Judith, Ulrike und Jochen sind um die 40 und leben in München. Judith wohnt mit ihrem kleinen Sohn in einem Block am Stadtrand. Sie jobbt zuhause im Telefonmarketing und nimmt auch Aufträge für Heimarbeit an, insgeheim aber sehnt sie sich nach ihrem früheren Alltag als Stewardess. Ulrike tauscht ihren Bürojob gegen eine Stelle als Masseurin. Jochen bezieht ein Zimmer in einer Pension für Obdachlose. Um endlich ein ordentliches Einkommen zu erhalten, bewirbt er sich als Versicherungsvertreter.
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| FILMKRITIK
Drei Menschen in der Großstadt München porträtiert der erste Spielfilm von Alexander Riedel, fiktive Geschichten in einem sehr realitätsnahen Umfeld. Denn, abgesehen von den Hauptdarstellern, sind viele Mitwirkende keine Schauspieler, sondern agieren in ihrem normalen Arbeitsbereich. Der Film ist eine meditative, experimentierfreudige Gratwanderung zwischen dokumentarisch beleuchteter Außenwelt und erfundener individueller Befindlichkeit der drei Hauptfiguren.
Judith Al Bakri spielt die alleinerziehende Mutter Judith, die in der Blockwohnung am Stadtrand wie in einem Gefängnis lebt. Denn um bei ihrem Kind zu sein, kann sie nicht mehr wie früher ihre hübsche Stewardess-Uniform anziehen und der Stadt aus der Luft mal eben Tschüss zuwinken. Vielmehr ruft sie jetzt vom Esstisch aus Kunden an, die sie zu Werbezwecken befragt, und lässt sich auch Kartons mit Plastikbecherchen zum Zusammenstecken in Heimarbeit liefern. Während die Tage monoton verstreichen, fühlt sich Judith doch zunehmend von der Außenwelt und dem Leben abgeschnitten.
Im raschen Wechsel der drei Handlungsorte springt die Montage von Sekundenaufnahmen aus Judiths Alltag zu Jochen in seinem Pensionszimmer und zu Ulrike an ihrem neuen Arbeitsplatz. Wenn Ulrike, gespielt von Ulrike Arnold, Unterricht in Massage und als Visagistin erhält und später an der Seite einer Kollegin Kundenbesuche macht, fühlt man sich unmittelbar in diese Arbeitswelt einbezogen. Das Gleiche passiert, wenn Jochen, gespielt von Jochen Strodthoff, mit seinem Vorgesetzten die Gesprächsstrategie durchgeht, die er dann beim Kunden ausprobiert.
Doch die Arbeit ist nicht alles: Jochen fehlt das Zuhause, Ulrike ein Gegenüber in der Wohnung, Judith die Liebe und der Sex. Riedels Spielfilmkonzept geht im privaten Raum nicht überzeugend auf. Zu beliebig herausgepickt erscheinen etwa die Sehnsüchte von Judith und Ulrike. Letztere hat eine psychologisch bedeutsame Vorliebe für Insekten, aber diese Eigenart steht im Gesamtbild verloren herum. Riedels Dokumentation „Draussen bleiben“ von 2007 über Flüchtlingskinder in München war inhaltlich wesentlich stringenter und auch spannender gefilmt.
Verankert im Leben, am Puls der Society, tonangebend und erfolgreich sind diese drei Münchner nicht und die Stadt sieht in den Aufnahmen von U-Bahn-Stationen und wenig markanten Häuserfassaden betont gesichtslos aus. Wenn es das Lied „Isarmärchen“ der Volkssängerin Bally Prell nicht gäbe, welches das Duo Coconami ironisch distanziert vorträgt, würde man das Münchnerische an dieser Umgebung womöglich nicht erkennen. Der kritisch unbestechliche Blick Riedels kommt ohne Lobgesang auf die Stadt aus.
| FAZIT
Drei Münchner um die 40 suchen beruflich und privat nach neuer Orientierung: Der Dokumentarfilmer Alexander Riedel tastet sich hier ziemlich unschlüssig auf das Gebiet der Fiktion vor.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung