Montag | 28. Mai 2012 | 13:30 Uhr
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  • FILM REVIEW | Carlos, der Schakal
  • Carlos, der Schakal

    Thriller, Drama, Biografie | Deutschland / Frankreich 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Carlos, geboren als Ilich Ramirez Sanchez, ist ein Mythos des Terrorismus, Phantom und Phänomen, ideologischer Kämpfer und mordender Söldner, der seit Anfang der 70er sich in verschiedenen Terrorguppierungen aufhält, sein eigenes Netzwerk aufbaut und zwischen palästinensischen Aktivisten, Stasi, ETA, japanischer Rote Armee, vielen Kontakten zu verschiedenen Geheimdiensten in Nahost und Ostblock seine Aufträge akquiriert, seine Dienste anbietet und dabei einen Ruf aufbaut. Der Film folgt seinem Leben als professioneller Terrorist, beleuchtet den internationalen Terrorismus des Kalten Krieges faktenreich von innen heraus, zeichnet ein genaues Porträt des widersprüchlichen Charakters, zeigt sein blutiges Handwerk, seine berüchtigte Reputation wie auch sein Privatleben zwischen Freundschaften, Liebeleien und der Liebe und Ehe zu Magdalena Kopp.
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      • | FILMKRITIK

      • Hat der internationale Terrorismus heute andere Formen als früher zu Zeiten des Kalten Krieges? Damals ging es um politische Fronten, heute sind es kulturelle, pseudoreligiöse Kampflinien; die Lockmittel der internationalen Kämpfer sind wohl andere – hier revolutionärer Kampf, dort religiös-paradiesische Verheißung –, die Mittel unterscheiden sich – weil Anschläge auf Hochhäuser oder U-Bahnen nicht mehr primär politische Führer zum Ziel haben, sondern die Verängstigung des feindlichen Volkes.

        In den 70er und 80er Jahren gab es zwei Welten und eine eindeutige Grenze, die sich mitten durch Europa zog; es gab verschiedene Terrororganisationen mit unterschiedlichen Zielen, innenpolitisch-umstürzlerische wie die RAF, bürgerkriegsähnliche wie bei der baskischen ETA, kriegerische wie bei den Palästinensern. Und es gab Carlos, den legendären Strippenzieher, der im Hintergrund die Fäden zog, die irgendwo ihre Wirkung entfalteten.

        Olivier Assayas zeichnet den Werdegang dieses Terroristen aller Terroristen nach; Assayas ist einer der interessantesten französischen Regisseure, dessen Filme in Deutschland freilich kaum einen Verleih finden, der hierzulande daher weitgehend unbeachtet blieb. Das könnte sich jetzt ändern: Sein „Carlos“ kommt gleich in zwei Versionen in die hiesigen Kinos, als originale Fünfeinhalb-Stunden-Fassung (die ursprünglich als TV-Mehrteiler geplant war und u.a. bei der Uraufführung in Cannes und auf dem Münchner Filmfest einem begeisterten Publikum vorgeführt wurde) und gekürzt auf 190 Minuten. Und man kann gleich sagen: die 330 Minuten lohnen sich, auch wenn man Sitzfleisch braucht, wird es nie lang. Assayas findet von Anfang an seinen Rhythmus, führt seine herausragenden Darsteller – allen voran Edgar Ramirez in der Titelrolle – durch die Jahrzehnte überspannende Filmhandlung und vermag es, dank der dynamischen Inszenierung über die ganze Zeit seinen Erzählbogen beizubehalten (wobei nur in der letzten Stunde eine leichte Erlahmung des Erzählduktus aufscheint, was aber auch an unausweichlichen Erschöpfungserscheinungen beim Zuschauer nach einem Filmmarathon liegen kann).

        Carlos bleibt von Anfang an ein schillernder, widersprüchlicher Charakter, voll Eitelkeit, voll Charisma, ein Anführer, Organisator, Strippenzieher, Pragmatiker und Brutalo, zudem ein Ladie´s Man und Charmeur. Emblematische Szenen werden im Gedächtnis bleiben, wie er sich nackt vorm Spiegel selbst bewundert, wie er ganz straff und geordnet die Geiselnahme bei der Opec-Sitzung in Wien 1975 durchzieht, die dann doch schief geht, woraufhin er sich wie ein Schuljunge vor dem arabischen Terrorfürsten verantworten muss; wie er ohne Terrorauftrag, ohne Aktivität aus der Form gerät und dick und pummelig wird; wie eine Frau in seinem Auftrag sich durch Europa bombt, gespielt von Jule Böwe, deren Rolle gar keinen Namen bekommt, trotz ihrer Wichtigkeit…

        Das demonstriert auch Assayas’ Ansatz, der sich wohltuend vom Anspruch eines Bernd E. in seinem Film über die RAF abhebt: nämlich nicht detailversessen die historische Wahrheit nachstellen zu versuchen, was ohnehin nicht gelingen kann; sondern die innere Wahrheit des Terroristenlebens zu erforschen, zu zeigen ohne Anspruch auf letztgültige Wahrheit, ohne oberflächlich-redundante Verurteilung dessen, was ohnehin abstoßend ist. Und dabei auch vieles im Dunkeln zu belassen, weil es eher um Carlos’ Leben im Gesamten als um sein Werk en detail geht: Die weltweiten Kommunikationswege in der Prä-Internet-Ära etwa, mit denen sich Carlos international, von Japan über Nahost und Europa bis Südamerika vernetzte; die Auftraggeber, Missionen und Ziele, wenn Carlos mit seinen Getreuen im Ostblock Unterschlupf findet, mit der Stasi Kontakt aufnimmt, über Russland Waffen zur ETA schmuggelt: da tut er eigentlich nichts, lebt nur von seinem Ruf, von seinem berüchtigten Namen, der allein für sich schon Terror verbreitet.

        Am Ende seiner Laufbahn, als der Kalte Krieg vorbei und damit Carlos’ Geschäftsgrundlage entzogen ist, begibt er sich nach Afrika, zu den Islamisten, die sich im Sudan formieren; doch in dieser neuen Zeit des Terrorismus, der hier entsteht, wird er nicht mehr glücklich, findet sich nicht mehr zurecht. Der Terrorist wird festgenommen; der Terror setzt sich in anderer Form fort.

        Zusatz nach Sichtung der Dreistundenfassung: Tatsächlich bleibt auch in der kürzeren deutschen Kinofassung die Spannung erhalten; wenn sie auch faktenorientierter ist, sich mehr auf das Geschehen konzentriert und illustrierende, auch erklärende Hintergründe ausblendet - was ja verständlich ist, was sonst soll man kürzen. Interessanterweise wirkt die "Kurz"-fassung mitunter verwirrender als die vollen fünfeinhalb Stunden; und sie weist damit mehr Längen auf als die Langfassung.

        Insbesondere zwei Aspekte lässt die Dreistundenfassung fallen: das Handwerkliche des Terrorismus, das Akquirieren von Geld und Aufträgen, die mühsamen Vorbereitungen, die Logistik. Und Carlos als Verführer - einfach deshalb, weil einige seiner vielen Freundinnen als Nebenfiguren wegfallen; auch die Geschichte seiner Ehe, das dramatische Dreiecksverhältnis zwischen ihm, seiner Ehefrau Magdalena Kopp und deren Ex-Freund Johannes Weinrich, dem er die Frau ausgespannt hat und der doch sein treuester Wegbegleiter bleibt...

        Wer die lange Fassung gesehen hat, sagt Olivier Assayas, braucht die gekürzte nicht mehr sehen; wer aber nur die drei Stunden gesehen hat, der wird bei den fünfeinhalb vollen Stunden einen noch einmal ganz neu fündig werden.
      • | FAZIT

      • „Carlos“ ist ein Mammutprojekt, eine wirkliche Großproduktion, in der Assayas auf denkbar spannendste Weise die Biografie eines großen Terroristen, eines Gesellschaftsfeindes nicht aus Überzeugung, sondern aus Professionalität nachzeichnet. Ein Film, der in seiner ganzen Länge auf voller Größe im Kino betrachtet werden sollte, wo immer möglich.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 5.0/10 (17 votes)

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