New York, 1937: Der junge Richard Samuels gerät in die Kreise von Orson Welles’ Mercury-Theatre, der hoffnungsvolle Jungschauspieler erhält tatsächlich einen kleinen Part in Welles’ „Julius Caesar“-Produktion. Die Broadway-Karriere scheint greifbar nahe. Und er, der 17jährige, verliebt sich in Sonja, unnahbares Mädchen für alles im Theater. Doch Welles ist ein Egomane, der zwar genial ist, neben sich aber nichts gelten lässt. Und auch er hat einen Blick auf Sonja geworfen… Richard findet sich in einer Welt der Egos wieder, wo aus größtem Chaos größte Kunst geschaffen wird – und wo man leicht unter die Räder kommen kann.
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| FILMKRITIK
Der gerade mal knapp über 20jährige Orson Welles war 1937 schon auf der Höhe seiner Kunst, seiner Energie – und noch nicht beim Film gelandet. Das New Yorker Mercury-Theater war seine Spielstätte, dazu kamen Radioengagements: „The Shadow“, das war seine prägnante Stimme, eine Nachrichtensendung, Hörspiele nach literarischen Klassikern. Was im Film vorkommt, ist verbürgt: dass er sich einen Krankenwagen mietete, um möglichst rasch durch New York brausen zu können, von seinem Theater zu den Funkhäusern.
Unglaublich energiereich, energetisch tritt Orson Welles auf, voll jugendlichem Schwung, eloquent, schlagfertig, witzig, ein Charmeur, ein Verführer, der kleine Taschenspielertricks draufhat, für eine kleine Rundfunkangestellte eine Rose herzaubert, um zu bekommen, was er will, der schnell denkt, schnell entscheidet, impulsiv reagiert, ein Egozentriker, ein Egomane, der neben sich nichts gelten lässt, der andere runterlaufen lässt, der sich um ihre emotionalen Verletzungen nicht kümmert: „self-centered and brilliant“, heißt es einmal im Film, das ist eine recht akkurate Charakterisierung des jungen Genies. Christian McKay gibt sich ganz dieser Rolle hin, lässt sich auch nicht von den großen Welles-Mythen beirren, benutzt sie eher, und da muss nicht alles realistisch, historisch-biographisch korrekt sein – obwohl: vielleicht ist es das? Mitunter meint man, McKay spiele nicht Welles, sondern eine seiner Figuren: den jungen „Citizen Kane“, oder, in jugendlichem Alter, den Hank Quinlan aus „Im Zeichen des Bösen“, der für seinen Instinkt alles und jeden opfern würde, auch sich selbst.
In die Kreise von Welles’ Mercury-Theater gerät der junge Highschool-Student Richard Samuels, ein hoffnungsvoller Möchtegernschauspieler, er ergattert eine kleine Rolle als Lucius in Welles Shakespeare-Inszenierung „Julius Caesar“: und während Richard Linklater auf der eine Seite ein Porträt des Künstlers Welles als junger Mann zeichnet, auch eine Art fiktionales Making of von Welles’ großartiger, legendärer „Julius Caesar“-Inszenierung, führt er auf der anderen Seite eine Coming of Age-Geschichte heran, eine education sentimentale des jungen Richard, der ganz unbedarft, als reiner Tor, hineingerät in die Welles-Welt, in die Welt der schauspielerischen Egos künftiger Stars auf der Theaterbühne. Dort herrschen Chaos, Geldmangel, Reibereien, Rivalitäten, über allem Welles, der nie schläft und nur ab und an Zeit findet für eine kleine Zerstreuung – sprich: die Verführung der Frauen, die von ihm abhängig sind.
Die Welles-Welt überschlägt Richard wie eine Welle, er lernt ein neues Leben kennen, an das er sich mehr und mehr adaptiert – und er ist zugleich noch verwurzelt im Außen, muss sich vor der Familie rechtfertigen, muss zur Schule; und lernt eine junge hoffnungsvolle Nachwuchsschriftstellerin kennen, die wie er ist, nicht abgehoben wie die Theaterleute, nicht hochauffliegend – das Gegenstück auch zu Sonja (Clare Danes), Managerin im Mercury-Theater, eigenwillig, zielbewusst, die dennoch alles tut für ihre Theaterkarriere; und an der Richardss Herz bricht, ein kleiner Teil zumindest.
Linklater setzt – wie eigentlich immer – seine ganze große Inszenierungskunst ein, um mit viel Witz und viel Gefühl den Eintritt von Richard in die Mercury-Sphäre zu zeigen; besonders gelungen aber ist, wie er Welles’ Theaterinszenierung nachinszeniert, als großartiges Geniestück des jungen Bühnengottes, voll Gespür für dramatische Wirkung und für die Relevanz des Stückes – Linklater bettet dieses Theaterstück in seinen Film ein, und in ihm spiegelt sich Welles’ Genie ebenso wie die Machtverhältnisse und die Selbstüberhöhungen hinter den Kulissen.
| FAZIT
Voll Witz und Gefühl porträtiert Linklater Orson Welles in seiner Zeit am New Yorker Theater und kreuzt diesen künstlerbiographischen Teil mit der Coming of Age-Geschichte eines jungen Schauspielers auf der Suche nach sich selbst.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung