„Die Prinzipien der allgemeinen Rechtssprechung sind nicht nur kategorisch, sondern auch ... oder umgekehrt oder beides oder oder oder oder ...“ - damit katapultiert sich der junge Goethe (Alexander Fehling) 1772 ins Juristendoktoren-Aus. Ihn selbst kümmert das wenig – ist sein eigentliches Ziel doch ein berühmter Dichter zu werden –, seinen Vater (Henry Hübchen) dagegen umso mehr: Nicht gewillt, dieses „lächerliche Geschreibsel“ weiter zu finanzieren, schickt der alte Goethe seinen Sohn in die kulturelle Vergnügungspampa Wetzlar ans Reichskammergericht. Niedergeschlagen schwört Johann dem Schreiben ab und beackert fleißig einen Fall nach dem anderen. Erst die junge Lotte Buff (Miriam Stein) bringt Licht in seinen tristen Studiosus-Alltag: Goethe verliebt sich und alles scheint perfekt. Doch dann nimmt sich sein bester Freund (Volker Bruch) aus Liebeskummer das Leben und Goethe muss erfahren, dass seine Lotte längst in eine Vernunftehe versprochen ist...
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| FILMKRITIK
Bei einem sogenannten Biopic die Frage nach Authentizität zu stellen, ist zwar sehr naheliegend, aber auch nahezu müßig. Natürlich stimmt die Geschichte in ihren Grundzügen, aber selbstverständlich wurden auch Dinge weggelassen, andere wiederum dazu erfunden und wieder andere wurden aufgebauscht, dramatisiert und filmtauglicher gemacht... Viel interessanter ist, ob der Film „Goethe!“ als solcher funktioniert.
Bislang galt das Leben Goethes wohl als zu undramatisch, als dass sich ein Film über ihn lohnen würde. Philipp Stölzl und seine Mitdrehbuchautoren haben für den Film über den bedeutendsten Dichter und Denker Deutschlands das Lebensjahr vor der Entstehung seines ersten Romans herausgegriffen: Ein Jahr der Erfolglosigkeit, Selbstzweifel und vor allem eine Zeit, die von den Höhen und Tiefen der Liebe geprägt war. Wie bei so ziemlich jedem Biopic setzt die Filmhandlung ein, (lange) bevor der Protagonist zu der Legende wird, die uns heute (noch) bestens bekannt ist.
Aber zurück zur Frage der Funktionalität: Doch ja, „Goethe!“ hat in jedem Fall einige schöne Momente zu bieten. Die Lesung zu Beginn des Films zum Beispiel – mit wenigen Mitteln wird der Unterschied zwischen der damaligen Kunstszene und dem, wonach der junge Goethe und seine Gefährten streben, deutlich gemacht. Wunderbar gezeichnet ist die Figur der Lotte Buff: Ein selbstbewusster Lockenkopf, der sich nicht scheut, zu nehmen, was er will, sich im entscheidenden Moment dann aber doch zeitgemäß gegen die Leidenschaft und die Liebe, sondern für die Vernunft und vor allem für die Geschwister entscheidet. Eine echte Überraschung ist Moritz Bleibtreu in der Rolle von Albert Kestner – Johanns Vorgesetzter und Lottes Verlobter. Bleibtreu spielt den tumben Advokaten ohne Ironie und dessen Hilflosigkeit, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ernsthaft genug, um Mitgefühl beim Zuschauer zu wecken. Aber auch Alexander Fehling als die zukünftige Dichterlegende Johann Goethe findet Gesten und drückt beispielsweise Sprachlosigkeit mal durch verlegenes Lachen, mal durch Faustschläge in die Luft oder Tritte auf den Boden aus.
Störend hingegen sind die vielen auffälligen Parallelen zu dem TV-Biopic über Goethes Dichterkollegen und Freund Friedrich Schiller aus dem Jahr 2005. Ja, beides spielt nun mal in der gleichen Zeit und in beiden Fällen ist der Protagonist ein bis dato noch unbekannter Schriftsteller. Aber in beiden Fällen ist der gesamte Grundplot der selbe: Ein junger Mann – bislang von der zu seiner Zeit aktuellen Kunstszene unbeachtet oder gar missverstanden – verliebt sich zum ersten Mal, allerdings in eine Frau, die er nicht haben kann. Und über diesen Umstand gelingt ihm endlich der lang ersehnte literarische Erfolg. In „Schiller“ hilft ihm besagte Frau beim Schreiben von „Kabale und Liebe“, weil Schiller selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage ist und in „Goethe!“ ist es Lotte, die - naja, Sie werden es selbst sehen oder haben es bereits gesehen... Ein paar mehr Differenzen wären bei dem gleichen Ausgangspunkt schon wünschenswert gewesen und über die visuellen Effekte sei an dieser Stelle mal besser nichts gesagt, das können die in Hollywood einfach immer noch um Längen besser.
Am Ende schlägt der Film selbst die Brücke zwischen Fiktion und Realität, als die Frage nach der Wahrheit aufgeworfen wird. „Es ist mehr als die Wahrheit: Es ist Dichtung“, heißt es dann.
| FAZIT
„Goethe!“ zeigt einen rebellischen jungen Mann – bevor aus ihm das Universalgenie Johann Goethe wurde. Ein Kostümfilm mit vielen schönen Momenten, in dem so ziemlich jede männliche Figur Rotz und Wasser heult.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung