Montag | 28. Mai 2012 | 14:44 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Reviewübersicht > Reviewdetails
  • FILM REVIEW | Sommer in Orange
  • Sommer in Orange

    Komödie | Deutschland 2011
  • | INHALTSANGABE

  • Anfang der 1980er Jahren erlebt die 12-jährige Lili (Amber Bongard) zusammen mit ihrem kleinen Bruder Fabian (Béla Baumann) und ihrer Mutter Amrita (Petra Schmidt-Schaller) in der Berliner Sannyasin-Kommune eine unbeschwerte Zeit: freie Liebe, Spiritualität, Antiautorität, orangefarbene Klamotten und der heilige Bhagwan als Idol an der Wand. Doch dann erbt ihr aktueller Papa Siddartha (Georg Friedrich) im bayerischen Dorf Talbichl einen Bauernhof. Als die WG dort ihr neues Zuhause findet und ein Meditationszentrum einrichten will, stoßen zwei Welten aufeinander. Doch nicht nur, dass dem Bürgermeister (Hainz-Josef Braun) die potentiellen „Terroristen“ und „Kratler“ ein Dorn im Auge sind, auch Lili hat es schwer, in der süddeutschen Provinz ihren Platz zu finden. Und auch innerhalb der Kommune zeigen sich erste Brüche – vor allem als sich Mama Amrita in den US-Guru Prem Bramara (Thomas Loibl) verkuckt und ihre Kinder vernachlässigt.
    WERBUNG
      • | FILMKRITIK

      • Zwischen Kruzifix und Mala-Kette, Sonntagsmesse und Nacktmeditation, Dirndl und Batik-Hemd: Esoterische „Hippies“ im konservativen bayerischen Dorf – das klingt nach einer Culture-Clash-Komödie und bewährtem liebenswerten Schenkelklopf-Spiel mit Klischees und Stereotypen. Was „Sommer in Orange“ auch bietet, einerseits. Andererseits gerät der Film nie (oder nur selten) plump, begnügt sich nicht mit dem reinen Gegeneinanderstellen zweier Lebenswelten. Natürlich hat’s den argwöhnischen Bürgermeister, der das befremdliche Treiben der Nachbarn von seiner Terrasse aus beobachtet oder die neugierige wie verbissene alte Witwe, die die „Satanisten“ beargwöhnt. Wie, auf der „Gegenseite“, viele Wohlfühl- und Selbstverwirklichungsphrasen, die heute nur mehr auf Comedy-Bühnen zu nostalgisch-parodistischen Verulkungen einstiger Zeitgeistigkeiten und Sinnsuchen feilgeboten werden.

        „Sommer in Orange“ rührt aber bei aller sonnenhellen Unbeschwertheit ernst und nicht unkritisch an den Schattenseiten des Kommunenlebens und der Vorstellungen der westlichen, selbst recht biederen Sannyasins um – ihren Freuden, Vorzügen und Utopien, aber auch den Verblendungen und dem (typisch deutschen?) Verrennen, der fast zwanghaften Leichtigkeit und ihren Opfern im Miteinander. Besonders die eindrucksvolle Petra Schmidt-Schaller als Mama Amrita ist hier großartig besetzt, zeigt sich frei und ungezwungen, ein Kind der Lieben, ohne Grenzen, das aber darüber nicht bemerkt, wie sie andere verletzt, ihre Tochter Lili, die ein Doppelleben beginnt, um mit Zöpfen und Kleidchen in der „spießigen“ Schule dazuzugehören, oder Amritas Partner Siddharta, dem die emotionale Offenheit doch etwas zu weit geht, wenn ihm beim Tandra-Sex Amrita von ihrer ganz „tiefen Beziehung“ mit dem schmierigen Guru Prem vorschwärmt.

        Amrita selbst schleppt denn auch ein eigenes emotionales Päckchen mit sich rum, und wie sie sind alle – mit Georg Friedrich, Oliver Koritke, Daniele Holtz oder Chiem Van Houweninge (Schimanskis „Hänschen“) toll besetzten – WG-Gestalten liebenswerte Charaktere, aber unfertige eben auch Menschenkinder und Träumer, die ihren eigenen Anforderungen oft nicht genügen und dabei vor sich selbst davonlaufen. So deppert und steif wie die Dörfler manches Mal erscheinen: In ihren gottgegebenen Eifersüchteleien und Ego-Ansprüchen, geraten die Schmalspur-Sannyasins, bei aller Liebe, die der Film ihnen entgegenbringt, zu unbedingten Kleingeistern, zu Dogmatikern, Engstirnigen. Unter dem rigorosen Vegetarier-Diktat muss sich Siddharta heimlich in der Metzgerei Würstchen wie beim Dealer kaufen, um daheim den Undschuldigen zu mimen, als das „tote Tier“ in seiner Tasche gefunden wird. Die quasi fraternisierende freie Liebe mit dem adretten Postboten wird einer der ihren übelgenommen, und schließlich ist es Amrita, die auf dem Dorffest eine hässliche Verachtung, Intolleranz und spießige Überheblichkeit gegenüber den Einheimischen zur Schau stellt. Und die so zünftige wie reinigende Prügelei mit den Dörflern im Anschluss geht nicht auf deren Konto…

        Nein, „Sommer in Orange“ nimmt sein Thema nicht allzu leicht. Vielleicht ist aus zweierlei Gründen ein so überraschend gelungener Film geworden, dem man manchen überdrehte Albernheit nicht nur durchgehen lässt, sondern dem man – dank der Tiefe, mit der hier der Stoff erkundet wird – diese auch sehr gerne und mit großem Genuss aus den Händen reißt:

        Einerseits der Blickwinkel. Das aufgeweckte Mädchen Lili steh im Mittelpunkt, es ist ihre Geschichte und aus ihrer Perspektive heraus wird das Geschehen erzählt. Das legitimiert die manchmal aufgekratzte Inszenierung – selten steht die Kamera still, sondern schwenkt, rollt, fährt (Kran) – und wenn sie doch mal innehält, wird halt schnell(er) geschnitten. Lilis Schon-nicht-mehr-Kinderblick bietet darüber hinaus Anschluss und Identifkationsmöglichkeit: Nichts ist aus ihm heraus zwischen den Lebenswirklichkeiten allzu fremd, aber auch nicht zu nahe. Keiner ist da in den Fraktionen wirklich böse, und wenn halt mal nix zu Esse daheim ist, weil die Erwachsenen ihre Zeit lieber mit dem Ausdiskutieren ihrer Finde-ich-nicht-Okay-Problemchen beschäftigt sind, lädt eben des Bürgermeisters nette Frau zur Brotzeit ein – deren schüchterner Sohn mit den weißen Kniestrümpfen hat es Lili ohnehin angetan.

        Es ist aber nicht nur ein überdrehtes Geschichtchen, sondern auch ein nostalgischen Rückblick, den „Sommer in Orange“ bietet – und manchmal weiß man gar nicht, was exotischer (oder psychodelischer) anmutet: Die „Hippies“ im Schlabberlook mit ihren rituellen Gefühlsaustobungen und indischen Tanszendenzgewese, die bayerischen Eingeborenen mit ihren seltsamen Gebräuchen und Trachten oder schlicht die frühen 1980er-Jahre mit ihrer Mode und dem architektonischen Modernismus jener „Epoche“, der einem zum Beispiel in Lilis Schule eine kleine Zeitreise bereitet.

        Dass das allem so fern und fremd ist, aber trotzdem einem so nahe kommt (oder gebracht wird), verdankt der Film vorwiegend einer geglückten Arbeitsteilung: Inszeniert hat Marcus H. Rosenmüller. Der hat sich mit seinen „neuen“ oder modernen „Heimatfilmen“ wie „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“ und natürlich seinem Durchbruch, dem Überraschungshit „Wer früher stirbt ist länger tot“ als liebevoller und erfolgreicher Porträtisten der modernen bayerischen Provinzlebens und dem Kindersein und Erwachsenwerden darin einen Namen gemacht hat. Und während ihm auch hier der sympathische Blick auf die Landsleute und gewinnend unbekümmerte Realisierung zugesprochen werden kann, hat Drehbuchautorin Ursula Gruber mit dem Kommunenleben der Spiritualisten Autobiographisches mit etwas süßer Bitterkeit verarbeitet und also zwischen Spaß und Ernst die richtige Balance finden können. Jahrgang 1971, ist sie mit ihrem Bruder (der bei „Sommer in Orange“ als Produzent fungierte) selbst in einer Sannyasin-WG südliche von München aufgewachsen, mit alleinerziehender Mutter, Encounter-Gruppen, Bio-dynamischen Massagen und dem Wunsch nach Normalität. Manchmal tut es einem Film nicht gut, wenn der Autor zu viel von dem, was er erzählt, persönlich kennt und erlebt hat. Bei dem leichten vergnügten „Sommer in Orange“ ist es allerdings ein Glücksfall, aller Nostalgie und allem Happy-End mit quatschiger gegenseitiger Gute-Laune-Befruchtung der Kulturen zum Trotz. Aber auch Filme dürften sich halt mal hinter ihren Utopien verstecken und um ihre Chakren kreiseln.
      • | FAZIT

      • Im Ton unbeschwerte Komödie von „Wer früher stirbt ist länger tot“-Regisseur Rosenmüller über den Culture Clash zwischen bayerischen Dörflern und zugezogenen „Bhagwan-Hippies“, die es nicht bei harmloser Nostalgie und seichtem Stereotypen-Ulk belässt, sondern sich auch ernstere das „alternative“ Leben in puncto Verantwortung, Sinn- und Identitätssuche befragt.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Bernd Zywietz

      • | Userwertung

      Wertung: 6.7/10 (20 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN