Zusammen mit ihrer Mutter wohnt die ungebändigte Lily (Ludivine Sagnier) in einer abgelegenen, idyllischen Villa. Das in einer Fantasiewelt lebende Mädchen kann ohne die Nähe zur Natur nicht auskommen und bastelt allerlei skurrile Dinge aus vorgefundenem Material – auch aus toten Tieren. Nach dem plötzlichen Tod der Mutter muss sich die ältere Schwester Clara (Diane Kruger), eine Anwaltgehilfin, um die schwierige junge Frau kümmern. Bald schon gibt Nachbarin Mireille (Anne Benoit) als Aufpasserin entnervt auf, weshalb Clara und ihr Mann Pierre (Denis Ménochet) beschließen, das eigenwillige Mädchen mit nach Paris zu nehmen. Schnell müssen beide feststellen, dass Lily mit dem Großstadtleben überfordert ist.
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| FILMKRITIK
Zum zweiten Mal beschäftigt sich Regisseurin Fabienne Berthaud mit einer autistischen, unkontrollierbaren jungen Frau, die sich nicht den Gesellschaftsregeln unterordnen kann und will. Während Diane Kruger im Low-Budget-Vorgänger „Frankie“ noch die ungestüme Protagonistin verkörperte, übernahm sie im Nachfolgeprojekt die Rolle der angepassten, „vernünftigen“ Clara. Für den Part der kindlich-spleenigen Lily gewann Berthaud Ludivine Sagnier, der man durchaus noch das unschuldig-naive Mädchen abnimmt, dessen Aktionen mitunter dramatische Folgen nach sich ziehen.
Anfangs haben sich die beiden ungleichen blonden Geschwister wenig zu sagen, denn die allzu ehrliche, sprunghafte Lily stört nur den geregelten Alltag der etablierten Clara. Werte wie Karriere, Ansehen und materieller Wohlstand spielen in Leben des jüngeren Mädchens keine Rolle, das bizarre Kunstwerke und Installationen aus Puppenteilen, Stofffetzen sowie Tierkadavern kreiert. Diese makaberen, bizarren Ergebnisse ihrer kreativen Phasen schuf die Künstlerin Valérie Delis, was für gelegentliche Anflüge von schwarzem Humor sorgt. Bald muss die Juristengattin erkennen, dass die offene Schwester in ihren unverblümten, direkten Reden einige unangenehme, zutreffende Wahrheiten über den Zustand ihrer Ehe offen legt, was zunehmend Claras bisherige Existenz in Frage stellt.
Berthaud verschweigt nicht, dass Lilys unbekümmertes Agieren ebenso unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Das fordernde, freizügige Herumtollen zwischen Lily und drei Jungen aus der Nachbarschaft in einem alten Bus vermag leicht in sexuelle Nötigung umzuschlagen. Ebenso besitzt die ausgelassene Stimmung beim Besuch eines Altkleidung sammelnden, männlichen Trios auf dem Landsitz einen zunächst bedrohlichen Unterton. Somit hält sie die Balance aus tragischen und komischen Elementen, die Lilys unkonventionelle Weltsicht mit sich bringt. Obwohl das Naturkind eigentlich alle Tiere liebt, nimmt ihr Zusammentreffen mit einem nervtötenden Hund aus Pierres Familie keinen positiven Ausgang.
Zu Beginn ebenso spleenig erzählt wie die Gedankengänge der ungebändigten Lily, gelingt Berthaud eine tragikomische Familien- und Selbstfindungsstudie voller skurriler, schwarzer und einfühlsamer Momente. Man braucht etwas Zeit, um in die gelegentlich sprunghafte Inszenierung einzufinden. Dass Berthaud eine John Cassavetes-Anhängerin ist, erkennt man an der teils spröden, rauen Inszenierung, was der mit stimmungsvollen Naturimpressionen angereicherten Geschichte allerdings jede Glätte nimmt.
| FAZIT
Sensibel-eigenwilliges Porträt zweier nur anfangs ungleicher Schwestern, das trotz redundanter Momente für sich einzunehmen versteht.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung