„Ich hab keine Zeit, darüber nachzudenken, wie es dazu gekommen ist“, sagt Will Salas (Justin Timberlake), „Es ist, wie es ist.“ Die Menschen werden 25 Jahre alt, so sind sie genetisch programmiert. Dann leuchtet eine Uhr auf dem Unterarm auf, die rückwärts zählt: Man hat ein Zeitkonto, das kontinuierlich abläuft – es sei denn, man verdient sich Zeit dazu. Zeit ist die Währung: Alles kostet etwas, von ein paar Minuten für einen Kaffee bis zu ein paar Monaten für ein gutes Essen im Restaurant. Zehn Minuten mit einer Nutte kosten eine Stunde.
Im Ghetto leben die Menschen von Tag zu Tag, mehr als 24 Stunden sind selten auf dem Konto. In New Greenwich, dem Luxusviertel, leben die Jahresmillionäre, die so viel Zeit haben, dass sie praktisch unsterblich sind – und stets aussehen wie 25.
Will Salas rettet einen reichen jungen Mann, der 104 Jahre alt ist, vor den Minute Men, Zeiträubern, die ihren Opfern die Lebenszeit abnehmen. Dafür schenkt der Reiche dem armen Will seine Zeit: über 100 Jahre hat er nun auf dem Konto. Und wird dafür von den Minute Men ebenso gejagt wie von den Timekeepern, der Polizei, die auf die Zeitströme achtet. So viele Jahre für einen armen Ghettobewohner: das ist verdächtig.
Will reist nach New Greenwich, gewinnt beim Pokern noch ein paar Jahrhunderte hinzu – und verliebt sich in Sylvia (Amanda Seyfried), die Tochter eines Zeittycoons. Dabei erhält Will Einblicke in die Mechanismen des Systems: wie die Armen arm gehalten werden, damit den Reichen alle Zeit der Welt bleibt. Er und Sylvia, die er entführt hat, beginnen einen Feldzug gegen das System, gegen die Reichen. Sie stehlen Zeit und verteilen es unter denen, die an Zeitmangel leiden. Doch das stellt das ganze System in Frage…
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| FILMKRITIK
Zeit ist Geld: auf der einfachen Formel basiert der Film, der in Andrew-Niccol-Country spielt. Niccols Anfänge liegen bei „Gattaca“ (1997, Regie und Buch), in der eugenische Medizin optimale Menschen erschafft; und in der „Truman Show“ (1998, Buch), in der das Leben eine Reality-TV-Show ist. Niccol zeigt Welten wie die unsrige, mit einer bestimmten Prämisse, die anders ist, wodurch sich ein parabelhafter Touch ergibt. Schönheitswille, Perfektionismus, Jugendwahn, Medienmacht, Gentechnik, Ausbeutung durch eine ungenannte Macht irgendwo da oben: Diese Themen behandelt auch „In Tim“, in dem Zeit das Geld ersetzt hat.
Mit 25 Jahren hören die Menschen auf zu altern, irgendwie sind die Gene vorprogrammiert, dass man dann noch ein Jahr zu leben hat – es sei denn, man erwirbt mehr Zeit, durch Arbeit zum Beispiel. Und gibt nicht zuviel aus, der Kaffee kostet vier Minuten, eine Busfahrt zwei Stunden. In den Ghettos, in den Vierteln der Armen, lebt jeder in den Tag hinein, hat selten mehr als 24 Stunden auf dem Konto, und wird ständig von Überwachungskameras und der Polizei, den Timekeepern, überwacht. Das geht ins Orwelleske: ständige Beobachtung, die Kleinhaltung der Proletarier, die Unterdrückung der Unteren durch die Oberen; doch weniger in politischem als in soziologischem Sinn, und es geht nicht um Totalitarismus, sondern letztendlich um Kapitalismus, der nicht auf Geld, sondern auf Zeit basiert – auf dem, was jeder Mensch hat, existentiell braucht, und das er leicht verlieren kann. Ein Kapitalismus, der in seinen exzessiven Auswüchsen, wie sie hier eine Rolle spielen, durchaus faschistoide Züge annimmt.
Das ist aller Ehren wert; leider verliert Niccol das aus dem Auge, was seine anderen Werke ausmachten: eine gewisse erzählerische Raffinesse, die Parabel und Unterhaltungskino ausbalanciert. In „In Time“ nimmt immer wieder das Pathos expliziter Sozialkritik überhand, immer wieder wird anklagend angesprochen, wie die Reichen die Armen ausbeuten, ihnen die letzte Minute stehlen, wie das alles legal und systemkonform geschieht. Die Timekeeper, die Hüter der Ordnung der Zeitflüsse, die Wächter über den Status quo, untersucht mit Vehemenz den Selbstmord eines reichen Mannes mit über 100 Jahren auf dem Konto, dabei geschieht in den Ghettos täglicher Massenmord.
Anstatt solche Reden zu schwingen, hätte Niccol ohne weiteres die Auswüchse des Systems zeigen können. Es ist aber nur angedeutet, wie ein Jahresmillionär zu seinem Geld gekommen ist: mit Zeitkreditanstalten, die exorbitant hohe Zinsen von en Armen verlangen, die sich, um zu überleben, ein paar Tage mehr Zeit leihen müssen. Nur kurz erhält man Einblick in das Zeitkartell, das die Preise – in Zeitwährung – beliebig erhöhen oder verringern kann, womit die Sterblichkeit der Armen reguliert werden kann, um das Bevölkerungswachstum im Rahmen zu halten.
Was die Protagonisten mit Worten sagen, tut nicht so weh wie Bilder, die ein böses System zeigen könnten – so dass der sozialrevolutionäre Anstrich, den sich der Film gibt, dann eben doch bloße Oberfläche bleibt. Immerhin arbeitet Niccol heraus, dass der Bonnie-und-Clyde-Feldzug mit Robin Hood-Attitüde, den Will und Sylvia in der zweiten Filmhälfte starten, nur ein Sekundentropfen im Ozean der Ewigkeit ist.
Andererseits hat man Justin Timberlake schon in besserer Form gesehen. Und das, wofür der Film das Zeigen der Mechanismen des Systems aufgibt, die Action nämlich, ist auch nicht sehr aufregend – und stolpert mitunter über holprige Logik. Obwohl man durch zig Straßensperren und über ein Jahr Maut bezahlen muss, um in die Stadt der Reichen zu gelangen, reicht für die Flucht zurück ins Ghetto eine kurze Verfolgungsjagd aus. Und einen Autounfall, der so dilettantisch mit einem Modellauto gedreht wurde, hat man lange nicht gesehen; immerhin wurde er offenbar handgemacht und nicht mit digitalen Pixeln hingeschludert. Das macht den schlechten Eindruck der Szene aber auch nicht besser.
| FAZIT
Ein Science-Fiction-Thriller, der in der Action eher mäßig wirkt und dessen Dialoge vor Sozialkritik strotzen, die aber dennoch zahnlos bleibt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung