Montag | 28. Mai 2012 | 16:18 Uhr
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  • FILM REVIEW | Alles koscher!
  • Alles koscher!

    Komödie | Großbritannien 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Der britische Muslim Mahmud (Omid Djalili) nimmt’s locker mit seiner Religion. Doch da eröffnet ihm sein Sohn Rashid („13-Semester“-Amith Shah), dass ein bekannter fundamentalistischer Prediger (Yigal Naor) als Rashids neuer künftiger Schwiegervater wird und demnächst auf der Matte steht. Weswegen sich Mahmud, um den Eheschluss nicht zu gefährden, doch bitte etwas strenggläubiger geben soll. Schlimmer aber noch: Mahmud muss durch Zufall erfahren, dass er nicht nur ein Adoptivkind, sondern von Geburt her gar ein Jude ist. Und um seinen leiblichen Vater, einen totkranken Rabiner, besuchen zu dürfen, muss er das suspekte „Jüdisch-Sein“ erst lernen. Dabei kann nur der zynische sarkastischer Taxifahrer und Menschenfeind Lenny Goldberg (Richard Schiff) helfen.
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      • | FILMKRITIK

      • „Alles Koscher!“ – im Original „The Infidel“, also „Der Ungläubige“ – mag von Ferne an Daniel Levys „Alles auf Zucker“ erinnern (und darauf titelmäßig anspielen). Auch in der deutschen Erfolgskomödie wird mit Identitäten, vor allem der kulturell-religiösen des Judentums jongliert. Zugleich aber ist „Alles Koscher!“ alles andere als deutsch, nämlich äußerst britisch, was heißt: (teilweise) überaus witzig, bissig, trocken, bisweilen pechschwarz, selbstironisch und mit manch absurdem Dreh. Hinzukommt der typisch unbekümmerte Umgang mit Nazis und Holocaust, weswegen einem manchmal schon ein wenig der Atem stockt oder einige Anspielungen und Gags, sagen wir: grenzwertig erscheinen.

        Da rangelt Mahmud mit der im Rollstuhl sitzenden Angestellten der Adoptionsagentur um seine Akte, sie ruft den Sicherheitsdienst, derweil Mahmud von seiner „echten“ Herkunft erfährt, und als er dann von einem Polizeibeamten rausgeschmissen wird, echauffiert er sich: Albern! Kaum sei man Jude, schon werde man von Uniformierten abgeführt.

        Der Schock der Offenbarung geht freilich tief, dem braven, lauten, aber liebenswerten dicklichen Papa mit der Glatze. Alles Duschen (!) hilft nichts, und in der Küche hört er, aufgewühlt wie er ist, in den Sätzen seiner ahnungslosen Familie immer wieder das Wort Jude heraus. Ehe er sich in die Rolle (und Kleidung) eines KZ-Häftlings hineinfantasiert.

        Aber so sind sie halt, die Briten, und neben dem allgemeinen wie organisierten Antisemitismus werden noch säckeweise andere Klischees und Vorurteile durchexerziert. Dabei sorgen Regisseur Josh Appignanesi und Drehbuchautor David Baddiel allerdings dafür, dass

        a) auch die Muslim gehörig durch den Kakao gezogen werden (bis hin zu „ihrem“ Antizionismus und der Hakenhand des Assistenten des Einpeitscher-Imams, der damit als unglückseliger Bombenbauer ausgewiesen wird)

        b) und dass all die Stereotype in Sachen Verhalten und Erscheinungsbild so spitz, amüsant und, ja, ein bisschen auch aufklärerisch vorgeführt und bloßgestellt werden (und werden können), indem sie stets an die Figuren gebunden bleiben, ihnen dabei kein Wahrheitsgehalt zukommt. Und weil diese Figuren mit ihren beschränktem Wissen den Vorurteilen und festgefahrenen Vorstellungen stets selbst offen, offensiv und selbstironisch umgehen – sie überdick ausstellen, mit ihnen spielen, sich über sie (und damit sich selbst) lustig machen.

        Es ist diese freche Leichtigkeit, die „Alles Koscher!“ so attraktiv und lustig macht, auch wenn nicht alles Gags zünden und zum Schluss dann doch die üblichen so simplen wie ausgetrampelten Ergriffensheitspfade des Happy Ends mit ihren relativistischen Weisheiten vom „Soll doch jeder beten wie er mag“ beschritten werden. Entsprechend ist es gar nicht der große Plot, der ab und an ächzt und knarrt, am Ende aber auch richtig schön absurden Quatsch bietet, um die Geschichte abzurunden.

        Sicher, wie sich Mahmud im Netzwerk der Anforderungen und Vortäuschungen verheddert, ist schon ein Spaß: Während er den Juden übt, spekuliert seine Ehefrau (Archie Panjabi) über einen möglichen Seitensprung, der Imam, dem er sich mit seinem „Geheimnis“ anvertrauen will, tippt schnell auf Homosexualität. Derweil Mahmud wiederum seine liebe Not damit hat, auf einer Bar Mitzwa den Juden vorzugaukeln, was er vor allem mit dem sinnfreien Umsichwerfen jiddischer Worten und Phrasen erledigt.

        „Alles Koscher!“ ist vor allem aber eine Perlenschnur aus witzigen Momente und Einfällen und gerät dabei mit den betont einfachen, steifen Kameraeinstellungen besonders komisch. Da rennt Mahmuds kleine Tochter mit dem Plastikkrummsäbel durchs Haus und kräht fröhliche radikale Dschihad-Phrasen, was der Mahmuds Ehefrau nicht Recht ist, dem Papa aber Wurst. Der dann wiederum im Spiegel seine „jüdische“ Nase untersucht und an sich stereotypen Mimiken und Gesten durchprobiert. Oder in seiner Taxi-Zentrale, quasi vorfühlend, antisemitisches Witze provoziert, um dann am auffallend lautesten zu lachen.

        Das ist nicht bös gemeint, sondern herzerfrischen naiv-blöd, denn Mahmud ist schlicht ein liebenswerter Trottel, verunsichert und ungelenk, ein überforderter Jedemann und Birminghamer Rüpel. Und ob Jude, Muslim oder Christ: hier, in der sozialen Verortung und Umgebung liegt die einzig wahre Identität, so die Botschaft von „Alles Koscher!“ Wie der beleibte Tor von einem – inneren wie äußerlichen, sozialen – Fettnäpfchen ins andere trampelt, ist eine Wonne – was fast ausschließlich am Hauptdarsteller Omid Djalili, Stand-up-Comedian britisch-iranischer Herkunft, liegt. Mit ihm, sowie mit „West-Wing“-Akteur Richard Schiff als zynischem wie selbstmitleidigem Lenny Goldberg steht der Film, denn so ulkig und wohlbesetzt und inszeniert die übrigen Figuren auch sind, neben dem Doppel Lenny und Mahmud sind sie kaum mehr als Staffage.

        „Alles Koscher!“ ist denn auch die Geschichte einer ungewöhnlichen, einer unmöglichen Freundschaft und das Glanzlicht Lennys Schnellkurs im Jüdisch-Sein. In dem wird neben der Vertreibungs- und Pogromgeschichte von „Fiddler on the Roof“ bis zum korrekten Achselzucken samt „Oy vey“-Stoßseufzer so tief in die Sterotypen-Kiste gegriffen wird, dass höchsten John Goodman alias Walter in „The Big Lebowski“ einen wüsteren Lehrer abgeben könnte.

        „Alles Koscher!“ ist eben nicht für die Freunde des leisen Humors, aber den richtigen Punkt (in seinem unbekümmerten Ton) trifft er allemal. Und wie beliebig letztlich das ganze Gewese ums ethnische und religiöse „Ich“ mitsamt Feindbildern, Selbstvorstellungen und Ressentiments ist, entlarvt „Alles Koscher!“ leichthin in einem kleinen, so simplen wie furiosen, urkomischen Moment: Wenn im Streit Mahmut den Juden Lenny einen Antisemiten schimpft, der wiederum den Muslimen einen Islamophobiker heißt.
      • | FAZIT

      • Wenig dezente, aber nicht unclevere Komödie um ethno-religiöse Identitäten, die mit zwei bestechenden Hauptdarstellern und so offensivem wie britisch-unbekümmertem (Irr-)Witz muslimische und jüdische Vorurteile, Klischees und Stereotype aufs Korn nimmt.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Bernd Zywietz

      • | Userwertung

      Wertung: 5.0/10 (10 votes)

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