Montag | 28. Mai 2012 | 16:23 Uhr
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  • FILM REVIEW | Über uns das All
  • Über uns das All

    Drama | Deutschland 2011
  • | INHALTSANGABE

  • Martha ist glücklich in ihrer Ehe mit Paul. Der hat seinen Doktorgrad erlangt, einen Traumjob in Marseille bekommen… er fährt voraus, muss ein paar Dinge regeln. Und dann steht die Polizei vor Marthas Tür: Paul hat sich umgebracht. Und Martha erfährt nach und nach, dass nichts so war, wie es schien. Paul war nicht an der Uni, ist kein Dr., hatte keine Stelle in Marseilles…
    Bei ihren Recherchen über Pauls heimliches Doppelleben begegnet sie Alex, Uni-Dozent über deutsche Geschichte. Der steckt in einer Liebesbredouille, seiner Freundin ist die Arbeit wichtiger als er. Martha nimmt ihn mit zu sich nach Hause, geht eine Beziehung mit ihm ein. Verheimlicht ihre Vorgeschichte mit Paul, und spielt mit Alex die Liebe durch, die sie mit Paul gehabt hätte.
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      • | FILMKRITIK

      • Sandra Hüller, bekannt durch Hans Christian Schmids Meisterwerk „Requiem“, legt in „Über uns das All“ eine weitere schauspielerische Meisterleistung ab.

        Ihre Figur der Martha ist zu Anfang des Films in einer glücklichen Beziehung, die Ehe mit Paul besteht aus Liebe und Vertrauen. Doch Regisseur Jan Schomburg inszeniert dies nicht als kitschige Soap, nein: er verweist schon, ohne dass man es merken würde, auf das Kommende. Martha nämlich ist sauer, als ihr Mann einmal nach Hause kommt, eifersüchtig fordert sie von ihm endlich die Wahrheit – und es war nur ein Spiel, ein kleines freundschaftliches Foppen unter Liebenden. Sandra Hüller ist dafür genau die Richtige: auf ganz natürliche Weise kann sie gegensätzliche Emotionen auf den Punkt bringen, mit 180°-Kehrtwendungen innerhalb eines Satzes, von 0 auf 100 in 0,1 Sekunden – und das ohne prätentiös zu wirken, ohne künstlich zu forcieren, sondern ganz aus ihr selbst, von innen heraus.

        Was zu Anfang spielerisches Necken eines Liebespaares war, wird drastischer Ernst. Als zwei Polizistinnen vor der Tür stehen und Martha die Nachricht überbringen: Ihr Mann hat sich umgebracht, auf einem Rastplatz kurz vor Marseille. Und auch nun: Sandra Hüller. Wie sie hier den Schock spielt, indem sie ihn gerade nicht spielt! Sie will es nicht wahrhaben, lässt es nicht an sie heran, ignoriert die veränderte Situation einfach. Bei der Polizei fordert sie, dass die gefälligst ihren Job machen und den Fehler ausbügeln: Paul hat sich nicht umgebracht! Und erst beim Bestatter, beim Aussuchen eines Sarges, zeigt sie so etwas wie Emotion.

        Das glückliche Leben ist nun vorbei. Die Zukunft ist abgebrochen, die so glänzend vor Martha und Paul stand. Eine Zukunft, die reine Illusion war, wie Martha nun langsam erkennen, anerkennen muss. Paul hat keine Dissertation geschrieben, hat keinen Doktorgrad erlangt, hat auch keine Stelle in Marseille erhalten. Paul hat ein Doppelleben geführt, war nie der, für den Martha ihn gehalten hat, den sie zu kennen glaubte, den sie geliebt hat. Sie will herausfinden, was wirklich hinter ihrem Paul gestanden hatte – und hier vollführt der Film eine Wendung, einen radikalen Perspektivwechsel, und das hängt nur daran, dass sich Martha und Alexander zufällig begegnen, in einem Fahrstuhl. Und dass Alex seine Haare zurückstreicht, wie Paul es getan hatte.

        Nun folgt „Über uns das All“ Alex, dem Professor in Köln mit Wiener Dialekt, gespielt von Georg Friedrich, der sonst eher die Rolle des österreichischen Prolls ausfüllt. Davon zeugt nun nur noch das große Tattoo an seinem Arm – tatsächlich ist er hier Dozent für deutsche Geschichte. Da Martha an der Uni über Pauls wirkliches Leben nachforscht, begegnet sie Alex wieder. Und nimmt ihn mit, spielt mit ihm das Spiel einer langjährigen Beziehung, ersetzt den von ihr gegangenen Paul durch den ihr zugelaufenen Alex. Füllt mit ihm die Lücke in ihrem Leben.

        Und führt nun selbst ein Doppelleben, führt ein Leben, das in die Vergangenheit gerichtet ist. Benutzt Alex als Ersatz-Paul, verschweigt ihm den Vorgänger, führt vielmehr das glückliche Leben, die glückliche Liebe mit ihm fort, die sie mit Paul erfahren hatte. War zuvor sie die Wahrhaftige gewesen und ihr Partner ein Lügner, dreht sie nun diese Konstellation um. Was bedeutet: ihr Leben ist nun nur noch eine Simulation ihres früheren Lebens, ohne dass Alex davon wüsste. Wobei diese Simulation nochmals gedoppelt wird: indem sie und Alex ein ironisches Spiel spielen, so tun, als würden sie sich schon immer kennen, als steckten sie in einer jahrelangen Beziehung, mit zwei imaginären Kindern…

        Schomburg weiß genau, was er tut in diesem Film; der souveräne Umgang mit dem Stoff ist umso erstaunlicher, als es sich um seinen Debütfilm handelt. Man merkt, dass er das richtige Talent für den Umgang mit Schauspielern hat – mit Sandra Hüller und Georg Friedrich hat er zwei Hochkaräter an der Hand, die großartig miteinander spielen. Und Schomburg gelingt es, aus dieser Geschichte um Glück und Trauer, um Vergangenheit und Zukunft, um Wahrheit, Lüge, Geheimnisse und Doppelleben eine poetische Meditation über das Wesen der Liebe zu machen, über die Frage, wen wir warum lieben, ob wir den, den wir lieben, kennen, und ob das Nichtwissen über den anderen irgendetwas ausmacht.

        Große Ereignisse ereignen sich immer zweimal, zitiert Alexander in einer Vorlesung einmal Hegel – der Film exerziert diese These gekonnt, dramaturgisch geschickt durch. Eine zweite These wird einmal in einem Kneipengespräch geäußert: dass Liebe im Grunde faschistoid sei, weil der eine Partner den anderen immer vereinnahme, ihn verändern und nach seinem Bilde formen wolle. Kann Liebe entstehen trotz der Geheimnisse des anderen, obwohl man den anderen niemals richtig kennen kann? Muss man alles über den anderen wissen; muss man überhaupt wissen, dass man nicht alles vom anderen weiß? Schomburg schafft es, diese Thesen einzubauen, ohne einen trockenen Thesenfilm zu inszenieren; sondern eben tatsächlich einen Liebesfilm. Denn wie formuliert es Alex: „Ich liebe den Menschen, den du aus mir machst.“
      • | FAZIT

      • Ein dramatischer, emotionaler, beglückender Liebesfilm, souverän inszeniert bei all den dramaturgischen Schwierigkeiten, eine glückliche Beziehung filmisch zu etablieren, dann zu zerstören, und dann eine ganz neue Perspektive einzurühren, die sich rund in den Filme infügt.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 4.0/10 (3 votes)

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