Drama,
Komödie,
Satire
| Deutschland / Schweiz / Österreich 2009
| INHALTSANGABE
Als Adolf Hitler vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien kommt, will er eigentlich Maler werden, ist sich sicher, die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie zu schaffen. Doch er hat kein Geld und keine Unterkunft und nistet sich im Obdachlosenasyl ein. Dort begegnet ihm Schlomo Herzl, der in unter seine Fittiche nimmt – obwohl Hitler immer wieder in herzzerreißende antisemitische Hasstiraden verfällt. Schlomo sieht in Hitler das unsichere Kind, das noch keinen gefestigten Charakter hat, das er mit Menschlichkeit und Güte zu einem guten Menschen formen kann. Doch Hitler hat auch Kontakt zu militanten Antisemiten, fällt an der Akademie durch, und er verliebt sich auf seine verschrobene Art in Gretchen, der schönen Tochter seiner Wirtin. Die wiederum ein ganz besonderes erotisch-unschuldiges Verhältnis zu Schlomo hat, was Hitler weiter gegen Schlomo und die Juden allgemein aufhetzt und in ihm Allmachtsphantasien reifen lässt.
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| FILMKRITIK
Für alle, die das zugrundeliegende Theaterstück von George Tabori kennen: Nein, Gretchen (Anna Unterberger) läuft nicht über viele Szenen des Stückes hin nackt herum – auf dem Münchner Filmfest erklärte Regisseur Urs Odermatt auf Anfrage des Verfassers dieser Review, dass die Nacktszenen wohl gedreht worden seien, dass dabei aber Götz George in seiner Rolle als Schlomo Herzl zu sehr in seinem Schauspiel abgelenkt worden sei…
Das eher züchtige Gretchen ist die wohl weiteste Entferung des Films von seiner Vorlage – sonstige Änderungen sind vorwiegend der Filmwerdung geschuldet: „Mein Kampf“ haftet nichts bühnenhaftes mehr an, Ausstattung und verschiedene Szenerien, filmische Herangehensweise und Schauspiel sind durchaus fürs Kino gemacht. Das Theaterhafte liegt eher an der zugrundeliegenden Experimentalkonstellation – Film strebt halt tendenziell doch eher nach Realismus, nach Historizismus, besonders wenn es sich um einen deutschen Film handelt, speziell beim Thema Hitler und Nazitum. Tabori hat eine Farce geschaffen, absurd, satirisch, mit Witz und dem Stachel des Scharfblicks, mit dem er in der deutschen Wunde kitzelt.
Es geht um Adolf Hitler, damals, im Wien vor dem Ersten Weltkrieg, als er sich vergeblich bei der Kunstakademie bewarb mit seinen vielen Bildern „im Zwielicht“ – einer der Running Gags im Film – und im Obdachlosenasyl wohnte. Hier erdichtete Tabori Hitlers Begegnung mit dem Juden Schlomo, der ihn unter seine Fittiche nahm, ungeachtet von Hitlers cholerisch-paranoid-antisemitischem Temperament. Hitler ist hier eine Lachfigur – und zugleich ein unheimlicher Dämon, ein egomanischer Giftzwerg, der hier in Wien seinen Drang zur Weltherrschaft entdeckt. Die Schatten der Zukunft werfen stets ihre Schatten zurück – ein bisschen zu oft lässt der Film Wortspiele mit Nazifloskeln wie „Arbeit macht frei“, mit dem „totalen Krieg“ oder „hart wie Kruppstahl“ einfließen, das hat etwas allzu Kalauerhaftes: Witzchen nehmen da der drohenden Zukunft die Kraft, dabei zielt das Stück doch genau darauf: Auf die Diskrepanz des kleinen Adolf in Wien mit dem Bild des großen Hitler später in Berlin.
Tom Schilling spielt seinen Hitler als Milchbubi-Würstchen, der sich in Größenwahn und Hass verfängt, Götz George ist der Sanft-Menschliche, der gar nicht merkt, was er da heraufbeschwört mit seinen Betüttelungen des jungen Adolf. An diesem Hitler prallt jede Menschlichkeit ab, doch das merkt Schlomo erst viel zu spät.
Die Verfilmung lebt natürlich von der Stärke ihrer Vorlage – die nicht als ernstzunehmende Charakterisierung von Hitler und dem Hitlerwahn zu lesen ist, sondern als anderer, grotesk verschobener Blickwinkel auf das Bild, das Hitler selbst und die schreckliche Historie vom Gröfaz gezeichnet haben. Dabei verliert der Film gegenüber dem Stück, er wirkt mitunter zu sehr auf oberflächliche Lustigkeit getrimmt, erscheint auch etwas zahnloser, vielleicht, weil manches zu plakativ dargestellt ist, anderes zu weich, zu zurückgenommen – die fehlende Gretchen-Nacktheit ist ein bezeichnendes Symptom.
Vielleicht darf man Hitler heute noch nicht völlig lächerlich darstellen, vielleicht traut man sich auch nur noch nicht – zu sehr muss die richtige Gesinnung nicht nur mitgedacht, sondern mit dargestellt werden. Daran krankt ja auch Dani Levys „Mein Führer“. Irgendwann wird es dann vielleicht eine wirkliche Hitler-Farce geben.
| FAZIT
Historien-Farce, die mit satirisch-grotesken Mitteln in den Kern von Hitlers Dämonie vorstoßen möchte – wobei der Film gegenüber George Taboris Bühnenstück-Vorlage leider abfällt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung