FILM REVIEW | Live aus Peepli - Irgendwo in Indien
Live aus Peepli - Irgendwo in Indien
Drama,
Komödie
| Indien 2009
| INHALTSANGABE
Als Nathas Land vor der Zwangsversteigerung steht, schlägt ihm sein Bruder Budhia (Raghubir Yadav) kurzerhand vor, Selbstmord zu begehen, denn die staatliche Hinterbliebenen-Prämie für solche Fälle könnte ihre Familie über Wasser halten. Als Natha (Omkar Das Mankipuri) notgedrungen einwilligt, bekommt zunächst ein ehrgeiziger Lokalreporter (Nawazuddin Siddiqui) Wind von der Angelegenheit und recherchiert den Fall für seine Zeitung. Bald hängen sich weitere Sensationsmedien und Starjournalisten an den spektakulären Fall. Da lokale Wahlen vor der Tür stehen, erklären Politiker, Sektenführer und Polizei den angekündigten Selbstmord zur Chefsache. Langsam erwachsen dem naiven Natha allerdings Zweifel an seinem Vorhaben.
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| FILMKRITIK
Indiens diesjähriger Vorschlag für den Auslandsoscar wirkt wie eine moderne Variante der kritischen Journalismus-Klassiker „Reporter des Satans“ und „Network“. Ausgehend von einer gigantischen Welle realer Bauern-Selbstmorde vor zehn Jahren schildert Ex-Dokumentarfilmerin und –TV-Journalistin Anusha Rizvi das absurde Schicksal des verarmten Natha, der von seinem Bruder zwecks Einstreichung der Hinterbliebenensumme zum Suizid gedrängt wird. Die damit losgetretene Medienlawine nutzt die Debütregisseurin zum satirischen Rundumschlag auf geltungssüchtige, eitle Pressevertreter, deren einziges Streben ihr eigener Ruhm darstellt. Das tragische Schicksal der Betroffenen interessiert über die Sensationsstory hinaus niemanden wirklich.
Das Gegenstück zum von Kirk Douglas verkörperten „Reporter des Satans“ stellt der hoffnungsvolle Provinzreporter Rakesh dar, der im angekündigten Selbstmord ein Mittel zur Profilierung sieht und erstmals mit der von ihm verehrten Starmoderatorin Nandita Mallik zusammen arbeiten darf, passend verkörpert von TV-Moderatorin und Model Malaika Shenoy. Im Gegensatz zu seinen Kollegen bekommt Rakesh allerdings mit Fortschreiten des Trubels allmählich Zweifel an seinem Tun. Ihr „Ace in the Hole“ stellt der mittellose, gutgläubige Bauer Natha als Spielball von Familie, Parteien, Sender und Organisationen dar, der bald keine Rückzugsmöglichkeit mehr sieht.
Hellhörig werden Politiker, Staat und Sektenführer nur, weil Wahlen vor der Tür stehen und sie ihr Image aufpolieren müssen. Neben der sarkastischen Beschreibung des Medien- und Politzirkus um das Bauernopfer, den Seitenhieben auf Korruption und Bürokratie dürfen aber ebenso wenig Bollywood-Songs (aus dem Off) sowie klamaukhafte Einlagen fehlen. Ganz will sich Rizvis Independentproduktion nicht von den Publikumserwartungen lösen. Nathas zeternde Großmutter, die endlos auf ihn und seine Frau schimpft, wirkt wie eine Figur aus dem Boulevardtheater.
Mitunter wirkt die Inszenierung uneinheitlich und mit einer Vielzahl an Charakteren überfrachtet. Nach dem großen chaotischen Finale mündet die unrühmliche Affäre in einem etwas abrupten, offenen Schluss, mit dem Rivzi wieder an den sozialkritischen Impetus des Beginns anknüpft. Allerdings erfahren westliche Zuschauer dann doch zu wenig über die komplexen Hintergründe, welche die Landbevölkerung in die Armut trieb. Dennoch ist es Anusha Rizvi und ihrem produzierendem Mann, Bollywoodstar Aamir Khan, zu verdanken, den Finger auf eine wichtige soziale Wunde gelegt zu haben - dies in durchaus unterhaltsamer Form.
| FAZIT
Bissige, aber überladene Anklage von Medienzynismus, indischer Korruption und Klassengegensätzen.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung