Montag | 28. Mai 2012 | 19:38 Uhr
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  • FILM REVIEW | Der große Crash - Margin Call
  • Der große Crash - Margin Call

    Thriller, Drama | USA 2011
  • | INHALTSANGABE

  • Ehe der frisch entlassene Risikoanalyst Dale (Stanley Tucci) aus der Investmentbank bugsiert wird, steckt er dem Neuling Sullivan (Zachary Quinto) einen USB-Stick zu. Während dann am Abend seine Kollegen als Herren der Welt (oder zumindest des Geldes) feiern, muss Sullivan erkennen, was es mit den geheimen Informationen auf sich hat: Die Bank steht dank ihrer abstrakten (oder aber: windigen) Geschäfte am Abgrund – und nicht nur sie. Sullivan schlägt Alarm; immer weitere Kreise zieht die Affäre, bis ganz nach oben zur Führungsspitze. Gibt es noch einen Ausweg, ist die Frage, wen gilt es zu opfern? Derweil der nun wieder heiß begehrte Dale fieberhaft gesucht wird, nicht aber aufzufinden ist …
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      • | FILMKRITIK

      • Regisseur und Drehbuchautor J.C. Chandor hat selbst nichts mit dem Bankbusiness zu tun, doch sein Vater arbeitete lange für das Kreditinstitut Merrill Lynch, das im Zuge der Subprime-Krise über 20 Milliarden Dollar abschreiben musste. Von ihm und seinen Kollegen hat Chandor sich die Usancen des Geschäfts abgeschaut, die er in ein dichtes, kammerspielartiges Drama gepackt hat – quasi eine Nachbereitung und zugleich, als Story, die fiktionale Thematisierung des Startschuss zur Finanzkrise wie sie ab 2009 die Welt beutelte und echte wie irreale Guthaben und Vermögen vernichtete.

        Allerlei Widersprüche und Ironie bietet „Margin Call“ als Projekt selbst: Die erste Finanzierung des Films scheiterte, ließ Chandor halbwegs bleite zurück. Erst mit einem Immobiliengeschäft wieder finanziell bei Kräften, stemmte er die Produktion – und drehte günstig ihn in einer dank der Krise leerstehenden, günstig verfügbaren Hochhausetage in New York. Sie diente der Starriege weitgehend auch als Unterkunft zwischen den Aufnahmen, musste es auch, denn „Margin Call“ ist praktisch eine Independent-Arbeit, was man ihr vor allem dank der berühmten und zahlreichen namenhaften Schauspieler nicht ansieht: Kevin Spacy, Paul Bettany, Jeremy Irons, Stanley Tucci, Demi Morre und, in einem kleinen Auftritt, Mary McDonnell konnte Chandor neben dem Nachwuchs, allen voran Zachary Quinto („Mr. Spock“ in J.J. Abrams „Star Treck“) gewinnen, was ein allein in dem darstellerischen Bereich für hohe Qualität bürgt.

        Aber lässt es sich denn von einer monitären Apokalypse wirklich spannend berichten? Ja, tut es, und da mögen andere Kritiker mäkeln. „Margin Call“ ist vor allem deshalb ein so gelungener Film zu und um Wahn und Wirklichkeit des modernen Spekulantentums samt dessen Absturzes, weil es eben nicht um das Geld, den Luxus geht, nicht mal so sonderlich um Männer und (weniger:) die Frauen in Nadelstreifenanzügen und Hosenträgern bzw. im Bleistiftrock, sondern – und gerade deshalb braucht es die famosen Darsteller – um das, was der Beruf, die Passion, die Besessenheit, das „Geld“ (wie immer man es nennen will) aus ihnen gemacht hat. Eine besondere Art von Beziehungsdrama. „Margin Call“ handelt von einer déformation professionnelle, ohne freilich moralisch ein Urteil zu fällen. Der Film spürt einfach dem nach, was übrig bleibt, wenn die Party mit einem Schlag vorbei ist – oder schlimmer noch: ihr rabiates Ende unmittelbar, unausweichlich und deutlich bevorsteht.

        Der Sog, den „Margin Call“ dabei entwickelt, liegt entsprechend auch in seiner zeitlichen Begrenzung: Von etwas mehr als 24 Stunden wird erzählt, vor allem einer langen Nacht, in der es die unteren Chargen auch mal aus dem entseelten Finanztower raus ins nächtliche, entleerte unwirkliche Manhattan treibt, um Dale zu suchen. Aller Luxus wird dabei schal, hohl, ebenso wie die heile Welt brüchig, und die Bandbreite der Haltungsschäden und Selbsterhaltungsmechanismen, von Zynismus über Gleichgültigkeit bis hin zur Selbstverblendung, die Chandor vorführend inszeniert, schlägt in den Bann.

        Der Begriff „Margin Call“ bezeichnet als Fachterminus die Nachschusspflicht, wenn die Buchsumme oder – boshaft gesagt – das (bisherige) Spielgeld aufgebraucht ist. Und entsprechend handelt der Film davon, mit was den jetzt, wo das Unwahrscheinlich, der Ernst, eingetreten ist, bezahlt wird.

        Trockener bis bitterer Witz ist auch dabei, symbolisch und selten Selbstzweck; im Erzählprinzip selbst ist er schon angelegt: Immer weiter nach „oben“ steigt die Information vom kommenden Zusammenbruch, und amüsant ist zu beobachten, wie der Macher und Mächtige auf der nächsten Stufe der Hierarchie zum kleinen (und immer kleineren) Licht wird. Von Quinto zu Bettany zu Stacey bis schließlich der fürchterliche Boss selbst einschwebt, gespielt von Jeremy Irons. Und über die Mechanismen, die Tricks und Machtspiele, das Taktieren um die jeweils eigene Haut zu retten, wird „Margin Call“ zu einem Thriller im besten Sinne, wenn auch ohne Blut.

        Anders als zuletzt erst wieder Oliver Stone mit seinem zweiten Teil von „Wall Street“ ist „Margin Call“ in Sachen Finanzwelt nicht aufgesetzt und fadenscheinig, sondern hinreichend technisch und komplex, ohne dabei allzu kompliziert oder zäh zu werden. Nur sehr wenig Raum beanspruchen die Fachbegriffe, das Erklären, was wieso versagt hat, was zu tun ist, wer dafür wie den Kopf hinhalten muss – wen es zu verraten gibt. Das Business wird von der Zahlenmagie bis zum direkten Derivathandel (der schließlich zur verzweifelten Bauernfängerei gerät) präsentiert. Wenn es jedoch mal zu arg zu werden droht hinsichtlich dem Fachjargon, bricht das Chandor selbst ironisch auf: Mehrfach fragt der jeweilige Chef angesichts der (dem Zuschauer fast immer ungezeigten) Zahlenkolonnen und Graphen ungeduldig, worauf er denn jetzt bitteschön zu achten habe, was das Ganze nun quasi im Klartext bedeute. Und schon wird es wieder klar: Nein, die Finanzwelt und ihre -krise mag selbst keinen gescheiten Filmstoff abgeben, aber großartiges Material, Sujet und Kulisse, nichtsdestotrotz.

        Aber – nochmals – Chandor verkauft seine Figuren nicht, und wenn es zuletzt in der Bank nur noch darum geht, alles und alle zu verraten oder mit dem Rest der Branche unterzugehen, gibt es keine einfachen Wahrheiten mehr. Die, die davonkommen, sind ohnehin jene, denen es bestenfalls egal war.

        Es sind im Grunde armselige Gesellen, bestenfalls, diese Reichen und Elitären, die Hungrigen und Professionellen. Der eine weint, was er sonst nichts mehr privates emotional verbindliches mehr hatte, um seinen toten Hund, den er zuletzt im Garten seiner Ex-Frau vergräbt. Der andere sinniert über sein früheres, sinnhaftes Leben, in dem er Brücken gebaut und damit Unmengen echter Lebenszeit den Menschen gespart hat. Eingefangen mit einer wunderbaren, zurückgenommen wie aktiven, klugen Kameraarbeit, die hinreichend darüber hinwegzutäuschen versteht, dass es sich bei „Margin Call“ in Punkto Visualität und Action seinem Wesen nach viel eher um ein Bühnenstück handelt, ist mit dem Film ein intensiver Ausflug in eine hermetische künstliche Welt, in der die Alltagsrealität fast wie ein Irrlicht oder eine gar eine Bedrohung für die inhärente Logik des Systems wirkt, der sich die Analysten und Zahlenjongleure so sehr verschrieben haben. Und bei allen großen Namen ist gerade „Mr.-Spock“-Darsteller Zachary Quinto zwischen Naivität, Gleichmut und steifer Kühle einem so treffend fern und so nah zugleich – eine Art Außerirdischer und doch Stellvertreter für uns Normalmenschen in diesem fremden allzu menschlichen Kosmos.
      • | FAZIT

      • Packender atmosphärisch dichter „Finanzthriller“ als Lebensdrama mit grandioser Besetzung über Investmentbanker, die im Angesicht des bevorstehenden Börsenkollapses den letzten Ausweg suchen und sich dabei der (eigenen) Realität stellen müssen.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Bernd Zywietz

      • | Userwertung

      Wertung: 6.0/10 (11 votes)

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