Montag | 28. Mai 2012 | 13:27 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Reviewübersicht > Reviewdetails
  • FILM REVIEW | Sideways
  • Sideways

    Abenteuer, Drama, Komödie | USA 2004
  • | INHALTSANGABE

  • Miles schenkt seinem alten College-Kumpel Jack zur Hochzeit eine einwöchige Reise durch die Weinberge Kaliforniens, als Abschied vom Junggesellendaseins. Während Miles, der sich von seiner zwei Jahre zurückliegenden Scheidung noch immer nicht erholt hat, Entspannung beim Golfspielen und Weintrinken sucht, will Jack in seiner letzten Woche in Freiheit so viele Frauen wie möglich flachlegen.

    Die beiden treffen auf Maya und Stephanie; und während sich Miles und Maya über ihre Liebe zum Wein langsam näherkommen, weiß Jack schon nach einer Nacht, dass Stephanie wie ein Tier fickt. Und er beginnt, seine Hochzeitspläne nochmal zu überdenken, die er gegenüber Stephanie sowieso vorsorglich verschwiegen hat. Als die Lüge herauskommt, kriegt Jack was auf die Nase; doch für Miles ist viel schlimmer, dass dadurch auch die zarte Liebe zu Maya zerstört scheint...
    WERBUNG
      • | FILMKRITIK

      • Ein wenig Zitrone, etwas Erdbeere, Passionsfrucht, ein Hauch Spargel und ein kleines bisschen Edamer oder so was: Miles hat einen ausgeprägt guten Gaumen, wenn es um die Geschmacksnuancen eines Weines geht. Mit seinem Leben kommt er sehr viel weniger zurecht, und das schon seit Jahren. Genussvoll ergeht er sich in seinen ausgespielten Depressionen, er weidet sich in Neurosen, um im Selbstmitleid seine eigene Existenz zumindest ex negativo zu erfahren.

        Jack ist von gänzlich anderem Kaliber. Er trinkt, was ihm vorgesetzt wird, und er nimmt die Frauen, wie sie kommen. Als Schauspieler, wenn auch nur in Werbespots, fliegen ihm die Herzen liebeshungriger Frauen nur so zu; auch wenn den Frauen erst durch Jacks Anmache ihr Liebeshunger bewusst wird. Dieser Jack wird in wenigen Tagen heiraten, ein Grund für ihn, nochmal so richtig die Sau rauszulassen auf der Reise zu Wein und Weib.

        Miles ist ein extrovertierter Depressiver, der seinen privaten Weltschmerz auf seine Mitwelt verströmt; gleichzeitig geht er nicht aus sich heraus, für jede seiner Bewegungen muss er sich erst stark bemühen, einen Impuls zu finden – während Jack frei seine Triebe lebt und sein Inneres verschließt, auch vor sich selbst. Jack verliert sich in seinen oberflächlichen Geschichten zwischen Werbung und One-Night-Stand und fürchtet sich vor dem Festlegen, vor der Hochzeit.

        Zwei völlig unterschiedliche Figuren, die dennoch etwas gemeinsam haben: Die Krise der über Vierzigjährigen, deren Zwischenbilanz des Lebens bei plus-minus Null liegt; das Weiterkommen auf dem weiteren Weg ist schwierig, denn beide sind gefangen in den Lebenswegen der Vergangenheit, jetzt haben sie sich verloren auf den Nebenstraßen, und sie sind auf der Suche nach einem Ortsschild, das die Zukunft anzeigt.

        Alexander Payne liebt Geschichten über den ganz normalen Menschen, der sich in seinem bisherigen Leben verstrickt hat und neue Wege, Auswege sucht; und auch wenn diese Payne-Figur wie in „About Schmidt“ von einem Superstar wie Jack Nicholson gespielt wird, so scheint sie dennoch authentisch, aus dem Leben gegriffen. Payne gelingt es, seine Figuren ungewöhnlich genug zu zeichnen, dass sie interessant erscheinen, und sie gleichzeitig alltäglich erscheinen zu lassen, als wäre es der Nachbar, oder man selbst.

        Daraus ergibt sich die bittersüße Komik seiner Filme: Aus der direkten Beobachtung der Absurdität des ganz normalen Alltags, in dem die Figuren ganz absonderliche Dinge tun, die aber zugleich ganz selbstverständlich erscheinen. Es ist ungeheuerlich witzig, wenn Miles, eine volle Weinflasche austrinkend, in einem Anfall depressiver Wut einen Weinberg hinunterrennt, verfolgt von einem ob seines fortgeschrittenen Alters aus der Puste gekommenen Jack: Witzig allein durch den genauen Blick der Kamera, die Payne immer ganz spezifisch so ausrichtet, dass sie das Geschehen mit Abstand betrachtet und zugleich teilnimmt. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen der Einfachheit der Betrachtung und der Komplexität des Betrachteten – der Zuschauer identifiziert sich mit den Figuren und betrachtet sie zugleich von außen, in ihrem ganzen bizarren Verhalten.

        So überblickt der Film immer wieder sonnendurchflutete Weinberge, Bilder von erlesener Schönheit, die korrespondieren mit den vielen edlen Weinen, die im Film konsumiert werden – die Sicht auf die Schönheit der Natur, die zugleich vom Menschen kultiviert wurde und eben nicht mehr „echt“ ist. Das ist der Zwiespalt, der von der Kamera mit jeder Einstellung aufgedeckt wird: die vom Menschen gemachte Idylle, das Pittoreske, das gebrochen ist durch die Veredelung durch den Menschen, der sie zu schön macht, um wahr zu sein. Eines der Lokale ist so voll von alter Westernromantik, dass das Ambiente bis zum ausgestopften Büffel am Toiletteneingang reicht. Und die Weingegend, die für Miles ein Ort der Sinnstiftung ist in seinem verkorksten Leben, ist touristisch aufbereitet bis hin zur Massenabfertigung bei einer Weinverköstigung. Es ist genau dieser gleichzeitige Blick auf die Oberfläche und auf die darunter liegenden Schichten des wirklichen Lebens, die so komisch und so berührend sind.
      • | FAZIT

      • Fünf mal Oscar-nominiert: Ein Buddy-Road-Movie voller witziger Momente, die zugleich ein berührendes Verständnis der Figuren zulassen. Ein Meisterwerk.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 0.0/10 (0 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN