Montag | 28. Mai 2012 | 11:37 Uhr
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  • FILM REVIEW | Der schmale Grat
  • Der schmale Grat

    Drama, Kriegsfilm | USA 1998
  • | INHALTSANGABE

  • Was für ein grässlicher Abend im Kino. Nicht weil der Film schlecht war, sondern weil ich wohl gerade das mieseste Publikum erlebt habe, dass je in einem Kinosaal saß. Die Leute um mich herum finden den Film grässlich und zeigen das auch deutlich – und damit auch, dass sie ihn nicht verstehen, es nicht einmal versuchen, es ist einfacher auf stur zu schalten.

    Mit Spannung habe ich "The Thin Red Line", so der Originaltitel von "Der schmale Grat" erwartet. Schon alleine deshalb, weil durch ihn die Oscarverleihung so unvorhersehbar wie schon seit Jahren nicht mehr ist. Die meisten Leute im Kino erwarten einen zweiten "James Ryan", doch den sollen sie nicht bekommen. Nach der Hälfte des Films beginnt sich der Saal immer mehr zu leeren. Was zum einen mit der Tatsache zu tun hat, dass ich in der Mitternachtsvorstellung sitze und den Leuten nicht klar ist, dass der Film drei Stunden lang ist, zum andere, weil die Erwartungen dieses Publikums nicht erfüllt werden.

    Der direkte Vergleich zum erst wenige Monate zuvor gestarteten Spielberg-Kassenknüller "Der Soldat James Ryan" liegt auf der Hand. Beide Filme spielen im zweiten Weltkrieg, beide Filme sollen den Unsinn des Krieges widerspiegeln, beide sind als Bester Film 1998 nominiert. Nur, dass "Der schmale Grat" ein sehr ruhiger Film ist, damit kommen die Leute nicht klar.

    "Ryan" beginnt mit einer 25minütigen Schlachtszene, der Landung der Alliierten in der Normandie. Von Anfang an wirbelt die Kamera nur herum, ist in Bewegung wie beim actionlastigsten Actionfilm. Bei "Der schmale Grat" kriecht ein Krokodil über den schlammigen Boden und versackt dann langsam im Wasser. Man sieht spielende Eingeborenenkinder, ihre Eltern im Dorf, alles ist so friedlich. So friedlich, dass der Zuschauer kribblig wird, weil er erwartet, dass es jeden Moment knallt.

    Doch darauf muss er lange warten, und während dieser Wartezeit hört das Kribbeln auf und führt bei vielen zu sanftem Schlummer - für den Rest des Films.
    Die, denen das passiert, gehören nicht zu denen, die die Chance bekommen, zu erkennen, was "Der Soldat James Ryan" nicht hat – ein eigenes Leben. Denn nach "Der schmale Grat" wird deutlich, dass "Ryan" eine Spielberg-typische Kommerzmaschinerie ist, steril, ohne das der Zuschauer es wirklich merkt, im Endeffekt nur "Jurassic Park" als Kriegsepos.

    Was Tom Hanks für "Ryan" war, die zentrale Figur also, ist in "Der schmale Grat" nicht vorhanden. Die Hollywood-Stars geben sich hier zwar gegenseitig die Türklinke in die Hand, doch kaum einer von ihnen ist länger als insgesamt vielleicht zwanzig Minuten auf der Leinwand zu sehen. Die Hauptrolle spielt die Natur und die durch sie unterstrichenen düsteren bis poetischen Monologe der Protagonisten.

    1942 kämpfen die Amerikaner und die Japaner gegeneinander im Südpazifik um die kleine Insel Guadalcanal. Sie ist der ideale Luftwaffenstützpunkt, wer sie in die Hände bekommt, dem sind die nächsten 1000 Quadratkilometer sicher. Der Gewinn dieser Insel kann über den Ausgang des Krieges entscheiden, zumindest zwischen Amerika und Japan.

    In den Wirren dieser Schlacht begegnet dem wachen Zuschauer der desillusionierte Private Witt (Jim Caviezel), der sich innerhalb von sechs Jahren in der Army nicht an das Leben hier angepasst, sondern so ziemlich jede Regel gebrochen hat.

    Dann trifft man den verbitterten und äußerst selbstgerecht wirkenden Colonel Tall (Nick Nolte), durch dessen innere Monologe klar wird, dass er sich für seine ganze Lebensart schämt.
    Dann ist da Sergeant Welsh (Sean Penn), der ziemlich gefühllos auftreten muss, um in diesem Schrecken Mensch zu bleiben, Private Bell (Ben Chaplin), der sich selber noch nicht die Kugel gegeben hat, weil er immer noch eine Hoffnung kennt, die Liebe zu seiner Frau, Captain Staros (Elias Koteas), der in den Jahren mit den ihm unterstellten Soldaten so eng zusammengewachsen ist, dass er sogar aus Angst um sie die Befehle des Vorgesetzten verweigert.

    Es wird ein Dutzend Personen vorgestellt, doch keine von ihnen ist von entscheidender Wichtigkeit. Hier ist die Situation entscheidend. Es ist am Ende nicht wichtig, wer tot ist und wer überlebt hat, der Zuschauer erfährt auch bei vielen nicht, was mit den Figuren passiert oder er kann in den Schlachtsequenzen nicht wirklich ausmachen, wer dran glauben muss. Dadurch wird ihm die Identifizierung mit einer Heldenfigur verwehrt, was auch gut so ist, denn hier gibt es gar keine Helden, oder ist jeder auf jeder Kriegsseite einer?
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      • | FILMKRITIK

      • Regie führte Terrence Malick, von dem man seit 20 Jahren nichts mehr gehört hatte. Seine bravourösen Filme "Badlands" und "In der Glut des Südens" zählen zu den Meisterwerken der 70er Jahre. Was Malick zum Abtauchen, und auch zum wieder Auftauchen trieb, ist ungewiss, aber zwanzig Jahre Filmabstinenz haben ihm nicht geschadet.

        Wie damals setzt er auch in "Der schmale Grat" auf die Umgebung. Schlachtensequenzen, Sterbeszenen, Dialogszenen, sind immer wieder unterbrochen von kurzen Naturaufnahmen, bunt, schön, leuchtend und plötzlich wird all diese Schönheit mit Blut besudelt und verbrennt im Bombenfeuer. Der Mensch zerstört das, was er lieben sollte.

        Bei Malick zerplatzen keine Köpfe wie bei "Ryan", es gibt kaum ausgiebig zu betrachtende und durch die Luft fliegende Körperteile. Spielberg versucht so, sein Publikum auf den Krieg hassend zu machen, jedoch stumpft er es eher ab. Malick ist sich für so was zu schade, er hat einen leisen Film gedreht, in dem der Krieg nicht unmenschlich, sondern unlogisch wird. Was Malick hier auf die Leinwand gebracht hat mag manch Einen langweilen. Aber es ist echt, es kommt vom Herzen, in jeder Sekunde des Films liegt mehr Gefühl als im ganzen "James Ryan" zusammen.

        Es passiert nicht viel in "Der schmale Grat". Die Schlacht beginnt, hört auf, ein neues Gefecht beginnt, einige Soldaten sterben. Das Übliche also. Jedoch ist dank Malicks Konsequenz, anscheinend den ersten Independent-Film in der Sparte Kriegsfilm drehen zu wollen "Der schmale Grat" verstörender und psychisch brutaler als alles bisher dagewesene. Ich denke, es dauert wirklich lange, um diesen Film ganz zu erfassen, und es ist nicht einfach sich wirklich auf ihn einzulassen und gerade deswegen ist er besser als "James Ryan".

        "Der Soldat James Ryan" ist ohne Frage ein guter Film. Auch ein mutiger und aussagekräftiger Film. Jedoch konnte Spielberg sich diesen Umstand leisten, und nach seinen eigenen Vorstellungen zusammenbasteln, denn er hatte seine Spitzenstars Tom Hanks und Matt Damon, die mit ihm zusammenarbeiteten und so einen Hit garantierten.

        So hat Spielberg sein Publikum psychologisch manipuliert, ohne das er es wahrscheinlich selber wollte. Malick hat noch mehr Spitzenstars, in kleinen Nebenrollen tummeln sich Blockbuster-Kandidaten wie John Travolta, George Clooney, John Cusack oder Woody Harrelson.

        Szenen mit Bill Pullman und Lukas Haas fielen der Schere zum Opfer. Die Stars rissen sich um die Rollen, die Figur des Private Witt wollte Brad Pitt haben. Malick lehnte ihn ab, die größeren Rollen besetzte er eher mit unbekannten Gesichtern, wer kennt schon Jim Caviezel oder Dash Mihok mit Namen. Letzterer spielte wenigstens eine größere Rolle als Romeos Vetter in Baz Luhrmans bereits zum Kult avancierten Verfilmung von "Romeo und Julia".

        Malick arbeitet gegen seine Stars, er ignoriert sie, er verweigert sich den Regeln des Hollywoodfilms und bildet dadurch das genaue Gegenstück zu "Ryan". "Der Soldat James Ryan" hat 11 Oscarnominierungen, "Der schmale Grat" sieben. Bevor ich in dem Film war, war ich am hadern, wer gewinnt. Jetzt plädiere ich eher für "Ryan", denn ein Film wie "Der schmale Grat" passt nicht in die Oscargeschichte, er hat ihn nicht verdient.

        Dafür hat er aber etwas viel besseres verdient, den Applaus des Publikums, und zwar verdammt laut und klar für jeden Moment und für jede Einstellung die der Film hat. Nicht dafür, dass er den Zuschauer unterhält, sondern für seine überaus mutige Risikobereitschaft trotz Stars an der Kasse völlig zu scheitern. Malick war von Anfang an klar, dass er einen Zuschauer-unfreundlichen Film dreht.
      • | FAZIT

      • Ein absolutes Meisterwerk nach dem man sich fragt, was Mr. Terrence Malick wohl morgen tun wird, wieder abtauchen oder weiterdrehen?
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Sebastian Schmidt

      • | Userwertung

      Wertung: 8.1/10 (20 votes)

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