Montag | 28. Mai 2012 | 14:12 Uhr
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  • FILM REVIEW | Captain America
  • Captain America

    Action, Science Fiction | USA 2011
  • | INHALTSANGABE

  • Der schmächtige Steve Rogers (Chris Evans) will unbedingt in den Zweiten Weltkrieg und landet im geheimen Supersoldaten-Programm des US-Militärs. Mit übermenschlicher Physis ausgestattet wird er als „Captain America“ zum Propaganda-Star, ehe er mit einer Gruppe von Kriegshelden gegen den durchgedrehten okultistischen Nazi-Wissenschaftler Johann Schmidt alias „Red Skull“ und seine Renegaten-Organisation Hydra zu Felde zieht. Denn Skull hat nicht nur Superkräfte wie Rogers, sondern auch einen magischen Wikingerstein und globale Massenvernichtungspläne.
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      • | FILMKRITIK

      • Der erste „Avenger“ ist er, auch wenn sein Film der letzte in der Kino-Reihe ist, mit der die Marvel-Comic-Superhelden individuell einzeln eingeführt wurden, ehe im kommenden Jahr Thor, Iron Man und Co. gemeinsam die Welt retten. Captain America alias Steve Rogers ist nun insofern die Nummer Eins, als er quasi historisch den Anfang macht – als Grundstein des geheimen Regierungsprogramms und Held im Zweiten Weltkrieg, passend vaterlandsgetreu gewandet in den US-Nationalfarben.

        Mal abgesehen davon, dass man sich hierzulande mit so einem unbekümmerten soldatisch-heldischem Unfug schwertun würde: „Hauptmann Deutschland“ – so die adäquate Übersetzung in Sachen Land und Dienstgrad – wäre als Name an und für sich schon beknackt genug, vor allem aber gänzlich altbacken und mehr als angestaubt. Tatsächlich führt sich auch „Captain America – The First Avenger“ grundsätzlich auf wie ein hurrapatriotischer Streifen aus den 1940ern, als man auf der Leinwand von den Marx-Brothers über Sherlock Holmes bis hin zum „Unsichtbaren“ alles und jeden fröhlich gegen die fiesen „Krauts“ und die übrigen Achsenmächtler ins Feld führte. Der Comicheld Captain America selber ist ja tatsächlich ein Kind jener Zeit, erfunden mal nicht von Stan Lee, sondern von Joe Simon und Jack Kirby, trat er zum ersten Mal 1941 in Aktion, neun Monate vor der offiziellen Kriegserklärung der USA.

        „Captain America“ kokettiert mit diesem Zeitgeist von einst, treibt gar seine fidelen Späße damit und genießt richtig die Heldenmuster jener Epoche: Selbst Hauptdarsteller Chris Evans ist dafür wie gemacht. Nicht nur, dass er schon als „Fakel“ in den beiden „Fantastic Four“-Filmen Comichelden-Qualitäten beweisen durfte: Vorzüglich kann er den
        charmanten und kühnen, zugleich aber auch immer etwas naiven und vordergründigen Retter mit Schild und Maske über seine Mimik und Physiognomie sowohl präsentieren wie auch im selben Moment persiflieren.

        Dank verblüffender Computer-Bildbearbeitung zunächst ein Hänfling, für den sich der Film als solchen anfangs wohltuend viel Zeit nimmt, ist Rogers zunächst zwar bei den Damen ein Loser und in den Reihen der „echten“ G.I. im Ausbildungscamp ein Witz (und für manch solchen im Film gut). Zugleich jedoch zeigt er sich aber auch cleverer als die andern, viel mutiger, und das Herz hat er ohnehin am rechten Fleck. Als neugebackener Muskelmann verfolgt er dann halbnackt und zu Fuß den Attentäter, der das Supersoldaten-Labor verwüstet, wird en passant zum Medienheld und findet hier schon sein Schild – in Form einer ausgerissenen Taxi-Tür.

        Wo die wahren Schlachten geschlagen werden, erklärt ihm daraufhin ein Regierungsbeamter, da sei sein Platz. Was nicht bedeutet hinter den feindlichen Linien, sondern auf diversen Show-Bühnen, wo er im billig gehäkelten blau-weißen „Captain- America“-Dress zwischen Tingel-Girls und einem umzuboxenden Klamauk-Hitler Kriegsanleihen an den Mann bringen und zum Kriegsdienst animieren soll.

        Auf dem Wege kommentiert (und „korrigiert“ zugleich) der Film die Origin-Story des Helden und seinen Ursprung als reale popkulturelle Figur an sich: Begeistert lesen die Kids Captain-America-Comics, im schwarzweißen Kino-Serials tritt er auf und spielt sich selbst – womit gleich auf die wirkliche Filmchenreihe aus dem Jahr 1944 (die allerdings ein Flop war) angespielt wird. Freilich und um die intermediale und trans“reale“ Referenzialität hier mal auf die Spitze zu treiben: Schon innerhalb des Marvel-Comicuniversums gab es dann eine Captain-America-Kinoserie … etc.

        So viel Jux sich nun „Captain America“ mit dem Status seines Protagonisten als Showfigur macht, ganz entkommt der Film – gewollt oder nicht – der überkommenen Weltsicht mit ihren Werten in puncto Heldentum dann doch nicht: So nett und heroisch das Identifizierungsangebot hinsichtlich Rogers gerade als schmalbrüstiger Gefreiter ist, erst als Muskelprotz mit übermenschlichen (zum Glück aber nicht allzu überbordenden) Fähigkeiten ist er quasi „vollendet“ und zu etwas nütze. Auch erzählerisch wird gerade zum Ende hin aus dem propagierten Selbstverständnis der Helden, seiner Wohlanständigkeit und der moralischen Überlegenheit des Schwächlings nichts mehr gemacht. Kurzum: Letztlich zählt doch nur die Muskelmasse. Auch die adrette britische Offizierin Peggy (Hayley Atwell) weiß mit Rogers als einem Beau mit Idealmaßen so recht was anzufangen.

        Propagiert wird ansonsten der reine Mut (und Wert) an sich; Dresche ist da, um sie heroisch einzustecken, mehr aber noch, um sie böse Buben, den schikanierenden Rüpeln von Nebenan oder halt: denen aus Germany angedeihen zu lassen. Ob er was gegen Deutsche habe, fragt der nette teutonische Forscher Erskine (Stanley Tucci) den Versuchskaninchen-Kandidaten Rogers. Nein, meint der, nur was gegen Bullies. Das versteht jeder G.I. und vielleicht sogar George W. Bush – Weltgeschichte und -politik als Schulhofrauferei mit simpler Drittklässler-Logik und -Moral.

        Sicher, „Captain America“ will keine geschichtliche Unterrichtsstunde sein oder mahnende Wertelektion in Sachen politischer (humanistisch-US-liberaler) Korrektheit. Nicht mal um Nazis selbst geht es ja eigentlich: „Red Skull“ und seine geheime Wissenschaftlerabteilung haben sich quasi selbstständig gemacht, und die kontrollierenden Vorgesetzten aus Berlin werden in der Bergfeste mit magischen Strahlen verpufft. Mit ihrer SciFi-Technik, mit Laserkanonen (funktioniert mit gespeicherten Zauberstein-Energie) und Stealth-Bomber sind sie quasi futuristische Hyper-Nazis außer Rand und Band, doppelt-schlimme Nazi-Nazis sozusagen, und zum „Heil-Hydra“-Gruß reckt man denn auch gleich beiden Arme in die Luft (samt Faust!).

        Nein, „Captain America“ nutzt eher das Genre des Kriegs(-abenteuer-)films als Folie, um seinen Heroen mit dessen „Dreckigen Dutzend“ in diversen Kommandoaktionen in Szene zu setzen. Vor allem aber nutzt er den Zeithintergrund als Augenschmaus. Regisseur Joe Johnston, der schon 1991 mit „Rocketeer“ einen 40er-Jahre-Superhelden stilvoll auf die Leinwand brachte und sich mit „Hildalgo“ oder „The Wolfman“ als Spezialist für Entertainment-Zeitreisen bewies, schwelgt hier in der Ausstattung, den Kostümen, Frisuren und (Computer-)Kulissen und versetzt uns in eine teils naturalistische (Captain Americas abgewetztes Kostüm mit brüchigem Leder), teils hyperreale World-War-II-Museumswelt. Wie die „Sixties“ samt Miniröcken, lila Ornamenttapete und Kuba-Krise in „X-Men: Erste Entscheidung“ bekommt „Captain America“ damit einen ganz eigenen Schauwert – einen, der so manches Action-Setpiece in den Schatten stellt und einfach ein cooles neues Ambiente für Superhelden-Erzählmuster im Kino bietet.

        Ausgefüllt wird das mit grandiosen Darstellern, mit Tommy Lee Jones als grantelnd-sarkastischer Colonel Phillips oder, richtig toll, Stanley Tucci als deutscher Dr. Abraham Erskine, der sowohl für Red Skulls wie auch Captain Americas Übermenschlichkeit verantwortlich ist. Überhaupt natürlich: Hugo Weaving – der „Matrix“-Mr.-Smith und „Herr-der-Ring“-Elrond beweist hier einmal großes Mienenspieltalent, wenn er unter der roten „Maske“ dem ekligen Totenschädel seinem finster-wahnsinnigen Johann Schmidt überraschend feine Nuance entlocken kann. Weaving hat sich dafür den Dialekt von Werner Herzog abgeschaut; in der deutschen Synchro wird davon wohl leider nichts übrigbleiben.

        Und leider besteht eben auch die gefühlten letzten vierzig Minuten des Films trotz all seiner Qualitäten fast nur noch aus einem donnernden Action-Sequenz-Konglomerat – zwar mit Lasergewehrsturm der Guten in die geheime Festung der Bösen (007 lässt grüßen), dafür jedoch ohne Punkt und Komma. Entsprechend verkommt auch Hauptdarsteller Evans letztlich doch nur zu der Action-Spielzeugfigur, über die sich der Film „Captain America“ anfangs noch so wohltuend lustig gemacht hat.

        Aber sei’s drum, „Captain America“ ist vielleicht ein bisschen arg „amerikanisch“ und nicht frei von Schwächen. Sieht man mal von den wieder nicht sonderlich gelungenen 3-D-Bildern ab (die den Akteuren manches Mal mit vorspringenden Gesichtern störende "Schildkrötenhälse" verleihen) bietet der Film aber handwerklich gelungene Unterhaltung und macht auf jeden Fall Lust auf den kollektiven „Avengers“-Film, der wieder in der Gegenwart spielt, in der Captain America schließlich auch im Verlaufe dieses Films als Figur angekommen ist. Und der altmodische „Cap“ im Jetzt – das könnte ein Fest werden!
      • | FAZIT

      • Superactioncomicsoldatenheld Captain America gegen Hyper-„Hydra“-Nazi Red Skull: teils ironisch-witzige, teils „uramerikanische“ Pop-Heroen-Story aus dem Hause Marvel in und mit toller 1940er-Kulisse als eigenem Schauwert. Macht souverän Spaß, verliert sich aber zum langen Finale in etwas zu viel Krawall.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Bernd Zywietz

      • | Userwertung

      Wertung: 3.8/10 (15 votes)

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