FILM REVIEW | Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Abenteuer,
Familie,
Fantasy
| Großbritannien / USA 2011
| INHALTSANGABE
Harry Potter (Daniel Radcliff) sucht die restlichen Artefakte, mit denen er seinen Erzwidersacher Voldemort (Ralph Fiennes) bezwingen kann – und dem er in der Schlacht um Hogwarts schließlich gegenübersteht.
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| FILMKRITIK
Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – und Harry Potter. Zumindest im Kino. Denn den letzten Band der Fantasy-Kinder- und -Jugend-Buchserie, deren Hypererfolg wir die Schwemme des Phantastischen in den letzten und vermutlich auch noch kommenden zehn Jahren zu verdanken haben, haben die Produzenten für das Kino aufgesplittet: 2010 kam „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 1“, nun hat Regisseur David Yates Part 2 vorgelegt, jetzt sogar in 3-D. Die Harry-Potter-Erfinderin, die Autorin J.K. Rowling gab zu, im Kino geschluchzt zu haben, und natürlich wird jeder der unzähligen Fans, die mit ihren jungen Helden Harry, Hermine und Ron zusammen aufgewachsen sind (oder schon erwachsen waren) das großen Finale nicht abwarten können.
Freilich: Lohnt sich das Ende vom Ende? Oder zumindest: Worauf muss man sich gefasst machen?
So sinnvoll es angesichts „Harry Potter 7.1“ schien, dass die Buchvorlage nicht komplett in einen Film gestopft wurde, so sehr zahlt man nun, mit „7.2“, den Preis dafür. Das liegt zu einem gehörigen Teil daran, dass Rowlings letzter Potter-Band in der Reihe der über die Jahre immer dicker werdenden Fantasy-Kult-Schmöker nicht wirklich gelungen ist. Schon beim deutschen Verlag Carlsen, der den Abenteuern des Zauberschülers und seinem Kampf gegen die finsteren Mächte des bösen Lord Voldemort (ups, jetzt ist der Name genannt) viel zu verdanken hat, war man mit den „Heiligtümern des Todes“ nicht mehr sonderlich zufrieden.
Roman 1 („Stein der Weisen“) bis 5 („Orden des Phoenix“) bedienten zwar immer wieder den großen Erzählbogen um Harry und seinen mit ihm verbundenen finsteren Gegner und Elternmörder, boten in diesem Kontext aber immerhin abgeschlossene, eigene Storys, die sich schön geordnet und strukturiert in je einem Schuljahr in der Zauberschule Hogwarts abspielten. Das ist mit den „Heiligtümern des Todes“ vollends vorbei, ums große Ganze geht’s nun, ohne viel Federlesen und Exposition, um Horkruxe (= Voldemorts aufgeteilte und in diversen Dingen versteckte Seele), die Harry und Co. suchen und zerstören müssen, ebenso um die Heiligtümer des Todes (= die Heiligtümer des Todes, eben; auch ganz wichtig, irgendwie); im Land herrscht quasi Bürgerkrieg zwischen guten Zauberern und den Todessern, und alle suchen/wollen/brauchen Harry. Wobei quasi sämtliche losen Fäden – oder überhaupt: alle Fäden der Vorgeschichten zusammensponnen werden müssen.
Irgendwelche Figureneinführungen gab es kaum mehr welche. Doch das, wie auch die komplizierte, auch etwas wirre, aber leider nicht sonderlich komplexe Geschichte hatte Yates in „7.2“ samt Kameramann Eduardo Serra und seinen, wie stets vorzüglichen, Darstellern gut im Griff. Man lieferte tolle, teils bedrückende, immerzu aber famose und vor allem lustvolle Aufnahmen, Stimmungsbilder oder faszinierende Settings für die Schnitzeljagdstationen, dazu noch eine fantastische Animationssequenz über die Backgroundstory der „Deathly Hallows“.
Leider ist das mit „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ nicht mehr so. Gefühltermaßen besteht der „letzte Rest“ aus zwei Sequenzen: einer durchaus noch spannenden und mitreißenden Etappe auf der Suche nach den „Zauberschätzen“ in der Koboldsbank Gringotts, inklusive kleiner Achterbahntour und einem Drachen, der, als er sich mit den drei Helden auf dem Rücken durchs Dach davonmacht und vor dem Panorama Londons erhebt, noch einmal die ganze erhabene Magie des Phänomens Harry Potter beschwört. Doch dann folgt praktisch nur noch Finale, ein einziger langgezogener und entsprechend schnell ermüdender Höhepunkt, der einem in der stehende Eile weniger die Sinne raubt, als Hirn und Herz ein bisschen abstumpfen lässt, bis die letzte Verlangsamung der Zeitlupe auch kein Gramm Pathos mehr aus der Tube zu quetschen vermag. Denn Harry samt Freunden schlagen sich zurück nach Hogwarts, treffen (und erkennen sofort) des toten Schulleiter Dumbledores Bruder, verscheuchen den (schein-)bösen Snape als neuen Direktor, und schön rückt Voldemort mit seiner Armee an, die große Schlacht kann beginnen.
Flott, flott wird alles auserzählt, jede der Figuren im großen Harry-Potter-Reigen hat noch mal einen (teils lächerlich) kleinen Auftritt, auch die Toten, und wo und wie sie (dort-)hin kommen, bleibt offen - die die Grenzen zwischen Magie, Plot-Löchern oder zumindest Wissen zum Selbstmitbringen verwischen arg. Bis auf den Anfang und den Schluss spielt alles bei Nacht oder in Gewölben, und die große Schlacht verpufft ebenso wie die Tragik um die Gefallenen auf der Heldenseite, die man in der Dauerdramatik und Eile der Geschehens kaum identifizieren, geschweige denn als Figuren gebührend betrauern kann.
Immerhin versucht es Yates, dem Stoff mehr abzuluchsen, distanziert den Zuschauer einmal vom Kampfgetümmel, indem er einem von Alexandre Desplats schönen Musikvorhängen davor zieht und so wenigstens die Ahnung von der ansonsten nur behaupteten epischen Größe und Bedeutung dieser finalen Konfrontation zwischen Gut und Böse vermittelt, statt penetrant immerzu nur „mit dabei zu sein“ und doch nur in Stichpunkten zu erzählen.
Selbst die dritte räumliche Dimension, die man nun dem letzten Part technisch zugestanden hat, nützt aber wenig, bereichert manchmal eine Szene, stört in einer anderen, und ist, einmal mehr, im Großen und Ganzen insofern belanglos, als ästhetisch ohnehin und nach wie vor (und für die 2D-Fassung) mit Tiefen(un)schärfen der Blick gelenkt und räumliche Tiefe ganz traditionell konstruiert wird.
Keine Frage, man hat sich wieder rundum große Mühe gegeben, doch es fehlt nun sehr das Lustvolle, das Spielerische. Aus dem Staunen und dem Adventure- ist ein defensives Passions-, Erlösungs- und Actionspiel geworden. Vielleicht kann „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ auch gar nicht anders, als der missglückteste Film der Reihe zu sein. Wer nicht sicher ist in der Potter-Welt, wird nur Bahnhof (ohne Gleis 9 ½) verstehen und sich in etwa so zurechtfinden wie im Showdown einer Telenovela mit ihrem Gesamtensemble oder einem Dan-Brown-Roman, den man auf Seite 451 aufschlägt und zu lesen beginnt. Die selbstzweckhaften Erklärbär-Dialoge – wem nun warum welcher Zauberstab nun (nicht) gehört bzw. gehorcht – hin oder her. Den Eingeweihten hingegen wird gegeben, wonach sie wohl primär verlangen (und mit dem sie sich überwiegend wohl zufrieden geben werden): die eilige, aber zu verbindliche Bebilderung des Romangeschehens, damit des Bekannten, ohne große Überraschung. Wie Harry durch Voldemorts Hand sterben muss (was der Film ohne viel Brimborium absolviert) und wieder aufersteht; Hogwarts in Trümmern, der Epilog 19 Jahre später…
Vor zehn Jahren begann die Kinoreise des Harry Potter, der wie selten eine Figur zum Wegbegleiter in den Kinderzimmern und zum weltweiten Erfolgscharakter der Popkultur geworden ist. Man hat Daniel Radcliff, Emma Watson und Rupert Grint samt ihren Mitschülern beim Großwerden zugeschaut, und gerade der Epilog des Films, da Harry, Ron und Hermine selbst Eltern sind und nun ihrerseits ihren Nachwuchs zum Hogwartsexpress bringen, bekommt darüber etwas Bittersüßes, etwas Wehmütiges. Wie wenig man doch zumindest Radcliff und Grint alt schminken musste. Aus Kinder werden halt Leut‘, jedes Abenteuer ist irgendwann zu Ende, und natürlich ist denn auch „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ ein Film, den man dahingehend, als Abschied von guten Freunden und dem Schlussakt einer eigenen kleinen mythischen Epoche, gesehen haben muss. Einer freilich, der wenig besser hätten sein können, der mehr Erzählzeit, Freimut oder auch nur als dann doch womöglich: ein einfaches Doublefeature in Superlänge verdient hätte. Zwei Enden sind vielleicht doch nur für die Wurst geeignet.
| FAZIT
Nicht uninspirierte, aber dramaturgisch ermüdende, allzu pflichtschuldig heruntererzählende Kinoadaption des (freilich selbst suboptimalen) Harry-Potter-Romanfinales, das viel Wissen schlicht voraussetzt und letztlich zu sehr wie mit einer Checkliste über Figuren, Zusammenhänge und Ereignisse dahineilt, als dass sie einen würdigen Abschluss der Saga böte.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung