Eva hat das Tourette-Syndrom und flucht immer wieder unwillkürlich. In die Gesellschaft passt sie damit nicht, ebensowenig wie der Rest der Familie: die lebenslustig-durchgedrehte Oma, der Onkel als verhinderter Rockstar, der arbeitslose, antriebslose Vater, die Kaufrausch-Mutter. Bald verlieren sie das Haus, weil der Bankdirektor einen Kredit nicht verlängert hat – die Oma und ihren geliebten Wald mit den geliebten Molchen will Eva aber nicht verlassen. Und sie heckt mit Onkel Bernie einen Plan aus (nachdem das Casting beim Talentwettbewerb gründlich daneben gegangen ist): Ein Banküberfall. Beinahe würde der Plan aufgehen. Wäre nur in dem Koffer tatsächlich Geld und nicht nur irgendwelche Papiere. Aber vielleicht sind die ja auch wertvoll?
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| FILMKRITIK
Zu Anfang wirkt „Ein Tick anders“ wie eine der Wohlfühl-Konsens-Independent-Filme à la „Little Miss Sunshine“ oder „Juno“ – die witzig sind, aber kaum sperrig, die sich einfügen in das, was dem Zuschauer guttut, ohne ihn übermäßig zu fordern, wenn man vom ungewöhnlichen Thema absieht. In „Ein Tick anders“ geht es dabei um das Tourette-Syndrom der Hauptfigur Eva, die eingebettet ist in eine ohnehin schräge, unkonventionelle, „andere“ Familie: Die Oma schießt auf Playmobilmännchen und jagt mit Chinaböllern den Staubsauger in die Luft, aus purer Lust am Spaß; der Onkel Bernie ist verkappter Musiker, der nichts auf die Reihe kriegt; die Mutter steckt im ständigen Kaufrausch und backt andauernd Kuchen für die Tourette-Selbsthilfegruppe; der Vater wurde entlassen, verheimlicht das vor der Ehefrau und schreibt auf einer Parkbank im Wald hunderte von Bewerbungen; dort radelt täglich Eva vorbei, die im Wald Ruhe findet, am See hat sie in den Molchen und Salamandern ihre Freunde gefunden; bei ihnen flucht und schimpft sie nur, wenn eine Familie beim Waldspaziergang auftaucht: „Kinderficker!“.
Das wirkt zu Anfang wie eine zu bemüht zusammengetragene Sammlung an Merkwürdigkeiten: Auch das Genre des unkonventionellen Films hat inzwischen seine Klischees gefunden, wenn es einen warmherzigen, liebevollen Humor geben soll: Etwa die gitarrebegleiteten Softpopsongs mit Tiefgang, die Ich-Erzählung der Hauptfigur, vor allem aber die seltsamen Außenseiter, die sich nicht um die Fährnisse und Widrigkeiten der Außenwelt kümmern und darin ihr Glück finden. Zumal das Tourette-Syndrom als ultimatives Zeichen für das Anderssein, für das Andere-vor-den-Kopf-Stoßen, schon im Erfolgsfilm „Vincent will meer“ seinen Ausdruck gefunden hat, und Sprachstörungen allgemein in „The King’s Speech“ – Regisseur Andi Bogenhagen scheint mit „Ein Tick anders“ also etwas hinterhergehoppelt zu kommen.
Doch: Bogenhagen nimmt das Tourette-Syndrom nicht als Krankheitsbild, sondern als komisches Mittel – und das, ohne sich über die Krankheit, über die Figur der Eva und ihre Merkwürdigkeiten lustig zu machen. Wegen dieses freien, dennoch ernsthaften Umgangs mit der Krankheit gelingen ihm auch ultimative, weil surreale Bilder vom inneren Kampf gegen den Tourette-Tic: ein Duplo-Baustein im gurgelnden Badewannenabflussstrudel, Plastikfolie überm Gesicht, ein Spielzeugpferd, das über einen Schleifstein scheuert…
Bogenhagen setzt Evas sprachlichen Aussetzer mit komischem Effekt ein, ganz klar: in ihnen – so ist das bei der Krankheit – feiert der freudsche Versprecher fröhliche Urständ, das, was man sich sonst nicht zu sagen traut, in seinem tiefsten Inneren aber denkt, bricht ungebändigt und ohne Vorwarnung aus dem Erkrankten heraus. Auf dem Weg zur Polizei ein kleines „Heil Hitler“, dann mal „Nuttenfotze“, „Presswurst“ oder „Penispilz“ – die Krankheit ist das perfekte Mittel, den Subtext der Figur an der Oberfläche sichtbar zu machen; das gelingt Bogenhagen umso mehr, als er keine medizinische Diagnose stellen will, sondern eine Geschichte erzählt, die ohnehin immer mehr ins Absurde driftet.
Und das ist es auch, was den Film doch sehr komisch macht und ihn vor den Untiefen des normal-schrägen, einvernehmlich-unkonventionellen Humors rettet. Viele Momente des überdreht Skurrilen bestimmen den Film, und das ist genau richtig so: Von der Beschreibung des Syndroms als Exkurs ins Frankreich des 19. Jahrhunderts, zur Teeparty von Mme. Dompierre, wo M. de la Tourette die Krankheit erstmals beschreibt („Schwein! Schwein!“), über die sicherlich richtige These, dass es immer Pilzsammler sind, die Leichen im Wald finden („Katja, sieh einmal, hier liegt eine grausam verstümmelte Leiche!“) über das gute, aber teure Sulgo-Gel („gegen Milben und für gute Erde“) und Probevorstellungsgesprächen des Vaters bei der coolen Oma („Ich muss jetzt ins Vaginaland“) bis zur Band von Onkel Bernie, in der sich alle Johnny nennen (Johnny Ladendieb, Johnny Arbeitslos, Johnny Blaubeermarmelade) und einen Talentwettbewerb, in dem Eva ein selbstgetextetes Lied vorträgt („Arschlicht“). Diese vielen eingebetteten, bizarren Einfälle durchziehen den ganzen Film, und wenn zu Anfang auch die Handlung lediglich in der Beschreibung einer eigenartigen Familie liegt, ergibt sich doch eine Story, als sich Eva mit Onkel Bernie zu einem Banküberfall mit einem ganz abgefahrenen Plan entschließen.
So schwebt der Film zwischen unkonventioneller Komödie und absurder Komödie – und da das Absurde das Schräge übertrifft, wirkt „Ein Tick anders“ zwar etwas unausgewogen, vielleicht auch unausgegoren, ist einerseits versöhnliches Feelgood-Kino, andererseits alberner Blödsinn: Aber er macht richtig Spaß.
| FAZIT
Eine abgefahrene Komödie über Tourette-Eva und ihre schräge Familie, in der gottseidank der absurde Witz die Oberhand über die Versöhnlichkeit eines bloßen Feelgood-Happy-End-Films behält.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung