Elise Clifton-Ward wird von Scotland Yard überwacht: sie ist die Geliebte von Alexander Pearce, einem Phantom, von dem niemand weiß, wie es aussieht. Der hat dem Großgangster Reginald Shaw ein paar Milliarden gestohlen. Elise macht sich auf den Weg von Paris nach Venedig, und unterwegs im Zug gabelt sie Frank Tupelo auf, einen Mathelehrer aus Amerika auf Urlaub. Sie lädt ihn zu sich ins Hotel ein – und Shaw hält ihn prompt für den gesuchten Alexander Pearce und lässt seine russischen Killer auf ihn los. Auch Scotland Yard ist nach wie vor hinter Elise her, lässt sich von Frank, dem Touristen ablenken; der freilich gar nicht weiß, was gespielt wird. Und irgendwo sind die gestohlenen Milliarden versteckt.
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| FILMKRITIK
Immerhin ist dies erst der zweite Film von Florian Henckel von Donnersmarck. Insofern ist alles nicht so schlimm. Andererseits war das Debüt grandios gewesen, künstlerisch wie kommerziell; gekrönt gar von einem Oscar. Und der Regisseur ist nicht nur großgewachsen, sondern auch noch adlig und Cousin von Herrn von und zu Verteidigungsminister. Die Erwartungen sind also entsprechend hoch, die an diesen Zweitling, an dieses starbesetzte Hollywooddebüt gestellt werden. Wer bekommt schon Jolie und Depp? Diese Erwartungen waren da, und sie mussten zwangsläufig enttäuscht werden. Weil „Das Leben der Anderen“ allzu meisterhaft war. Weil „The Tourist“ nun reine Unterhaltung ist, ohne tieferen Sinn. Und, nun ja: weil Donnersmarck eben trotz allem ein Anfänger im Filmbusiness ist.
Angelina Jolie zum Beispiel: in sie ist Donnersmarck sichtlich pennälerhaft verliebt, lässt keine Gelegenheit aus, den Kamerablick über ihren Körper schweifen zu lassen. Und wenn sie durch die Straßen geht, auf einem festlichen Ball erscheint, dann drehen sich alle nach ihr um, weil sie ja, so die Behauptung des Films, überirdisch schön ist. Darüber aber versäumt es Donnersmarck leider, sie auch überirdisch schön zu inszenieren. Es reicht eben nicht, eine Frau in ein elegantes Kleid zu stecken, um Glamour, Aura, Grazie zu erzeugen.
Ähnlich Johnny Depp: der soll den Depp spielen, der Schwierigkeiten hat, einen Stadtplan zu entfalten, der unbeirrt mit Venezianern auf Spanisch radebrecht. Und andererseits lässt ihm die Regie kaum Luft, sich zu bewegen, wirkliche Freude am Spiel mit dem Naiven zu entwickeln: Depp kann sich nicht richtig entfalten, und das kommt einem dann doch spanisch vor.
Venedig: Das ist der Schauplatz des Films, der dort on location gedreht wurde. Und die Stadt setzt Donnersmarck schön in Szene, nicht so sehr als touristischen Hintergrund denn als recht undurchdringliches Labyrinth. Wobei Donnersmarck aber alsbald feststellen muss, dass die Lagunenstadt sich für eine richtige Verfolgungsjagd nicht wirklich eignet; so dass die Flucht vor russischen Killern auf zwei zusammengebundenen Motorbooten eher läppisch wirkt. Und wenn Johnny Depp im Schlafanzug über die Dächer den Verfolgern zu entkommen versucht – und dabei tatsächlich mal ein paar Trademark-Tänzelschritte zugestanden bekommt –, weiß Donnersmarck keinen anderen Ausweg als einen wirklich platten Gag: dass ein Polizist ins Wasser fällt. Haha.
Ein paar Dialoge klingen ganz gut, da kommt Donnersmarck den Vorbildern, eleganten Thrillern der 50er Jahre, recht nahe; doch so was wie „Der unsichtbare Dritte“ oder „Über den Dächern von Nizza“ – an die er sich sichtlich anlehnt – kann er natürlich nie erreichen, so sehr sich der 2,05-Meter-Graf auch streckt. Lustig ist, wenn Depp bei der ersten, zufällig scheinenden Begegnung mit Jolie im Zug eine Zigarette raucht – die aber nur Fake ist, Wasserdampf ausstößt und per LED-Leuchte glimmt. Andere Gags wirken eher hilflos, etwa der ignorante Portier im Hotel, der auf Depps telefonischen Hilferuf nicht reagieren mag. Und wenn am Anfang die beschattenden Polizisten so auffällig sind, dass es nicht mehr geht, weiß man nicht, ob das unbeabsichtigte Komik ist, oder ob aus der Not, dass ihm nichts anderes eingefallen ist, der Regisseur eine Tugend der Flucht ins Witzig-Ironische angetreten hat. Jedenfalls hat man selten in einem Film so viele verdeckte Ermittler in ihre Hände sprechen sehen, wo auffällig unauffällig die Minimikros stecken.
Was Spannung angeht, hätte Donnersmarck die Informationsabgabe an den Zuschauer besser koordinieren können; und das ganze ist im Übrigen erstens unlogisch und zweitens vorhersehbar. Ständig muss man daran denken, wie gut der im Grunde vergleichbare „Knight and Day“ war, James Mangolds witziger Thriller mit Tom Cruise und Cameron Diaz…
Aber nein: So schlimm wie sich das hier nun liest, ist es auch nicht. „The Tourist“ macht durchaus Spaß, er ist nicht misslungen; und als Zweitwerk dieses Regisseurs durchaus interessant. Das Mittelmaß, in dem sich „The Tourist“ tummelt, ist zwar der Tod von Qualität und Bewunderung; lässt aber gespannt darauf warten, wie Henckel von Donnersmarcks nächster Film werden wird; ob der Regisseur wieder den Weg nach oben erklimmen können wird, oder ob er in der Versenkung des One-Hit-Wonders verschwindet.
| FAZIT
Florian Henckel von Donnersmarck ist nach seinem oscargekrönten Debüt in der Realität des Filmemachens angekommen. Und das geht halt nicht immer ganz leicht von der Hand, auch, wenn man mit zwei Topstars aufwarten kann.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung