Eine schrecklich zugerichtete Leiche im Rotlichtviertel ruft eine Polizistin auf den Plan, die aber privat in allerlei Probleme verstrickt ist: Ihren liebevollen Ehemann und die Tochter hintergeht sie mit einem geheimnisvollen Fremden, der sie dominant hörig gemacht hat... Allerlei Fantasien und Sexspiele behindern ihre Arbeit.
In einer anderen Zeitebene ist Izumi in einer völlig ritualisierten Ehe gefangen: Ihr Mann, als Schriftsteller Verfasser leidenschaftlicher Liebesromane, liebt das pedantisch Genaue zuhause. Gestattet ihr aber einen Nebenjob als Würstchenverkäuferin im Supermarkt – von hier ist es für Izumi nur ein kleiner Schritt zu Nacktfotos und vor der Kamera simuliertem Sex, zu Seitensprüngen und Prostitution. Vor allem, als sie eine Literaturprofessorin kennenlernt, die des Nachts als Edelnutte das Rotlichtmilieu unsicher macht, auf der Suche nach einem Zugang zum metaphorischen kafka’schen Schloss, das niemals erreicht werden kann.
Ein durchgeknallter Zuhälter, eine durchgeknallte Mutter, durchgeknallte Freier usw. tun ihr Übriges, um die Verwirrungen der Leidenschaften zu einem verstörenden Drama voll Gewalt, Sex und makabrem Witz zu machen.
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| FILMKRITIK
Sion Sono ist wohl einer der interessantesten Regisseure nicht nur in Japan, sondern weltweit. In seinen Filmen mischt er Liebe, Horror, schrägen Humor, Surreales, Groteskes, Hochemotionales zu einem ganz eigenen bizarren Stil. Melodram wird zu Trash, unversehens mischen sich diverse Symbole ein, die in Realität überführt werden, und man erkennt, dass es mehr Dinge zwischen Sex und Tod gibt, als sich unsere Schulweisheit träumt.
„Guilty of Romance“ bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld, wir sehen zu Anfang eine nackte Frau beim harten Sex, bis ihr Handy klingelt und sie zu einem Tatort gerufen wird: Sie ist Polizistin und bekommt es mit einem heftigen Fall zu tun, mit einer Frauenleiche, deren Körper halb durch Teile aus Schaufensterpuppen ersetzt wurde. Das ist eine dieser surrealen und packenden Szenen, verstörend und faszinierend – Sion Sono ist ein Meister in der Erfindung solcher Konstellationen, in denen das Normale pervers oder das Perverse normal erscheint.
Die Ermittlungen der Polizistin – die durchaus selbst einiges zu verbergen hat, gerade auch vor ihrem Ehemann – ist die eine Erzählebene. Die andere geht in die Vergangenheit, zu jemand ganz anderem: zur braven Hausfrau Izumi mit ihrem pedantisch korrekten Ehemann, für den allabendlich um neun Uhr die Hausschuhe millimetergenau am Hauseingang stehen müssen, der Wert legt auf exakte Einhaltung der Rituale seines Haushaltes. Izumi will raus, und ihr Gatte gestattet dies: Sie darf arbeiten gehen, „wir sind ja nicht in Ibsens ‚Puppenhaus’“. Also verkauft sie Würstchen im Supermarkt. Und kommt alsbald vom Symbol zum richtigen Phallus, wird Nacktmodell, Sexdarstellerin, Prostituierte – damit lebt sie die Lust aus, die sie zuhause – ausgerechnet bei ihrem Ehemann, der wollüstige Liebesromane schreibt – nicht mehr empfinden kann.
Die Hausfrau, die zur Edelhure wird, die Polizistin, die insgeheim perverse Phantasien realisiert – Sion Sono belässt es natürlich nicht bei einer derartigen schmierig-schmutzigen Trashhandlung, sondern wertet sie auf: durch unglaubliche visuelle Phantasie – nicht nur ein Zuhälter, der mit orangenen Farbbeuteln um sich wirft –, durch die Kraft, die in den starken, verdrehten, melodramatischen, unendlich verdichteten Situationen steckt, aber auch durch diverse literarisch-kulturelle Verweise, die über oberflächliche Andeutungen hinausgehen. „Das Schloss“ steht in Blut oder Farbe an die Wand des Tatorts gemalt, in einer billigen, abbruchreifen Absteige – es geht um die Sehnsucht nach dem kafkaesk Unerreichbaren, für das man alles tut, sich beispielsweise tagsüber als Literaturprofessorin mit Studenten und Gedichten beschäftigt und abends im Rotlichtviertel die berühmt-berüchtigte Hure sein. „Rose is rose is rose“ steht auf einer Einkaufstüte, das immer selbe, das seine Bedeutung nie ganz ergründet, ist ein Motiv des Films: Zwischendrin ergeht er sich anhand eines Gedichtes („Hätte ich Worte nie gelernt...“) in extensivem Bezeichnungsnihilismus und Bedeutungsabsolutismus.
Natürlich ist dies kein intellektueller Diskursfilm. Natürlich geht es immer um das Körperliche, um das Sinnliche; um Sex und Gewalt und die vielschichtige Darstellung unterbewusster Gefühlsströmungen im echten Leben der Filmfiguren. Im Gegensatz zu einigen seiner früheren Filmen wirkt „Guilty of Romance“ dabei weniger dicht, mehr vergeistigt; und irgendwie stimmt auch das Gleichgewicht der beiden Erzählebenen nicht, die Hurengeschichte scheint überbetont, von der Story um die Polizistin hätte man gerne mehr gehabt... Doch immer wieder gibt es unglaubliche Szenen, abartige Telefonspielchen während eines Ficks, oder ein Abendessen bei der Mutter mit unflätigsten Beschimpfungen in freundlichstem Tonfall, oder eine Beschreibung, wie man jemanden zwingt, einen zu erwürgen. Das sind Säulen, auf denen der Film fest steht; verdrehte, verzwirbelte, verbogene Säulen, so, wie es sich bei Sion Sono gehört.
| FAZIT
Ein überbordender, perverser, witziger, melodramatischer, bizarrer Film von Sono Sion. Im Vergleich zu seinen vorherigen Werken allerdings etwas schwächer.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
Gesamtwertung:
Autor: Harald Mühlbeyer
| FILMPLAKAT
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