Drama,
Historie
| Deutschland / Estland / Österreich 2010
| INHALTSANGABE
Estland, 1914. Die vierzehnjährige Oda kommt auf dem Gutshof ihres Vaters, des deutschen Barons Ebbo von Siering, an, sie hat zuvor in Berlin bei ihrer nun verstorbenen Mutter gelebt. Der Vater ist Professor, dem der Lehrstuhl entzogen wurde, obsessiv beschäftigt er sich mit der Anatomie des menschlichen Gehirns. Er kauft von russischen Soldaten die Leichen erschossener estnischer Anarchisten, um sie zu sezieren, bemerkt nicht, wie seine zweite Frau sich mit dem Gutsverwalter vergnügt.
Oda findet einen verletzten estnischen Rebellen, sie versteckt ihn, pflegt ihn, nennt ihn mangels eines Namens „Schnaps“; lernt von ihm die Macht der Literatur kennen, und sie verliebt sich auf teeniemäßig romantische Art in ihn. Will gar mit ihm fliehen, doch die Russen sind auf dem Gut einquartiert, der Vater liebt den Tod mehr als das Leben, und der Erste Weltkrieg bricht aus…
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| FILMKRITIK
"Poll", der neue Film von Chris Kraus, wurde weitgehende mit dem selben Team wie sein überwältigender Erfolg "Vier Minuten" (2006) gedreht, frei erzählt nach der wahren Geschichte einer Verwandten von ihm, der Lyrikerin Oda Schaefer.
Oda kommt als 14jährige im Jahr 1914 nach Estland, zusammen mit dem Sarg ihrer Mutter: das ist natürlich ein doppelter Schock, der des Verlustes und der der Ankunft in einer ganz fremden Kultur, mit ganz fremden Menschen. Estland 1914: das ist ein multikultureller Raum, in dem Deutsche und Russen und Esten nebeneinandersitzen; wobei die Deutschen zarentreu sind und gute Dienste tun, indem sie die Esten, das eingesessene Volk, kräftig als eine Art Kolonialmacht unterdrücken. Und die russischen Soldaten bringen die Macht mit hinein, die Gewalt von oben, die Unterdrückung jeder rebellischen Bewegung.
Odas Vater ist so ein deutscher Baron, er residiert in einer herrschaftlichen Villa, die ins Meer gebaut ist. Und er ist ein wunderlicher Kauz: Als geschasster Professor betreibt er in seinem Privatlaboratorium anatomische Studien an den Leichen estischer Anarchisten, die von den Russen erschossen und an ihn verkauft wurden. Das ist die Grundlage, auf der sich der dramaturgische Konflikt aufbaut: Oda findet nämlich einen verletzten Anarchisten, versteckt ihn, pflegt ihn, lernt von ihm die Grundzüge literarischen Erzählens, will ihm bei der Flucht helfen und von ihm mitgenommen werden.
Mehr geschieht nicht. 133 Minuten lang. Viel zu lang. Denn dieser Konflikt zwischen der Herrschaftswelt des Vaters und der Romantik eines versteckten Rebellen ist viel zu dünn, es passiert wenig, das reine Coming-of-Age-Historien-Familiendrama rechtfertigt die mehr als zwei Stunden Filmzeit nicht. Denn richtige Spannung kommt nicht auf: Nie ist Oda mit ihrem Geheimnis in Gefahr, entdeckt zu werden. Lange weiß man ohnehin gar nicht, worum es eigentlich geht; und als sich dann diese leise, kleine Story herausschält, fragt man sich, ob das schon alles ist. Es ist.
Man hätte aus dem Material viel mehr machen können; hätte mehr Suspense - die über emotionale Entfremdungen hinausgeht - einbauen können, hätte aus den einquartierten russischen Soldaten mehr machen können als reine Staffage, hätte vielleicht gar ein scharfes, pointiertes Zeitbild des Estland in den Tagen vor dem Ersten Weltkrieg zeichnen können – die vielfältigen politischen, gegnerischen, revolutionären Spannungen aus dieser Konstellation entfalten sich nie. Wenn einmal einer zum Baron sagt, nicht die Anarchisten, sondern Leute wie er seien der Grund für die kommende Revolution, bleibt das Behauptung. Der Film ergeht sich in einem Familiendrama, Politik und Historie laufen nebenher. Man hätte von Kraus, der mit "Vier Minuten" großes Erzählkino geschaffen hat, erwarten können, dass er sein Drehbuch etwas öfter überarbeitet, etwas mehr kürzt. Immerhin sieht der Film gut aus; aber Ausstattung und Kamera tragen auch nicht über zwei Stunden.
| FAZIT
Vor spannendem Hintergrund – Estland am Vorabend des Ersten Weltkriegs – entfaltet sich ein Drama von gepflegter Langeweile.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung