Jurist David Böttcher hat nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit eine neue Stelle bekommen: er soll als Insolvenzverwalter eine kleine Firma liquidieren. Dass er andere entlassen muss, geht ihm zu Herzen, besonders das Schicksal der verzweifelten Frau Blochs – doch die lässt ihn nicht los, ruft ihn an, taucht bei ihm am Arbeitsplatz auf – und eines Tages findet Böttcher sie in ihrer Wohnung, erhängt. Und erfährt nicht nur, dass sie schon lange vorher entlassen worden war – sondern auch, dass sie schon seit vielen Tagen tot ist.
Böttchers Verstand scheint verrückt zu spielen: kehrt die Angstpsychose zurück, wegen der er schon in psychiatrischer Behandlung war? Aber es fühlt sich diesmal ganz anders an… Seine Frau und sein Sohn gehen auf Distanz zu ihm, die Schwiegermutter hetzt gegen ihn, und immer wieder Frau Blochs, immer wieder diese merkwürdige Atmosphäre um ihn herum. Ist das Schizophrenie, oder ist da wirklich Böses im Spiel?
WERBUNG
| FILMKRITIK
Am Anfang ist die Wohnung leer, Staub tanzt im Sonnenlicht, und der Sohn sucht die Eltern – er ruft, niemand antwortet. Von Raum zu Raum tapst er, er ist allein, einsam – dann bricht es aus dem Schrank, das Gruselmonster – der Vater, alles war ein Spiel, nicht ernst, nur Vorgegeben, ein Vergnügen. Dargebracht aber als tatsächlich verzweifelte Wirklichkeit: und das setzt den Ton für die Atmosphäre des Films.
Erzählt wird vom arbeitslosen Juristen David Böttcher, der eine neue Stelle bekommt: der sinister wirkende Herr Manz will seine Firma abwickeln lassen, Böttcher soll als Insolvenzverwalter liquidieren, sprich: die Leute rausschmeißen, gucken, was noch übrig ist an Wert. Das Büro ist groß und leer, besonders eine der Angestellten, Frau Blochs, ist verzweifelt – soweit folgt der Film den typischen deutschen Geschichten von sozialer Misere, von dem Verhältnis des Menschen zu seinen Arbeitswelten, und ebenfalls typisch ist die Durchsetzung dieser Beschreibung von Lebenssituationen mit kleinen Brocken von Genre-Standardsituationen, in diesem Fall des Horrorfilms: Flackernde Lichter, knarzender Heizung, sich schließende Türen und sich öffnende Fenster, ein rauschendes Radio ohne Empfang – das alles hat man schon häufiger gesehen, vielleicht auch besser, und zunächst scheint das alles ganz und gar metaphorisch zu sein: gewisse moderne Arbeitswelten sind unmenschlich, wie der reine Horror; aber eigentlich ist alles in der Realität verwurzelt.
Dann aber wird diese Metapher real genommen, und der Film macht den Schwenk hin zum wirklichen Horror, nicht zum scheinbaren, begibt sich ganz ins Genre – das ist fast schon eine Ausnahme im deutschen Kino, und es ist ziemlich großartig; scheinen doch Genrefilme in Deutschland recht verpönt zu sein.
Böttcher sieht tatsächlich Frau Blochs, die, wie wir erfahren, schon seit Tagen tot ist; er wird tatsächlich von etwas Bösem verfolgt – und dieses Böse ist er vielleicht selbst, ein weiteres Genre-Special, das Regisseur Alexander Adolph einbaut: die Unauflöslichkeit von Wahnsinn und Übernatürlichem, die Unbestimmtheit zwischen natürlicher – psychologischer – und unnatürlicher – horrorfantastischer – Erklärung.
Was zunächst zwar gekonnt Stimmung verbreitete, wird nun tatsächlich unheimlich-atmosphärisch. Nicht zuletzt wegen der Nebenfiguren: Herr Manz, der ganz undurchschaubar bleibt – und dem ein ganz grausiges Ende beschieden ist; oder Böttchers Schwiegermutter, die wie ein großer grauer Fels immer wieder irgendwo steht und auf ihn giftet: bad vibrations überall, kein Wunder, dass er es auch in der kalten Atmosphäre des leeren Büros nicht mehr aushält. Sein Wahnsinn – vor Jahren war er in einer Klinik wegen eines Angstkomplexausbruches – scheint wiederzukehren, Paranoia, Schizophrenie – oder ist da tatsächlich etwas Böses, etwas, das ihn verfolgt, angreift, seinen Wahnsinn benutzt über üble Zwecke?
An Christian Berkel beweist Alexander Adolph zum zweiten Mal, welch großartiger Schauspielerregisseur er ist – in seinem Debütspielfilm „So glücklich war ich noch nie“ hatte er Devid Striesow zu einer großartigen Leistung geführt, nun besticht Berkel als Verzweifelter, der mehr und mehr neben sich steht. Das Glück mit der Familie, der Druck des Berufes, die Anfechtungen durch das Grauen – die Stufen seines Niederganges zeichnen sein Gesicht, seine Bewegungen, seine ganze Existenz in diesem Film.
Am Ende verbünden sich sein Wahnsinn und seine Wahnsinnsgebilde zu eigenen Wesenheiten – die völlige Abkehr vom Realen ist vollzogen, und Alexander Adolph hat mit diesem Film ein Beispiel gesetzt: man kann realistische Filme mit realistischen Themen auch im Fantastischen, im Bereich von Genres umsetzen: ein Impuls, den das deutsche Kino nötig hat.
| FAZIT
Das Angestelltenleben als Horrortrip: Alexander Adolph gelingt die Überführung eines realistischen Sozialdramas ins von Wahnsinn durchsetzte Horrorgenre.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung