Dienstag | 29. Mai 2012 | 05:35 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Reviewübersicht > Reviewdetails
  • FILM REVIEW | Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn
  • Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn

    Abenteuer, Animation | USA 2011
  • | INHALTSANGABE

  • Tim, der junge Reporter, und sein treuer Begleiter Struppi geraten auf dem Flohmarkt in ein Abenteuer: Schiffsmodelle eines Dreimasters enthalten Pergamente, die ein Geheimnis bergen, das Tim ergründen möchte. Womit er in den Weg des Bösewichts Sakharin gerät („der Sauertopf mit dem süßen Namen“), der Tim entführt und auf einem Frachtschiff einsperrt. Dort begegnet Tim dem dauerbetrunkenen Kapitän Haddock, mit dem zusammen die Flucht gelingt – per Flugzeug geht es nach Nordafrika, nach einem Absturz in der Wüste in den Palast eines reichen Emirs, immer auf der Spur von Sakharin, immer auf der Spur des Schatzes, zu dem die drei Pergamente den Weg weisen…
    WERBUNG
      • | FILMKRITIK

      • „Vernagelte Kisten, Taue, Champagnerflaschen – was haben wir noch, Struppi?“ Nichts weiter, Tim: mehr brauchst du auch gar nicht. Aus einer geschlossenen Schiffskabine zu fliehen, vor deren Türe drohend Bösewichter mit Maschinenpistolen warten, ist mit diesen Utensilien ein Leichtes für dich, wie du auch, um das Fliegen mit einer Propellermaschine zu lernen, nichts benötigst als die Gebrauchsanweisung. Und selbstverständlich kannst du problemlos einem wegfliegenden Vogel durch die Gassen einer marokkanischen Stadt nachsetzen, auf einem Motorrad, durch die Luft.

        Tim ist besser als James Bond, Superman, MacGyver. Tim ist jung, lustig, tollkühn, mit Haartolle und tollem Hund als Begleiter. Tim ist dabei schon über 80 Jahre alt, 1929 erschien er erstmals in einem Comic seines Erfinders Hergé. Per Motioncapture-Animation in 3D (wobei die 2D-Fassung dem Filmgenuss nicht abträglich sein wird) ist Tim nun im Heute der Kinoleinwand angekommen – aber nein: Tim war natürlich schon immer heutig, weil er zeitlos ist.

        Hergé zeichnete seine Abenteuer um Tim, Struppi, Haddock, Schulze und Schultze etc. (Professor Bienlein wird vielleicht im Sequel dabeisein) im Stil der „Ligne Claire“ – das ist die etwas hochtrabende Bezeichnung für die Einfachheit seiner Zeichnungen: Schwarze Tusche-Umrisse, flächig mit Farbe gefüllt, ohne Schattierungen oder Textur. Das ist ein wichtiger Teil der grandiosen Wirkung von Hergés Comicalben – dass sie einfach und zugleich höchst komplex sind, mit karikaturesken Figuren, die zugleich ganz wahrhaftig sind, mit höchst effektiver Gestaltung der Panels, was Blickrichtung und Bildkomposition angeht, die Dynamik und Spannung versprechen und erzeugen – und die in genau dem richtigen Timing genau den richtigen Moment des Geschehens einfangen, um Suspense, Überraschung, Pointe zu bieten.

        Diesen visuellen Erzählfluss der Comicalben in Film wiederzugeben ist unmöglich – weil dieser natürlich zwangsläufig auch das zeigen muss, was zwischen den Panels der Vorlage geschieht, was den Flow des Betrachten und Lesen einzelner gezeichneter Bilder beim kontinuierlichen Fluss der Filmbilder ins Stocken geraten lässt. Weshalb S. Spielberg und P. Jackson – beide Produzenten, ersterer Regisseur, letzterer Second-Unit-Regisseur – sich gar nicht aufhalten lassen von einer vorlagenorientierten Inszenierung und sich direkt ins Filmische hineinstürzen: die einzig richtige Entscheidung, erlernt aus den US-Superhelden-Comicverfilmungen der letzten zehn Jahre und im Gegensatz zu anderen Übertragungen franco-belgischer Comickunst auf Film wie Asterix, Lucky Luke oder eben Tim und Struppi, die alle etwas ungelenk dem falschen, nämlich dem Comicrhythmus huldigen. Action, Abenteuer, kurz: Bewegung prägen diese spielbergsche Inszenierung, losgelöst von den Panels und in gewissem Maß auch von der vorgegebenen Story: nicht einfach nur eine treue Verfilmung eines Hergé-Doppelalbums („Das Geheimnis der Einhorn“ und „Der Schatz Rackhams des Roten“), sondern gestaltet unter freier Einbeziehung von Motiven aus „Die Krabbe mit den Goldenen Scheren“. Und dabei doch stets verhaftet in den Figuren: Denn alle sehen aus wie die Vorlagen von Hergé, filmisch bewegt, aber genauso lebendig.

        Das ist eine große Kunst, eine Vorlage so präzise – eben gerade wegen der richtigen, wichtigen Loslösungen von den Stärken eines Comics – als Film zu adaptieren. Die Ausdrucksweise des Comics ist für Spielberg nicht einfach Anlass für ein verfilmtes Storyboard, sondern er übersetzt sie in die Sprache, in die Gestaltungsmittel eines Films, ohne den Geist der Vorlage zu vergessen. Und da geht es dann drunter und drüber, dass es eine Freude ist: vom Überqueren einer Straße durch dichten Verkehr bis zur Verfolgungsjagd auf einem Frachtschiff, vom Flug durch einen Gewittersturm mit Absturz in der Wüste bis zu halluzinatorischen Erinnerungen an eine Seeschlacht lässt der Vorwärtsdrang des Films nie nach. Und alles mit animierten Figuren, die die Avatare bekannter Schauspieler sind, die technisch ausgereift ins Computergenerierte und –gerenderte versetzt wurden; Figuren, die anders als bei manchen Zemeckis-Weihnachtsstories überhaupt nicht hölzern wirken, sondern völlig echt.

        Ein Höhepunkt jagt den nächsten; und manchmal sind die Actionsequenzen kunstvoll ineinander verwoben, steigern sich durch die Gleichzeitigkeit mehrerer Geschehen: die Schilderung eines erbitterten Kampfes auf hoher See zwischen Seeleuten und Piraten setzt sich in den Aktionen des erzählenden Kapitän Haddock fort – bei ihm ein Kampf auch um die Whiskyflasche, die vor ihm steht; und zudem angereichert durch ein Duell zwischen Ritter und Pirat nicht nur auf Leben und Tod, sondern auch um die brennende Lunte, die hinunter in die Pulverkammer des Segelschiffes führt… Eine Seeschlacht und ein Fechtkampf, wie sie real bei Karibikpiraten nie stattfinden könnten, die aber in dieser fast echten Animation ihre volle Wirkung entfachen: ein Schiff, das pendelnd am Mast eines anderen hängt! Später dann eine Verfolgung durch eine nordafrikanische Stadt: Auto, Motorrad, Panzer, ein Falke, drei Pergament-Fragmente – und zudem die Wassermassen einer Überschwemmung: auch da wird aus den Vollen geschöpft. Und, wie immer im Film und auch bei Hergé, ist alles Abenteuer stets mit Witz und Humor gewürzt, nicht nur, wenn die komischen Schul(t)zes auftauchen oder beim aufbrausenden, versoffenen Haddock. Teilweise sind die komischen Szenen den Vorlagen entnommen, teilweise als Gags hinzugefügt, so, wenn Tims Haarschopf beim Schwimmen im Meer wie die Flosse eines Hais übers Wasser hinauslugt.

        Bei all dem, was da so großartig auf der Leinwand vor sich geht, hätte sich Spielberg freilich etwas zurücknehmen können, was Kamera und Musik angeht. Denn wo sowieso schon eine Menge los ist – und das in 3D –, da braucht es keine kreisende, wirbelnde, drehende, fliegende, stürzende, stürmende Kamera, die sich im erzählten Raum quasi überall gleichzeitig befindet – und man braucht keine so drohende, so impulsive, so gewaltige, so treibende, so einverleibende, so tobende, tosende, wogende Musik. Hier hätte etwas mehr „Ligne Claire“ gutgetan.
      • | FAZIT

      • Endlich der Film, der die Abenteuer von Tim und Struppi ins Filmische überträgt: Action, Spannung, Spaß und Witz in einer beinahe echt wirkenden Motion-Capture-Animation, in der ein Höhepunkt den nächsten jagt – wobei die überbetont agierende Kamera des Guten etwas zu viel ist.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 7.2/10 (5 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN
              • | SAMMLUNG
              • 1 User hat den Film gesehen
              •   captainbalu