Zum „Charme“ von Jacques herunter gekommener Säuferkneipe gehört der bärbeißige Umgangston des Besitzers (Brian Cox), der neben seinen Stammgästen keine Frauen und neue Kunden duldet. Als der griesgrämige Rentner jedoch einen fünften Herzinfarkt erleidet, beginnt er umzudenken. Kurzerhand beschließt er, seinen Selbstmord gefährdeten Krankenbettnachbarn Lucas (Paul Dano) zum Nachfolger aufzubauen, was angesichts dessen Freundlichkeit und Naivität zunächst keine einfache Angelegenheit darstellt. Nach anfänglichen Differenzen erweist sich der Ex-Streuner jedoch als gelehriger Schüler. Ihre Zusammenarbeit funktioniert solange, bis Lucas auf die mittellose französische Stewardess April (Isild Le Besco) trifft.
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| FILMKRITIK
Obwohl der Isländer Dagur Kari, bekannt durch die getragenen Außenseiterballaden „Nói Albinói“ und „Dark Horse“, inzwischen mit internationaler Besetzung dreht, bleibt er ganz seiner Kombination aus lakonischem Humor, einfühlsamer Beobachtungsgabe und dramatischen Elementen treu. Schon vorher pendelte der Filmemacher bei der Produktion seiner Kurz- und Langfilme stets zwischen Island und Dänemark. Wie weitere nordische Kollegen wählte Kari den Weg zum US-Indiekino, wobei er neben manchen Crewmitgliedern in einer Nebenrolle als Kneipengast den korpulenten Nicolas Bro („Kommissarin Lund“) erneut besetzte, zuvor Hauptdarsteller bei „Dark Horse“.
Als männliche Protagonisten trifft man wieder auf Paul Dano und Brian Cox, die acht Jahre zuvor in Danos Leinwanddebüt „L.I.E. – Long Island Express“, einer packenden Pädophiliestudie, schon einmal eine seltsame (Ersatz-)Vater-Sohn-Beziehung eingingen. Gewissermaßen handelt es sich bei „Ein gutes Herz“ um deren leichtere Variante, obwohl die Figuren hier etwas unterschiedlicher angelegt sind. Durch den Aufeinanderprall zweier völlig verschiedener Welten entwickelt die skurrile, bedächtige Geschichte ihren Humor.
Auf der einen Seite steht der von Cox verkörperte, desillusionierte Kneipenbesitzer und Säufer Jacques, der von seinen misanthropischen Ansichten keine Spalt abzurücken bereit ist und Neuerungen auf den Tod nicht ausstehen kann. Seine negative Weltsicht drückt sich in einem zynischen Humor aus, mit dem er Bekannte begrüßt und Fremde verjagt. Ganz anders reagiert der weltfremde, allzu naive Obdachlose Lucas, dem Werte wie eigener Besitz nichts bedeuten, weshalb er in einer schäbigen Papphütte lebt und sein ganzes Vermögen verschenkt. Nachdem das Schicksal oder besser Jacques fünfter Herzanfall sowie Lucas Selbstmordversuch beide zusammen führt, kommen sie zunächst nicht gerade bestens miteinander aus.
Doch ihre differenten Lebensroutinen und unkonventionellen Einstellungen bieten Anlass für Reibungsflächen, die Dagur Kari nüchtern und trocken in Szene setzt. Hier schlägt das unterkühlte nordische Tempo selbst bei einer Independentproduktion im Stil von Jim Jarmush durch. Weiteren Anlass für Komik bietet der Auftritt von Jacques Säufergemeinde, die sich bald bestens mit Lucas versteht und deren Macken für diverse Running Gags sorgen. Als dann eine mittellose Französin ins Leben des linkischen Jungen stürmt, erzeugt ihr so schutzbedürftiges wie selbstbewusstes Auftreten zusätzliche Turbulenzen. Nun treibt ein weibliches Wesen einen Keil zwischen das längst eingespielte Team, weshalb Lucas eine Entscheidung fällen muss.
Über weite Strecken stimmen Timing und Atmosphäre. Dagur Karis eigener Soundtrack als Teil des Duos Slowburn trägt wesentlich zur stimmungsvollen Untermalung eines New Yorks der Verlierer und Underdogs bei, die sich nicht unterkriegen lassen. Leider zeichnet sich das tragische Finale schon in den ersten Minuten im Krankenhaus ab, worauf ebenfalls der doppelsinnige Titel einen eindeutigen Hinweis liefert. Doch das schädigt den melancholisch-poetischen Film nicht allzu nachhaltig.
| FAZIT
Tragikomische Freundschaftsballade mit einigen hinreißend witzigen Einlagen und reichlich schrägem Personal.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung