Dienstag | 29. Mai 2012 | 02:50 Uhr
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  • FILM REVIEW | Yasmin
  • Yasmin

    Drama | Deutschland / Großbritannien 2004
  • | INHALTSANGABE

  • Yasmin (Archie Panjabi), eine pakistanische Immigrantin der zweiten Generation, lebt in Nordengland und arbeitet als Betreuerin für behinderte Kinder. Ihr Vater ist Wächter der ansässigen Moschee und sehr den kulturellen Traditionen verhaftet. Ihr kleiner Bruder Nasir (Syed Ahmed) betätigt sich als Kleindealer und ist Yasmins einziger Verbündeter. Mit ihr im Haus wohnt auch Faysal (Shahid Ahmed), ihr Ehemann. Sie hat ihn geheiratet, um dem Wunsch des Vaters zu entsprechen und um den Cousin aus Pakistan auf diesem Weg eine legale Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen.

    Yasmin steht in ständiger Spannung zwischen muslimischer und christlicher Tradition. Sobald sie auf dem Weg zur Arbeit ist, entledigt sie sich ihres Kopftuchs und zwängt sich in eine hautenge Jeans. Unter gar keinen Umständen möchte sie als eine „Paki“ auffallen. Ihr Wunsch nach völliger Anpassung geht sogar so weit, dass sie selbst Witze über Pakistani macht. Wirklich akzeptiert wird sie aber dennoch nicht. Immer wieder muss sie sich kleinen Hänseleien und Sticheleien aussetzen, etwa wegen ihrer Hautfarbe oder weil sie als Muslimin keinen Alkohol trinkt. Nur ihr Kollege John (Steve Jackson), für den sie heimlich schwärmt, scheint sich nichts aus ihrer Herkunft zu machen.

    Dann kommt der Terroranschlag des 11. September und die Situation verändert sich schlagartig. Die Sticheleien der Kollegen nehmen überhand, von ihrer Chefin wird Yasmin gebeten, eine Weile nicht zur Arbeit zu erscheinen. Als Muslimin steht sie wie alle anderen Pakistani unter Generalverdacht. Als John gerade bei ihr zu Besuch ist, rücken, im Zuge der Anti-Terrormaßnahmen, Polizeitrupps an, verwüsten die Wohnungen Yasmins und des Vaters und verhaften John und später auch den gutgläubigen Faysal.

    Nachdem John erfahren hat, dass Yasmin verheiratet ist, wendet auch er sich von ihr ab. Zunehmend zwischen den Kulturen hin und her gerissen, beginnt sie, sich Fragen über ihre Identität und ihre kulturellen Wurzeln zu stellen. Ihr kleiner Bruder ist indessen in die Fänge eines Islamisten geraten und der friedliebende Vater versucht verzweifelt, seine Familie zusammenzuhalten.
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      • | FILMKRITIK

      • Yasmin ist die überzeugende Geschichte der Identitätsfindung einer Frau, die sie sich in einer Extremsituation befindet. Yasmin ist selbstbewusst und intelligent, doch ihr Lebensumfeld macht es ihr unmöglich, ein einfaches und freies Leben zu führen. Ihre ‚westlichen’, ‚weißen’ Kollegen akzeptieren ihre Religion und die damit verhafteten Traditionen und Regeln nicht, doch auch von ihrer Familie wird sie kritisch beobachtet. Für eine ‚Farbige’ ist sie zu ‚weiß’ und für eine ‚Weiße’ ist sie zu ‚farbig’.

        Zu Beginn ist ihr Leben ein ständiger Spagat zwischen zwei Kulturen. Hält sie sich an ihrem Arbeitsplatz auf, versucht sie so ‚westlich’ wie möglich zu sein. Sie weigert sich, ein TP-Car (Typical-Paki-Car) zu fahren und trägt besonders enge Jeans, die ihre weibliche Figur betonen. Sie verleugnet die Herkunft und die Kultur ihrer Familie, um Vorurteilen keinen Nährboden zu geben. Doch obwohl sie im gleichen Land aufgewachsen ist, wie ihre Kollegen, wird sie nicht als gleichberechtigt angesehen.

        Ein Grund dafür liegt sicherlich auch in der räumlichen Trennung der beiden Kulturen. Die pakistanische Gemeinschaft lebt unter sich, eine Durchmischung und ein näheres Kennenlernen wird dadurch nicht gewährleistet. Unverständnis und mangelnde Kommunikation bewirken ihr Übriges. Dass sich die Situation nach dem Terroranschlag des 11. Septembers bis zur Eskalation verschärfen wird, war also bereits abzusehen.

        Hatte Yasmin bis dahin bewusst weggehört, wenn hämische Bemerkungen über ihre Kultur fielen, muss sie sich nun der ganzen Härte bösartiger und antimuslimischen Scherze und den Repressionen der britischen Behörden stellen. Von der Welt, in der sie eigentlich leben will, ausgestoßen, ist sie gezwungen, sich auf die familiäre Kultur zurückzubesinnen. Sie entdeckt ihre Religion. Diese wird für sie der Schlüssel, zu sich selbst zu finden. Dadurch ist sie endlich in der Lage, sich ihrem aufgezwungenen Ehemann und ihrem Vater anzunähern, ohne dabei ihre Identität zu verlieren.

        Auch widersetzt sie sich der religiös-politischen Radikalisierung unter jungen Muslimen. Der Film stellt gewissermaßen die These auf, dass erst durch die ungerechte Ausgrenzung und Verfolgung der muslimischen Gemeinschaft, der radikale Widerstand gewachsen ist. Sprich: Jahrelange Ausgrenzung + ungerechte Behandlung = zukünftiger Terrorist. Die Aufhetzer wissen dabei sehr wohl, bei wem sie mit ihren Worten auf fruchtbaren Boden treffen, Yasmins Bruder Nasir wird keinesfalls zufällig ausgewählt. Er wirkt wie ein beleidigter, naiver Junge, der sich – zu Recht – ungerecht behandelt fühlt und beschließt, sich zu wehren.

        Interessant an dem Film ist besonders auch die umsichtige Darstellung des Vaters. Auf der einen Seite, ist er der Patriarch der Familie, dem alle – insbesondere die Frauen – zu gehorchen haben und der vehement für traditionelle Werte eintritt. Auf der anderen Seite verbirgt sich hinter dem Despoten ein trauriger und müder alter Mann, der die Welt um sich herum nicht mehr versteht. Der so lebt, wie es ihm vorgelebt wurde und der sich in dem England, wie es sich ihm präsentiert, nicht zuhause fühlt. Seine Träume, seine Gekränktheit und sein Schmerz angesichts der langsam zerbrechenden Familie werden einfühlsam dargestellt.

        Alle drei Familienmitglieder, Vater, Tochter und Sohn leben in innerer Zerissenheit. Jeder von ihnen muss für sich allein einen Weg finden, um dann am Ende, vielleicht wieder in der Lage zu sein, einen Schritt auf den jeweils anderen zuzugehen. Die Kamera schafft es, diese einsamen Wege in Bildern einzufangen und auch, die Gefühle der Protagonisten im Bildaufbau wiederzuspiegeln.

        Insgesamt gelingt es dem Film, ein lebendiges und berührendes Portrait einer muslimischen Familie in England zu zeichnen, die aufgrund der Terroranschläge des 11. September, die im Namen des Islam begangen wurden, mit ihrer eigenen Religion und der Gesellschaft in der sie leben, in einen Konflikt gerät. Fehlende Zivilcourage, Vorurteile und Rassismus sind ebenso Thema wie Identitätsfindung, Kultur und Tradition. Und ganz am Rande platziert der Film ein kleines Manifest gegen die Falschheit christlicher Werte in Form eines Ausspruchs Bush’s, ganz nach dem Motto: „Jedes Leben ist wertvoll – wir werden unsere Feinde ausrotten.“
      • | FAZIT

      • Das lebendige und berührende Portrait einer muslimischen Emmigranten-Familie, die einen Weg finden muss, in einer ihnen gegenüber misstrauischen Gesellschaft zu bestehen.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Anke Hermann

      • | Userwertung

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