Seit längerer Zeit lebt die Witwe Hye-ya allein mit ihrem einzigen Sohn Do-joon. Der 26-Jährige ist ein stiller, zurück gebliebener Typ, der keine Chance beim weiblichen Geschlecht besitzt und von seiner Mutter überfürsorglich umsorgt wird. Nach der Ermordung eines Schulmädchens gilt der hilflose junge Mann, der dem Opfer nachts zum Tatort folgte, als Hauptverdächtiger. Ohne echte Beweise wirkt er für die Polizei, die ihn bald festnimmt, als idealer Schuldiger. Nachdem die Beamten beim Verhör ein Geständnis erpressen und sein Anwalt sich als eher unfähig erweist, beschließt Do-joons Mutter, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und diversen Spuren nachzugehen, um dessen Unschuld zu beweisen.
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| FILMKRITIK
Mit nur vier Langfilmen zählt Bong Joon-ho inzwischen zu den wichtigsten koreanischen Regisseuren. Sein aktuelles Werk „Mother“ wurde nach der Cannes-Premiere nicht nur durch zahlreiche weitere Festivals gereicht und von Südkorea als Oscar-Kandidat ausgewählt, sondern gelangte dort auf Platz sieben der Jahrescharts (auf Platz eins steht der Katastrophenthriller „Haeundae“). Stilistisch und inhaltlich knüpft Bong Joon-ho an das Polizeidrama „Memories of Murder“ über Ermittlungen in einer ungelösten Mordserie an, wo ein hartnäckig-verzweifeltes Team mehrere Theorien untersuchte. In „Mother“ erweist sich das Beamtenteam jedoch als reichlich unfähig und greift kurzerhand nach der einfachsten Lösung, die für alle am bequemsten erscheint – für alle, außer der unglücklichen Mutter des Beschuldigten
Allein die Apothekerin Hye-ja glaubt an die Unschuld ihres Sohnes und untersucht eigensinnig, unnachgiebig sowie zunehmend fanatisch den Fall weiter. Wie in Akira Kurosawas „Rashomon“ kommen dabei immer neue Details ans Licht, die das Geschehen von einer differenzieren Perspektive beleuchten. Dabei schreckt die besorgte Erzieherin, die zuvor mit ihrem trotzigen Sohn sogar das Bett teilte, nicht davor zurück, sich im Haus von vermeintlichen Verdächtigen zu verstecken und selbst zu verwerflichen Taten zu greifen. Im Gegensatz zu „Rashomon“ oder „Memories of Murder“ präsentiert Bong Joon-ho am Ende eine Auflösung, die im Gestrüpp aus Schuld und Sühne reichlich unbequem ausfällt sowie der Gerechtigkeit nicht unbedingt genüge tut.
Wie schon in seinen früheren Werken liegt seine Stärke in der glaubwürdigen Charakterisierung der Kleinstadt und ihrer Bewohner - skurrile Figuren mit nicht immer liebenswerten Eigenheiten und Macken. Stets hält Bong Joon-ho die Balance aus Komik und Tragödie, wobei der lakonische Humor im nächsten Moment in sein Gegenteil umkippen kann. Mitunter konzentriert sich der koreanische Filmemacher, zu dessen Vorbildern Hitchcock ebenso zählt wie die Coen-Brüder, etwas ausführlich auf die Milieustudie zwischen Golf-, Parkplatz, Polizeirevier, Unterhaltungslokal und ländlichem Setting. Doch im nächsten Moment erweist es sich, dass zunächst scheinbar unwichtige Details im Verlauf der Amateur-Ermittlungen eine entscheidende Rolle spielen, während anfangs heiße Spuren im Sande verlaufen.
Stets schlägt die unvorhersehbare Verbrechensstudie neue Voten und bietet einen tieferen Einblick in die Psyche der Charaktere als es der komödiantische Einstieg andeutet. Gerade die Figur der namenlosen Mutter, die häufig wenig sympathische, mitunter gar unberechenbare Züge aufweist, lässt ähnliche Abgründe wie bei weiteren Charakteren des Kleinstadtdramas erkennen. Leider erscheint das Finale der bestechend fotografierten Studie zu sehr in die Länge gezogen, obwohl die enigmatische Schlusseinstellung einen Bogen zum Beginn schlägt.
| FAZIT
Meisterliches, tragikomisches Krimidrama über Schuld, Wahrheit und die Verstrickung des Einzelnen darin mit einem zerdehnten Schlussakt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung