Ständig liegt der 17-jährige Teenager Hubert Minel (Xavier Dolan) mit seiner allein erziehenden Mutter Chantal (Anne Dorval) im Zwist. Ihn stören all ihre Angewohnheiten, seien es die altmodische Kleidung oder ihr angeblich manipulierendes Verhalten, so dass die beiden Streithähne fast täglich aneinander geraten. Huberts heimliche homosexuelle Neigungen und seine Liebe zum gleichaltrigen Antonin (Francois Arnaud) verschlimmern die Lage in den eigenen vier Wänden zusätzlich, denn die Mutter erfährt erst aus zweiter Hand davon. Bald wird die junge, zugängliche Lehrerin Julie Cloutier (Suzanne Clément) zu Huberts einziger Vertrauter – besonders, als der Jugendliche von Zuhause weg läuft. Daher beschließt die überforderte Chantal nach Rücksprache mit ihrem Mann, den ungebändigten Nachwuchs ins Internat zu verbannen.
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| FILMKRITIK
Innerhalb des kanadischen Kinos gilt Xavier Dolan als Wunderkind, da er in seinem autobiografisch gefärbtem Debüt nicht nur Regie, Drehbuch, Kostüme und Produktion, sondern zudem die Hauptrolle übernahm. Natürlich tötet der rebellische Protagonist seine entnervte Mutter Chantal Lemming nicht wirklich. Nach lautstarken Konflikten und Handgreiflichkeiten erklärt der 17-jährige Teenager gegenüber seiner Lehrerin Julie Cloutier, seine Mutter sei längst verstorben. Als diese später von ihrem vermeintlichen Ableben erfährt, jagt sie den unverschämten Filius durch das halbe Schulgelände. Harmlose Dispute steigern sich zu wüsten Beschimpfungen. Eine Kleinigkeit kann hier schon zur Eruption führen, was mitunter komische Situationen ergibt.
Zwischen Zärtlichkeit und Wut siedelt Dolan seine sezierende Chronik einer Hassliebe an, die er im Nachspann der Mutter (und dem Schauspieler-Vater) widmet. Aus der Distanz heraus wirkt Huberts uneinsichtiges Verhalten und die Strategie des sturen Abblocken reichlich verbohrt. Offenbar lässt die schwierige Pubertätsphase keinen Spielraum auf beiden Seiten, Niemand will hier nachgeben, wobei die Erzieher im Endeffekt am längeren Hebel sitzen, so dass die Eltern in letzter Konsequenz zur Notbremse „Internat“ greifen. Für den schwarz gelockten Protagonisten ein neuer Vertrauensbruch.
Neben seinem gleichaltrigen Geliebten Antonin, dessen Mutter weitaus liberaler auf die Beziehung ihres Sohnes reagiert, wird die junge Lehrerin zu Huberts letztem Angelpunkt. Nicht allein verschreibt sie sich der Förderung seines literarischen Talents, sondern offeriert ihrem Schüler bei seiner (nicht ganz unfreiwilligen) Flucht eine Übernachtungsmöglichkeit. Abrupt muss jedoch die Kommunikation zwischen den verwandten Seelen enden. Ihr weiterer Briefwechsel wird per Inserts eingeblendet, wie literarische Zitate im Bild die Handlung mehrfach unterteilen. Ebenso dienen Songs wie Luis Marinos Schnulze „Maman la plus belle du monde“ während des Nachspanns als ironischer Kommentar zur Adoleszenzstudie.
Die konventionelle Inszenierung mit statischen Schuß-Gegenschuß-Einstellungen wird immer wieder von Zeitlupe, Kindheitsaufnahmen oder kurzen surrealen Traumbildern durchbrochen, wie etwa die Mutter als Blut weinende Madonna oder zerberstende Scheiben als Ausdruck von Huberts Wutempfinden. Mittels Videokamera reflektiert der junge Protagonist über seine Gefühle, was mehrfach in die Handlung geschnitten wird – ein Stilmittel, das Xavier Dolan im Folgeprojekt „Heartbeats“ noch stärker einsetzte. In dieser Dreiecksgeschichte auf den Spuren von Francois Truffaut wird die Vorliebe des jungen Filmemachers zur „Nouvelle Vague“ noch offensichtlicher, was im Debüt schon zu anklingt.
Eher beiläufig fließt die homosexuelle Thematik ein. Gleichwohl sorgt Huberts Neigung zum eigenen Geschlecht für eindringliche Sequenzen, wenn die sprachlose Chantal vom Geheimnis ihres Sohnes durch die Mutter seines Geliebten erfährt oder der Jugendliche auf dem Internat von Mitschülern attackiert wird. Letztlich klingt das gefeierte Debüt nicht ohne versöhnliche Momente aus, denn aller Anfeindungen zum Trotz können Chantal und Hubert die intimen Momente der Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen. Auch Dolans zweites gefeiertes Werk „Heartbeats“ wird Kool Film noch dieses Jahr ins Kino bringen.
| FAZIT
Ein ungeschönter, tragikomischer Blick auf den drastischen Zerfall einer Mutter-Sohn-Beziehung, verbunden mit einer Coming-of-Age-Studie.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung