Montag | 28. Mai 2012 | 09:31 Uhr
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  • FILM REVIEW | Das letzte Schweigen
  • Das letzte Schweigen

    Thriller, Drama | Deutschland 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Im Juli 1986 wird die elfjährige Pia in einem Kornfeld von Hausmeister Peer Sommer vom Fahrrad gezerrt, vergewaltigt und erschlagen, während dessen Bekannter Timo Friedrich in Sommers Wagen entsetzt, aber tatenlos zusieht. Nach dem Verbrechen verlässt Friedrich übereilt die Stadt. Auch 23 Jahre später bleibt der Vorfall unaufgeklärt. Zu Ende seiner Dienstzeit erinnert sich Kommissar Mittich an den Fall, während das Tatortmodell immer noch im Archiv verstaubt.

    Doch auf den Tag genau nach dem ersten Verbrechen verschwindet erneut ein Mädchen. Das Fahrrad der 13-jährigen Sinikka taucht an gleicher Stelle auf, wo Pias Mutter Elena Lange regelmäßig Blumen hinterlegt. Als der an Depressionen leidende Kommissar David Jahn die Nachforschungen aufnimmt, wendet er sich an Mittich, was sein Kollege Mattias Grimmer, Jahns Kontrahent, mit Argwohn zur Kenntnis nimmt.

    Derweil wird Timo Friedrich, inzwischen erfolgreicher Architekt und selbst Vater zweier Kinder, aus seinem idyllischen Familienalltag gerissen. Durch die Suchmeldungen aufgeschreckt, fragt er sich, ob sein alter Bekannter Peer Sommer erneut für das Verschwinden des Teenagers verantwortlich war und nimmt erstmals nach langer Zeit wieder Kontakt mit ihm auf.
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      • | FILMKRITIK

      • Mit rund einem Dutzend Stars adaptierte Baran bo Odar den zweiten Polizeiroman des hessischen Autors Jan Costin Wagner um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa, wobei er die Suche nach einem verschwundenen Mädchen von Finnland nach Deutschland verlegte. In gleichem Maße wie Ermittler Joentaa, hier David Jahn (Sebastian Bloomberg) genannt, steht jedoch Familienvater Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring) im Zentrum, der vor 23 Jahren am Mord eines anderen Mädchens durch Hausmeister Sommer (Ulrich Thomsen) beteiligt war.

        Es verwundet schon, dass ausgerechnet „Das Schweigen“ mehrere Adaptionen fand, denn abgesehen von ihren literarischen Qualitäten wird die düstere Verbrechensstudie weitgehend aus der Innenperspektive der Protagonisten geschildert, deren Schicksale hier miteinander verknüpft sind. Im Grunde lässt sich das Erzählprinzip im rein akustischen Medium leichter umsetzen. Neben der regulären, gekürzten Lesung durch Matthias Brandt existiert zudem ein einstündiges, prominent besetztes WDR-Hörspiel, wo man (wohl aus Zeitgründen) auf die Polizeirecherchen komplett verzichtete. Den Pornografieliebhaber und Kindermörder spricht hier Vadim Glowna, der sicherlich in der Verfilmung ebenso ein treffliches Täterprofil abgeliefert hätte, für die Rückblenden aber schon zu alt wäre. Davon abgesehen wirken auch Möhring und Thomsen, der inzwischen fast akzentfrei deutsch spricht, wohl kaum 23 Jahre gealtert, aber darüber lässt sich hinweg sehen.

        Zwar wurde „Das letzte Schweigen“ vom „Kleinen Fernsehspiel“ mitfinanziert, aber bei Baran bo Odars zweitem Langfilm handelt es sich keinesfalls um ein aufgeblasenes TV-Format, sondern um echtes Kino. Odar und sein talentierter Kameramann Nikolaus Summerer finden eindrucksvolle Bilder für die Ohnmacht der Ermittler und die um sich greifende Verzweiflung der Eltern. Mit wiederholten Kameraflügen über Wälder und Zeitlupeneinsatz unterstreichen sie die vergeblichen Suchanstrengungen und die unausrottbare Macht des Bösen, das stets von neuem zuschlagen kann. Dank starker Darsteller offenbart sich die schicksalhafte Verknüpfung der Biografien von Polizisten, Täter und Eltern der Opfer. Mehrere unglückliche Paarbeziehungen stehen sich gegenüber: die zwei Täter, die beiden verfeindeten Hauptermittler, Sinnikas Eltern in angespannter Beziehung sowie die beiden einsamen Seelen - Ex-Kommissar Mittich und Pias trauernde Mutter.

        Zwar setzt die gradlinigere Verfilmung weniger stark auf dem Bewusstseinstrom des schuldigen Mitwissers Friedrich, der von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird – ausgelöst etwa durch das Quietschen der Schaukel vor Sommers Wohnung oder Impressionen eines Kindes auf einem Trampolin. Trotz entscheidender Änderungen gegen Ende, welche die Story noch düsterer erscheinen lassen, fängt die dramatische Story um Schuld und Sühne den Geist der Vorlage weitgehend getreu ein, übertreibt es aber gelegentlich mit Gefühlsausbrüchen.

        Hier bewies die sensibel-melancholische Vorlage wesentlich mehr Zurückhaltung. Angesichts der überzeugenden Besetzung, die Nuancen ihrer Charaktere trefflich auszuspielen vermag, wären stete Zornesregungen und Angiftungen nicht notwendig gewesen. Tiefpunkt stellt die finale, laute Auseinandersetzung des unter dem Tod seiner Frau leidenden Kommissars und seines von Oliver Stokowski verkörperten Antipoden dar, die wie in einem platten Fernsehkrimi mit Holzhammerdramaturgie ausfällt. Gerade davon wollte sich Baran bo Odar eigentlich absetzen. Zuvor bewies er schließlich zu Genüge sein Gespür für großes Kino. Bleibt zu hoffen, dass er künftig diese Linie fortsetzen kann und nicht wie Dutzende von Kollegen sein Dasein beim ARD-„Tatort“ fristen wird.
      • | FAZIT

      • Dicht inszenierte Kombination aus Polizei- und Psychothriller mit einigen überzogenen Einlagen.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Gregor Ries

      • | Userwertung

      Wertung: 8.0/10 (9 votes)

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