Justine (Kirsten Dunst) feiert Hochzeit. Aber sie ist unglücklich. Depressiv. Melancholisch. All die Rituale gehen ihr auf den Wecker, statt die Torte anzuschneiden, schläft sie in ihrem Zimmer ein, zwischendurch geht sie auf dem 18-Loch-Golfplatz spazieren, der das schlossähnliche Anwesen ihres Schwagers John (Kiefer Sutherland) umgibt. Ihr Chef (Stellan Skarsgård) ist nicht nur zum Feiern hier, er will von ihr, der Werbe-Art-Directoring, einen Slogan für eine neue Kampagne rauskitzeln. Der Ehemann (Alexander Skarsgård) ist liebevoll, aber verständnislos, ihre Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) ist genervt, weil durch Justines Fehlbenehmen die ganze Feier in die Hose geht. Der Hochzeitsplaner (Udo Kier) will die Braut nicht mehr ansehen. Die Hochzeitsnacht geht daneben, alles geht schief, die Gäste reisen empört ab.
Und am Himmel zieht ein großer Planet seine Runden.
Später ist Justine so sehr in ihrer Depression versunken, dass sie bei Claire einzieht – die ihr aber auch nicht helfen kann. Claire ist selbst höchst verängstigt: Der Riesenplanet Melancholia wird die Umlaufbahn der Erde kreuzen und vielleicht mit ihr zusammenstoßen. Je mehr sich Claire in Angst und Schrecken versetzt sieht, je nervöser auch ihr besonnener, rationaler Mann John wird, je näher der Planet kommt, desto ruhiger wird Justine.
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| FILMKRITIK
Unglaubliche, wunderschöne Bilder am Anfang von „Melancholia“. Schon gleich nach der Aufblende aus dem Schwarz das Gesicht von Kisten Dunst, dieser unendlich traurige, tief im Inneren hoffnungslose, dieser leere und zugleich wilde Blick: Melancholie bis in die Haarspitzen. Und hinter ihr fallen Vögel tot vom Himmel. Ein Brueghel-Gemälde brennt, Charlotte Gainsbourg rennt, ein Pferd fällt – all das in Super-Zeitlupe. Traumbilder: Fußstapfen in tiefem Golfplatzmorast, festklammernde tentakelhafte Lianenschlingen. Die Erde im Weltall, ein riesiger Planet daneben. Verschmelzung, Auflösung, Erlösung. Dazu Wagner-Musik, „Tristan und Isolde“ – die Ouvertüre von Lars von Triers „Melancholia“ ist mit das Beste, was das Kino zeigen könnte. Es ist das Letzte, das Endgültige: Der Untergang alles Lebenden, in überhöhten, gewaltigen, erhabenen, pathetischen, zu Tränen rührenden Bildern.
„Meine Produzentin zeigt mir den Entwurf für ein Filmplakat. ‚Was ist das?’ frage ich. ‚Das ist der Film, den Du gedreht hast’, antwortet sie. Ich stottere: ‚Das hoffe ich nicht!’ Man zeigt mir Trailer… Szenenbilder… Alles sieht scheiße aus! Ich zittere.“ In seiner ironischen, koketten Art weiß von Trier: Die Bilder von den letzten Tagen der Erde dürfen nicht schön sein: „Als mit meine Produzentin die nackten Tatsachen präsentiert, läuft es mir einskalt den Rücken herunter. Das Ergebnis ist wie Schlagsahne an Schlagsahne. Ein Frauenfilm! Ich möchte diesen Film abstoßen wie ein Körper ein falsch implantiertes Organ.“
Was natürlich nicht ernst gemeint ist. Aber auch kein Quatsch: von Trier will nicht in Untergangssentimentalität schwelgen, in der Melodramatik wühlen, falschen Pathos bedienen. Deshalb folgt auf den elegischen Anfang, der das Ende zeigt, in harscher, krakeliger Handschrift der Filmtitel; und fortan wird die Handkamera das Geschehen filmen, nicht die absichtsvoll-zittrige, die von Trier auch schon verwendet hat; aber doch eine, die ab und an reißend herumschwenkt und die Schärfe zu spät nachzieht. „Heißt es ‚Abgang Trier’? Ich klammere mich an die Hoffnung, dass irgendwo in all der Sahne doch noch ein kleiner Knochensplitter steckt, an dem man sich schließlich den Zahn ausbeißen könnte. Ich schließe die Augen und hoffe!“
Der erste Teil widmet sich Justine, der Depressiven. Sie feiert Hochzeit, vielleicht will sie das Glück erzwingen, sich durch die Liebe zum Glücksempfinden durchringen. Das misslingt. Eine Stunde lang folgen wir der Feier, die sie mehr und mehr leiden lässt; und die unter ihren Launen leidet. Eine verfahrene Situation: die Stretchlimousine des Hochzeitspaares kommt nicht um die Kurve des Feldwegs zu dem schlossartigen Anwesen von John, Justines Schwager. Dort haben sich alle eingefunden, warten auf Braut und Bräutigam; und dann laufen die Rituale ab: Bohnen im Glas zählen, Reden, Hochzeitstanz, Torte anschneiden. Und lächeln, sich freuen, freundlich und glücklich sein.
Justines Fehler ist: Sie kann das nicht. Freilich: Die anderen bemühen sich auch nicht um das Wohlbefinden der Braut. Bemühen sich nicht um Verständnis, nicht darum, auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ihre Mutter ist eine verbitterte Zynikerin, der Vater klaut Silberlöffel und hat seine beiden Geliebten namens Betty dabei. Ihr Chef, Trauzeuge, will aus ihr einen catchy Werbeslogan herausholen, am Tag der Hochzeit hat er nur das Geschäft seiner Werbeagentur im Sinn. Udo Kier, der Hochzeitsplaner, will sie nicht mehr sehen, und huscht nur noch mit verdecktem Gesicht durchs Bild. Das sind eigentlich unglaublich komische Züge – wäre nicht alles so traurig, wäre nicht Justine so traurig. Die Schwester Claire fordert Freude, Schwager John auch – das Fest hat schließlich eine Menge Geld gekostet. Doch Justine versagt beim Brautstraußwerfen, sie versagt in der Hochzeitsnacht. Beim Ausritt am nächsten Tag verweigert ihr geliebtes Pferd den Ritt über eine Brücke. Und Antares, der Hauptstern des Skorpion, ist am Himmel verschwunden, verdeckt durch einen riesigen, geheimnisvollen Planeten: Melancholia.
„Claire“ heißt der zweite Teil: Es geht um Justines Schwester und es geht um Melancholia, der sich der Erde nähert. Er wird sie nicht treffen, beruhigt Claires Mann John, der Hobbyastronom. Und kauft zur Vorsicht Vorräte ein, von denen er weiß, dass sie bei einer Kollision nichts bringen werden. Claire versinkt in Angst, Trauer, Panik, Schrecken; Justine, die es zuvor in ihrer Depression kaum ins Taxi geschafft hat, die tagelang schlief, die nicht in die Badewanne steigen kann, erholt sich, während die Schwester in angespannter Furcht versinkt. Wenn sie dann fliehen möchte vor der Katastrophe, mit ihrem Sohn im Elektro-Golfplatz-Caddy, verweigert das Fahrzeug die Überfahrt über die Brücke, es gibt kein Entkommen. Mitunter wirkt solcherartiger Symbolismus etwas übertrieben, zu deutlich und zu offensichtlich. Und manchmal hätte der Film vielleicht etwas dichter gestaltet werden können.
Von Trier hat einen Film der Endgültigkeit, der Unausweichlichkeit geschaffen. Nichts Lebendes überlebt – anders als in anderen Apokalypsefilmen, wo ein kleiner Rest Menschheit weitermacht, nach Katastrophe, Atomkrieg, Virus etc. Dabei spielt von Trier durchaus mit filmischen Standards. Die Feier, auf die der Weltuntergang folgt, ist fast ein Film für sich. Erinnert in Dynamik und Effekt natürlich an Dogma 95-Kollege Thomas Vinterberg; oder an „Die durch die Hölle gehen“. Am Ende des Films spielt von Trier das Horrorfilm-Topos aus: Wenn die Gefahr scheinbar vorüber ist, trifft sie dich doch von hinten.
Und natürlich lässt sich der Film vielfach deuten, psychologisch-metaphorisch etwa: Melancholia, der alles verschlingende Planet, als Ausgeburt von Justines Gemütsverfassung, die allumfassend Unheil bringt – dass sich von Trier seine eigenen Depressionserfahrungen von der Seele filmen wollte mit diesem und dem vorherigen „Antichrist“, daraus hat er nie ein Geheimnis gemacht. Mit Kirsten Dunst ist er als Darstellerin auch deshalb so zufrieden, weil sie ebenfalls durch heftig depressive Phasen gegangen war. Auch theologisch lässt sich der Film – wie wohl alle von von Trier – deuten, die Apokalypse ohne Gott, ein Passionsweg, bei dem Vernichtung auch Erlösung heißen kann.
Es ist aber vielleicht auch einfach nur ein starkes, kammerspielartiges Stück über zwei Schwestern; und über die Überwindung des Selbst, hin zum anderen. Am Ende ist Claire verzweifelt, sie sucht Trost, will das unvermeidliche Ende schön gestalten. Und Justine weist sie schnöde ab, in ihrem Sarkasmus hört sie sich wie die böse dominante Mutter an. Um in der nächsten Szene doch ihre Empathie zu zeigen, auf ihre Weise, auf die richtige Weise. Denn sie weiß, wie man dem Untergang begegnet. Sie hat im Geist ihr Leben lang geübt.
| FAZIT
Lars von Trier verfilmt Depression, menschliches Mit- und Gegeneinander und den Weltuntergang. Der endgültige Film, auf den eigentlich nichts mehr folgen kann.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung