Als Kind muss der in einem KZ inhaftierte Erik Magnus Lehnsherr (Bill Millner) mit ansehen, wie ein sadistischer Wissenschaftler (Kevin Bacon) seine Mutter erschießt – nur, um das Auftreten seiner angeborenen übernatürlichen Kräfte zu provozieren. Zur gleichen Zeit begegnet in England der junge Charles Xavier (Laurence Belcher) der Mutantin Raven Darkholme (Morgan Lily/Jennifer Lawrence), die jede gewünschte Gestalt annehmen kann und zu seiner Vertrauten wird. Anfang der Sechziger treffen Charles (James McAvoy) und Erik (Michael Fassbender) erstmals in Oxford aufeinander. Während der telepatisch veranlagte, überdurchschnittlich intelligente Charles nach Gleichgesinnten sucht, die ebenfalls das X-Gen in sich tragen, sinnt der Magnetismus kontrollierende KZ-Überlebende nach Rache. Sein einstiger Peiniger Sebastian Shaw kam inzwischen als Industrieller zu Reichtum und Macht. Als Leiter des New Yorker Hellfire Club versammelt er weitere Mutanten wie die ebenfalls telepathisch veranlagte Emma Frost (January Jones) um sich, um nichts geringeres als die Weltherrschaft anzustreben. Bei ihren Nachforschungen gelangt Agentin Moira McTaggart (Rose Byrne) vom US-Geheimdienst auf Shaws Spuren. Von reichlich Spott begleitet, kann sie ihre Auftraggeber mühsam überzeugen, Xavier für die Rekrutierung und Ausbildung einer schlagkräftigen Mutantentruppe zu gewinnen. Doch auch Shaw bekommt relativ schnell Wind von der anstehenden Gegenoffensive.
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| FILMKRITIK
Seinen anfänglichen Bekanntheitsgrad als Claudia Schiffers Ehemann hat Matthew Vaughn längst hinter sich gelassen, seitdem er selbst Filme dreht. Schon mehrfach war Guy Ritchies ehemaliger Produzent als Regisseur für Superheldenprojekte im Gespräch. So stieg er bei „X-Men 3“ aufgrund des Studiodrucks aus und bekam erst unlängst „Thor“ angeboten. Dass Vaughn nun „X-Men: Erste Entscheidung“ verantwortet, erweist sich als richtige Wahl. Das Prequel zur Mutanten-Trilogie unterstreicht, was eine überdurchschnittliche „Comic Book“-Adaption von einer durchschnittlichen, wie die beiden genannten, unterscheidet: Hier ordnen sich die Effekte und Kämpfe einer sozialkritischen Story mit ausgefeilten Charakteren unter, anstatt sie zu dominieren.
Das Projekt durchlief verschiedene Stadien. Ursprünglich sollte die Story lediglich die Begegnung von Professor X und Magneto in den Fokus stellen und in erster Linie während des 2. Weltkriegs angesiedelt sein. Daraus entwickelte sich später die Vorgeschichte zum Aufbau des „X-Men“-Verbunds. Vaughn und seine Autoren konzentrieren sich auf die Fragen, wie aus den einstigen Verbündeten Xavier und Lehnsherr Feinde wurde, wie der mit telepathischen Kräften ausgestattete Xavier zu seiner Lähmung und es zum Konflikt mit seiner Jugendfreundin Mystique kam. Dabei können sich die Autoren einige Scherze zur Haarpracht des späteren Glatzkopfs Professor X nicht verkneifen. Man verzichtete auf Gastauftritte der früheren Darsteller Patrick Stewart und Ian McKellen, wie überhaupt sämtliche Rollen mit derzeit angesagten Jungstars neu besetzt wurden. Einzig Hugh Jackman alias Wolverine schaut auf einen Cameo-Auftritt vorbei, obwohl er eigentlich zu alt für die Sechziger-Jahre-Ära ist.
Hinfällig erscheint nun allerdings der Beginn von „X-Men: Der letzte Widerstand“, wo Professor X und Magneto gemeinsam auf Mutantenrekrutierung gehen, da sie am Ende des Prequels als Gegner von einander scheiden. Dafür greift der Prolog erneut den Beginn des ersten „X-Men“-Teils auf, wo der junge Erik in einem KZ unfreiwillig seine übernatürlichen Fähigkeiten demonstriert. Mit Gewalt will Kevin Bacon als sadistischer Nazi den Jungen zwingen, diese Kräfte in seinem Sinne zu kontrollieren. Im Original spricht der nach „Super“ erneut als Schurke in einem Superheldenspektakel auftretende Bacon diese Sequenz komplett auf Deutsch. Hierbei wird deutlich, dass er den Text phonetisch lernte, während Michael Fassbender als erwachsener Erik seine wenigen deutschen Passagen natürlich akzentfrei beherrscht.
Als weitere Nazis trifft man auf Ludger Pistor und Winfried Hochholdiger, beide wie Fassbender bei „Inglorious Basterds“ mit von der Partie, wie überhaupt zahlreiche Nebenrollen mit prominenten Gesichtern besetzt wurden. Genreveterane wie Michael Ironside, Ray Wise („Twin Peaks“) oder James Remar vervollständigen als US-Offiziere die durchgehend überzeugende Besetzung. Obwohl für zahlreiche Rollen ursprünglich andere Namen im Gespräch waren, fand das Studio durchweg die passenden Akteure.
Den größten Teil der Handlung siedelten Vaughn und seine Co-Autoren während der Kuba-Krise in den Sechzigern an, was dem Geschehen anfangs einen Hauch von „James Bond“ verleiht. Durch Einsatz seiner Mutanten will der kinetisch veranlagte Konzernchef Sebastian Shaw (Bacon wirkt nun wesentlich jünger als in den zwanzig Jahren zuvor angesiedelten Kriegsszenen) die Spannungen unter den Großmächten nutzen und den dritten Weltkrieg entfachen. Natürlich kommen ihm dabei die erstarkenden „X-Men“ in die Quere, was nicht ohne Verluste auf beiden Seiten abläuft. Das Prequel vertieft die in der Trilogie angeschnittenen Themen wie Außenseitertum, Rassismus, Manipulation, Machtmissbrauch und Furcht vor allem Fremden, was sich mit den Komplexen und inneren Dämonen der Figuren verbindet. Bis auf wenige einkopierte Explosionen, ein wiederkehrendes Dilemma, vermögen die Tricks unter der Ägide des Veteranen John Dykstra („Star Wars“) zu fesseln, zumal sie die gesellschaftspolitische Story ökonomisch unterstützen.
Vaughn tat gut daran, teilweise auf sein bewährtes Team vor (Jason Flemyng als teuflischer Azazel) und hinter der Kamera (Co-Autorin Jane Goldman) zu bauen. „Layer Cake“, „Der Sternwanderer“, „Kick-Ass“, „X-Men: Erste Entscheidung“ – vier Schuss, vier Treffer. Dass seine überdurchschnittlichen Genrefilme an der Kasse leider stets hinter den Erwartungen zurück bleiben, darf man wohl der makaberen, ernsthaften und erwachsenen Erzählweise zuschreiben, aber bedauerlich erscheint es schon.
| FAZIT
„X-Men: First Class“ bietet erstklassige Superhelden-Unterhaltung mit Witz, Verstand und Tiefgang.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung