Interest/Gegenpart Julianne Moore.
Leider gleitet das verführerische Spiel um Täuschung, Verrat, echte und falsche Nähe in den letzten Minuten zu einer weiteren Variante von „Verhängnisvolle Affäre“ ab. Das plakative Thrillerfinale raubt dem hintergründigen Drama jede Art von Geheimnis und reduziert Egoyans erste große Hollywood-Produktion auf die vordergründige Bedrohung von Familienwerten. Hier helfen auch die großartigen Darsteller nicht mehr weiter.
| FAZIT
Hinter-/abgründiger Reigen um Verführung und Kontrolle mit fadem Thriller-Ende nach Hollywood-Manier.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung