Nach dem Selbstmord ihrer Lehrerin und früheren Geliebten Sibyl entschließt sich das Mädchen Georgia (Lou Doillon) künftig unter ihrem Spitznamen Gigola aufzutreten und in der Halbwelt des Künstlerviertels Montmartre ihren Körper an ältere Damen zu verkaufen. Gleichzeitig verkehrt die stets vornehm gekleidete junge Frau unter Gangstern wie dem spanischen Zuhälter Toni (Eduardo Noriega), dem sie gelegentlich behilflich ist. Aus dessen Händen rettet Gigola aber auch Prostituierte wie Cora (Marie Kremer), die sie zu eigenen Mätressen macht. Während sie in der lesbischen Cabaretszenerie des Place Pigalle von allen Seiten geachtet wird, kommt es immer wieder zu Konflikten mit der streng gläubigen Mutter Solange (Marisa Berenson) und dem unzuverlässigen, süchtigen Vater Henri (Thierry Lhermitte). Als Georges nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus der verheirateten Psychiaterin Alice (Ana Padrao) begegnet, scheint sie einer Wiedergängerin ihrer einstigen großen Liebe gegenüber zu stehen.
WERBUNG
| FILMKRITIK
„Du siehst aus wie ein Dandy“, verurteilt die Mutter das androgyne Mädchen Georges/Georgia, das mit kurz geschnittenen, gescheitelten Haaren, in Smoking oder weißem Anzug stets wie ein junger Mann auftritt. Doch die junge Frau fasst diesen Vorwurf eher als Kompliment auf. Wenn Gigola dagegen auf der Straße als Mann angesprochen wird, erscheint ihr diese Verwechselung dagegen weniger charmant. Im Umgang mit älteren Frauen, die ihr den luxuriösen Lebenswandel finanzieren und schon einmal ein Cabrio spendieren, gibt sich die elegante Lebedame mit dem schwarzen Stock und Silberknauf oft dominant, distanziert und herrisch. Ihr (Mit-)Gefühl gehört eher Prostituierten wie der älteren, spleenigen Dani oder der mädchenhaften Cora, die Georges zwar für sich arbeiten lässt, sie aber auch mit allen Mitteln beschützt. Ihnen gegenüber agiert sie provokant als echter Mann, der sich nimmt, was er begehrt.
Weniger kontrolliert wirkt Gigola gegenüber ihrem Vater, dem opium- und spielsüchtigen Monsieur Henri, der sich von seiner Familie aushalten lässt und ebenfalls in halbseidenen Kreisen verkehrt. Um sich ihrer Abscheu Ausdruck zu verschaffen, greift die Tochter gegen ihn sogar rachsüchtig zur Waffe. Ebenso wenig Respekt besitzt die Garconne vor kriminellen Kreisen. Um ihren Mutterinstinkten nachzugeben und ein Kind zu bekommen, geht sie bewusst eine Affäre mit einem spanischen Gangster ein.
Obwohl die Romanadaption auf Laure Charpentiers eigenem autobiografischem Roman basiert, der 1972 einen Skandal auslöste, entgeht das in den sechziger Jahren angesiedelte Werk häufig nicht den Klischees des nostalgischen Retrokinos. Dekor und Ausstattung wirken stets zu aspetisch und gelackt, um glaubwürdig zu erscheinen. Der Prolog mit der heimlichen Schülerin-/Lehrerin-Beziehung mag als Anspielung auf „Mädchen in Uniform“ wirken und erhält etwas mehr Tragik als ähnliche Bearbeitungen des Stoffes. Doch um wirklich emotional berühren zu können, müssten die Charaktere über Stereotypen hinaus wirken und die Dialoge („Gigola liebt niemanden“) weniger theatralisch ausfallen. Ohnehin verstärkt die etwas hölzerne Synchronisation noch die sterile Atmosphäre.
Charpentier, deren Verhandlungen mit mehreren Regisseuren scheiterten und deshalb selbst den Regiestuhl besetzte, pflegt einen betont episodenhaften Inszenierungsstil. Das verhindert, dass sich selbst bei Gigolas Auseinandersetzung mit Gangstern und Polizei um ihren Schützling Dani Spannung einstellen will. Zwar besitzt die glamouröse Milieustudie eine prominente französisch-spanische Besetzung und eine perfekt ausgewählte Hauptdarstellerin, doch auch angesichts der eingesetzten Easy Listening-Kaufhausmusik kann das Regiedebüt kaum mitreißen.
| FAZIT
Trotz einer überzeugenden Lou Doillon kann die Verfilmung eines lesbischen Romanklassikers durch die Autorin wenig Interesse wecken.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung