Montag | 28. Mai 2012 | 18:13 Uhr
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  • FILM REVIEW | Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben
  • Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

    Drama, Komödie, Fantasy | Deutschland / Frankreich / Großbritannien / Spanien / Thailand 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Boonmee ist schwerkrank, seine Schwester und der Neffe besuchen ihn in seiner Urwaldfarm im Nordosten Thailands. Und auch andere Gäste stellen sich ein: der Geist seiner verstorbenen Frau, sein vermisster Sohn in Affengestalt – die Vergangenheit wird gegenwärtig, das Reale verbindet sich mit dem Mythischen, beides geht ineinander auf, löst sich zu märchenhaften, metaphorischen Sequenzen auf, ohne den Bezug zur Wirklichkeit des Sterbens, zum alltäglichen Dasein in Thailand zu verlieren.
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      • | FILMKRITIK

      • Lange Kamerablicke auf grünen Dschungel, Protagonisten mit langsamen Bewegungen ohne größere Regungen, rudimentäre Dialoge, dazwischen ruhige und geruhsame Fantasiesequenzen, fragmentarische Einblicke in thailändische Tradition und Mentalität: ist das überhaupt interessant, geht uns das etwas an, ist das nicht nur kitschiger Kunstquatsch aus den Randgebieten der cinematographischen Welt? Tatsächlich ist „Oncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ um einiges besser, als sich vermuten lässt; ja: die Goldene Palme von Cannes geht in völlig Ordnung.

        Dies ist kein Film, den man im normalen westlichen Kino gewöhnt ist; keine wirkliche Handlung, keine wirkliche Dramaturgie, eine äußerst langsame Erzählweise – dennoch wirkt der Film weniger langweilig als beruhigend, eine Art Rückzugsort für den Kinozuschauer, der sich fallen lassen und etwas ganz anderes erleben kann.

        Vom Zuschauer wird etwas gefordert, was die Figuren im Film verinnerlicht haben: sich öffnen für das, was kommt, es ohne Klagen annehmen, sich auf das Neue einlassen, auch wenn man nicht alles versteht. Onkel Boonmee in seiner kleinen Waldfarm im Grenzgebiet zu Laos wird sterben, sein Arbeiter aus Laos ist bei ihm, die Schwester und deren Sohn besuchen ihn. Und es kommen auch noch andere, Wesen aus längst vergangenen Zeiten, herüber aus dem Totenreich, die gelassen und selbstverständlich empfangen werden zum Essen und zum Gespräch: Boonmees vor vielen Jahren verstorbene Frau, der Sohn, der im Urwald vermisst wird und nun in Form eines Affengeistes wiederkehrt. Dazu kommen verschiedene märchenhafte Sequenzen, die gar nichts mit Boonmees Sterben zu tun haben – und immer wieder sozusagen realistisch-chirurgische Szenen von privat im Schlafzimmer durchgeführten Nierendialysen.

        Das Vergangene und die Gegenwart, das Diesseits und das Jenseits, Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen, die Grenzen lösen sich auf – ganz behutsam und unaufgeregt erzählt, so wie sich auch die menschlichen Filmfiguren über gar nichts wundern. Für westliche Zuschauer (wie mich) ist vieles unverständlich; es gibt wohl auch viele subtile Anspielungen auf die wechselvolle Geschichte des thailändischen Nordosten, der in den letzten Jahrzehnten von einem Krieg nach dem anderen, von verschiedenen Armeen und Machthabern überflutet wurde; ebenso wie auf thailändische Mythen, Sagen, religiöse Vorstellungen. Aber das muss man gar nicht verstehen: vielmehr zeigt gerade dies einen gewissen authentischen Touch.

        Der Film wurde nicht offensichtlich-offensiv für ein weltweites Publikum gedreht, er ist überhaupt nicht orientiert auf Zuschauerzahlen oder darauf, im Ausland etwas über Thailand erfahrbar zu machen. Das macht einen Großteil der Sympathie aus, die man dem Film entgegenbringt – im Gegensatz etwa zu „Eine Perle Ewigkeit“, dem Berlinale-Gewinner von 2009, der allzusehr auf die Tränendrüse des globalen Weltkinogoutanten drückt.

        Wobei: Ohne den Westen hat Regisseur Apichatpong Weerasethakul den Film eben doch nicht gedreht, er ist entstanden unter anderem aus einer Kunstinstallation, die Weerasethakul für das Haus der Kunst in München 2009 konzipiert hat. In diesem Zusammenhang gesammelte Tagebuchaufzeichnungen, Gedanken und Erinnerungen hat Weerasethakul das Drehbuch des Filmes zusammengestellt, eines filmischen Dokumentes ganzheitlichen thailändischen Denkens.
      • | FAZIT

      • Eine völlig andere Art Kino: Meditativ, märchenhaft-mythisch, abgewendet von der Welt, hingewendet zum eigenen Selbst.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 5.5/10 (2 votes)

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