Dienstag | 29. Mai 2012 | 02:13 Uhr
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  • FILM REVIEW | Cold Fish
  • Cold Fish

    Thriller, Drama | Japan 2010
  • | INHALTSANGABE

  • Dem biederen Familienvater Nobuyoki Syamoto (Mitsuru Fukikoshi), Inhaber eines Ladens für tropische Fische, fällt es schwer, sich gegenüber seiner verwöhnten zweiten Frau Taeko (Mequmi Kaqurazaka) und der trotzig-pubertierenden Tochter Mitsuko (Hikari Kajiwara) durchzusetzen. Als das Mädchen beim Ladendiebstahl erwischt wird, nimmt der jovialen Geschäftsmann Yukio Murata (Denden) das Sorgenkind unter seine Fittiche. Mit seiner auftrumpfenden Art gewinnt der Mogul zugleich Syamotos Familie für sich. Während der Leiter eines Fischimperiums die Tochter als Praktikantin für seine Lolita-Brigade im eigenen Discounter engagiert, vernascht er nebenbei noch, zuerst gewaltsam, dessen frustrierte Gattin im Büro.

    Zu spät realisiert der naive Zierfischexperte, dass sich sein neuer Gönner durch schwer kriminelle, gar mörderischen Aktivitäten finanziert. Gemeinsam mit seiner nymphomanischen Ehefrau und einem gerissenen Partner leitet Murata eine skrupellose Verbrecherorganisation, wobei das Trio Infernale ahnungslosen Kunden ihr Vermögen abluchst und sie danach zu Fischfutter verarbeitet. Als unfreiwilliger Zeuge einer Mordtat muss Syamoto den Killern zu Hand gehen, will er ihnen nicht selbst zum Opfer fallen.
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      • | FILMKRITIK

      • Mit seinem schrägen vierstündigen Epos „Love Exposure“ sorgte Sion Sono 2009 für Aufsehen, wobei die wilde Sektengroteske den Auftakt zu einer Hass-Trilogie bildet, die mit „Cold Fish“ fortgesetzt und mit „Guilty of Pleasure“ beendet wurde. Dem japanischen „Enfant Terrible“ widmete das Frankfurter Festival Nippon Connection dieses Jahr eine Hommage, zu welcher der umtriebige Filmemacher nicht anwesend sein konnte. In seiner Videobotschaft vor der „Cold Fish“-Deutschlandpremiere empfahl Sono den Zuschauern, selbst dann wieder zu kommen, wenn man seinem jüngsten Werk nichts abgewinnen könne, weil jeder seiner Filme anders sei. Dies stimmt, denn obwohl sich seine Arbeiten meistens um übersteigerten Wahn, extreme Gefühlsausbrüche und dunkle Abgründe hinter der Alltagsfassade drehen, sind seine meistens überlangen schwarzen Fantasien stilistisch stets unterschiedlich konzipiert.

        War sein Durchbruch „Suicide Circle“ von 2001 ein streckenweise surrealer, aber eher konventioneller Horrorthriller, setzte sich die Vorgeschichte “Noriko’s Dinner Table“ dagegen streckenweise quälend langsam mit Jugendpsychosen, Pessimismus und Lebensunmut auseinander. Dagegen wirkt sich die Überlänge von „Cold Fish“ keineswegs negativ auf den Erzählrhythmus aus, der nach einem langsamen Einstieg um Syamotos dysfunktionale Familie und seine Astrologie-Leidenschaft immer unvorhersehbarere Voten schlägt und sich zunehmend fataler zuspitzt. Dass der Plot auf dem realen Fall eines japanischen Serienkillerpaars (die „Saitama-Morde“) basiert, ist im Grunde nur der Aufhänger für eine böse Kapitalismus-Satire über Macht, Gier und rücksichtlosen Erfolg in einer Gesellschaft, in der Menschenleben nichts mehr zählen.

        Im Zentrum steht ein überforderter Mittelstandsbürger, der schon mit der eigenen Familie nicht mehr zurecht kommt und sich nun den teuflischen Plänen eines selbstgefälligen Großmauls ausgesetzt sieht, bis er selbst den Weg aus Wahnsinn und Terror einschlägt. Dabei plagen den unscheinbaren Syamoto schon genügend Probleme mit seiner unbefriedigten Gattin und der diebischen Teenagertochter. In dem erfolgreichen Firmenleiter Murata scheint der verwöhnte Trotzkopf einen Ersatzvater und in ihren ausgeflippten Kolleginnen neue Freundinnen gefunden zu haben, weshalb sie die Warnungen ihres besorgten Vaters in den Wind schlägt. Sogartig spitzt sich das absurd-groteske Geschehen immer stärker zu, bis die Charaktere gegen Ende endgültig in Blutlachen waten.

        Zimperlich in der Darstellung extremer Gewaltakte war Sion Sono noch nie. Auch hier nimmt er sich für Beseitigung der Mordopfern reichlich Zeit, was bei aller Drastik jedoch mit reichlich schwarzem Humor ausgefüllt wird. Dass das Leichenzerteilen ausgerechnet in einer Kirche vonstatten geht, weist auf Sonos vertraute christliche Symbolik um Schuld, Sühne und Erlösung hin, wobei auch ansonsten zahlreiche religiöse Motive das düstere Drama durchziehen. Es passt zu dem absonderlichen Figurenensemble wie Syamotos masochistischer Ehefrau oder seiner bockigen Tochter, dass vertraute Familien- und Gesellschaftswerte in einer Fassade aus Anstand, Leistung und Wohlstand relativ schnell zu bröckeln beginnen. Mit bitterbösem Humor und drastischen Effekten führt Sion Sono in die Untiefen menschlicher Abgründe. Nach den Einsätzen bei Nippon Connection und dem Fantasy Filmfest erscheint sein düsteres Meisterwerk bei uns leider nur auf DVD.
      • | FAZIT

      • Makabere Thriller-Groteske um menschliche Perversionen anhand eines realen Serienkillerfalls mit reichlich schwarzem Humor und sozialkritischem Unterton.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Gregor Ries

      • | Userwertung

      Wertung: 6.5/10 (6 votes)

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