Hüseyin Yilmaz tauschte am 10. September 1964 seinen Platz in der Warteschlange bei der Begrüßung in Deutschland, und so wurde der Mann vor ihm als der millionste Gastarbeiter gefeiert. 45 Jahre später erhalten der türkische Rentner und seine Frau den deutschen Pass. Zu einer Familienfeier laden sie die vier erwachsenen Kinder und die Enkel ein. Der sechsjährige Cenk hat gerade Probleme, weil er nicht weiß, ob er in der Schule zur deutschen, oder zur türkischen Fußballmannschaft gehören soll. Seine 22-jährige Cousine Canan weiß nicht, wie sie ihrer Familie beichten soll, dass sie einen britischen Freund hat und ein Kind von ihm erwartet.
Da verkündet Opa Hüseyin, er habe in der Türkei ein Haus gekauft. Und damit steht fest, wie die nächsten Ferien für alle aussehen: eine Reise nach Anatolien. Zwischendurch erzählt Canan dem kleinen Cenk, wie der Großvater einst seine Frau in der Türkei heiratete und wie die erste Zeit in Deutschland war.
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| FILMKRITIK
Die Gastarbeiter-Komödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ erzählt augenzwinkernd die Geschichte einer deutsch-türkischen Familie über drei Generationen hinweg. Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli schrieben gemeinsam das Drehbuch für ihren ersten Kinofilm, der auch auf persönlichen Erlebnissen beruht. Regie führte Yasemin Samdereli für diesen Film, der außer Konkurrenz im Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2011 lief. Der versöhnliche, Brücken schlagende Beitrag zur Integrationsdebatte führt durch ein spaßiges Sammelsurium kultureller Gegensätze und Missverständnisse. In der verschachtelten Erzählung über verschiedene Zeiten hinweg wird das Dilemma der Gastarbeiter und vor allem das ihrer Kinder und Enkel veranschaulicht, ihr Selbstverständnis mühsam aus Elementen beider Kulturen zusammenbasteln zu müssen.
Der humorvolle und dabei auch selbstironische Tonfall dieses Films wird schon deutlich, wenn es um den problematischen Begriff der Leitkultur geht. Der Beamte, der dem Rentnerpaar Yilmaz die deutschen Pässe abstempelt, fragt streng, ob sie denn bereit seien, die hiesige als ihre Leitkultur zu übernehmen. Großmutter Fatma bejaht ohne Bedenken, denn sie sehnt die deutsche Staatsbürgerschaft im Gegensatz zu ihrem Mann herbei. Der Beamte erklärt also, was sie tun müssen: Mitglied in einem Schützenverein werden, zweimal die Woche Schweinefleisch essen, jede Woche „Tatort“ schauen und jeden zweiten Sommer auf Mallorca verbringen. Hüseyin Yilmaz sieht daraufhin seine Frau schon im dekolletierten Dirndl, aber das entpuppt sich dann alles doch nur als ein böser Traum.
Der Witz dieses Films legt also die dummen Zumutungen offen, die hinter mancher Integrationserwartung von deutscher Seite stehen, und ebenso den Stoff, aus dem die Albträume der hoffnungsfrohen Einwanderer sind. Da sind zum Beispiel irgendwann die Wünsche der Kinder, zuhause solle Weihnachten gefeiert werden, mit Baum und Geschenken, wie bei den Schulfreunden. Großvater Hüseyin, der sich und die Seinen stets als Türken sieht, fragt seine Enkelin, die ein Kind von ihrem englischen Freund erwartet, ob es nicht wenigstens ein Deutscher hätte sein können.
Zu den Ängsten der ersten Gastarbeiter-Generation gehört auch die fremde Sprache, die die Schwestern Samdereli mit einem von Charlie Chaplin übernommenen Stilmittel parodieren, dem frei erfundenen Gebrabbel „Jibberisch“, das so ähnlich auch in „Der große Diktator“ erklang. Fatma Yilmaz hört den Verkäufer so sprechen, als sie sich am Tag nach ihrer Ankunft in Deutschland in den Laden wagt, und ihr Mann hört seine eigenen Kinder so sprechen, als sie ihn darauf hinweisen, dass deutsche Männer keinen Schnurrbart tragen. Für Komik sorgen auch die eingestreuten Fantasieszenen und die erzählerischen Sprünge von einer Generation zur anderen, bei denen dann der Enkel zum Beispiel die Großeltern mit einer peinlichen Frage konfrontiert.
Zum Cast zählen, neben vielen deutsch-türkischen Darstellern wie Aylin Tezel als Canan oder Fahri Yardim und Vedat Erincin als Hüseyin, auch bekanntere Namen wie Denis Moschitto als Ali Yilmaz und Petra Schmidt-Schaller als dessen Frau Gabi. Für einen einzigen Film ist der Ideenreichtum, der sich oft wie in Comedy-Sketchen aufreiht, allerdings ein wenig zu groß. Vielleicht kommt er daher, dass es über die vergangenen 45 Jahre einer türkischen Familie wie dieser in Deutschland so viel zu sagen gäbe, so viel was Menschen ohne Migrationshintergrund nicht wissen. Eine Geschichte im üblichen Sinn mit Figurenentwicklung ist daraus nicht geworden, aber der humorvolle Umgang mit den vielen Stolpersteinen zwischen den Kulturen bietet informativen Spaß.
| FAZIT
Augenzwinkernde Komödie über die Erfahrungen einer türkischen Gastarbeiterfamilie mit Integration und Leitkultur.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung