Gus Van Sant muss man wohl als Entfant Terrible bezeichnen. Vier Studiofilme hat der frühere Regisseur unabhängiger Kurzfilme bis 1995 gedreht und jeder hat große Emotionen, positive wie negative, geweckt.
Sein erster Studiofilm "Drugstore Cowboy" (1989), ein lakonisches Junkie-Porträt wurde hervorragend aufgenommen, sein dritter Film, die Verfilmung der bizarren Tramperballade "Even Cowgirls get the Blues"(1993) wurde sowohl von Seiten des Publikums als auch der Kritik verrissen und sein vierter Film "To Die For"(1995), ein satirischer Medienthriller, war zwar klasse, fiel aber dennoch etwas zu zahm aus. Sein bester, und auch sein unkonservativster Film ist somit wohl sein zweiter, "My Private Idaho", der einen zynischen Blick auf die Gesellschaft des amerikanischen Mittelwestens liefert.
Im Vordergrund stehen die beiden Stricher Mike Waters (River Phoenix) und Scott Favor (Keanu Reeves). Mike lebt so, um zu überleben, Scott hingegen, um gegen die Gefühllosigkeit seines Vaters, dem Bürgermeister von Portland, zu protestieren und diesen zu erzürnen. Mike hat dazu noch ein weiteres Problem: Er leidet unter Narkolepsie, einer Krankheit, die in extremen Stresssituationen Schlafanfälle hervorruft, so dass er hin und wieder plötzlich umfällt.
Zwischen den beiden entsteht eine tiefe Freundschaft, die Mike gerne vertiefen würde, nicht weil er homosexuell wäre, sondern weil Scott der einzige Mensch ist, der ihn versteht und auf ihn Rücksicht nimmt. Mike und Scott kommen zurück nach Portland, denn in einer Woche wird Scott 21 und dann kann er ein beträchtliches Erbe antreten.
Hier treffen sie auch auf Bob (William Richert), einen Obdachlosen, der für die kleine Strichergemeinde der Stadt zur Vaterfigur geworden ist. Auf Mikes Wunsch hin fahren Scott und er weiter nach Idaho, wo Mike seine Mutter wiederfinden will, die einst wegen psychopathischen Verhaltens in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde.
Bei seinem Vater (James Russo) erfährt er, dass ein letztes Lebenszeichen von ihr aus Rom kam und dass er nicht sein wirklicher Vater ist. Verunsichert gelangen Mike und Scott nach Rom, wo sie auf dem Land die Bekanntschaft mit Camilla machen, die dort ein Gut besitzt. Von ihr erfährt Mike, dass seine Mutter tot ist.
Für ihn ein Rückschlag, ein weiterer Pluspunkt für die Verkorkstheit seines Lebens. Als sich Scott von ihm abwendet, um mit Camilla fortzugehen, bricht seine Welt endgültig zusammen. Er kehrt zurück nach Portland zu Bob. Noch einmal soll er Scott sehen, doch dem ist der Reichtum scheinbar zu Kopf gestiegen und er ist zum Ebenbild seines verhassten Vaters geworden.
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| FILMKRITIK
In kühler Ästhetik wird hier mit den Moralvorstellungen des puritanischen Amerikas aufgeräumt. Die Nebenfiguren in "My Private Idaho" sind fast komplett perverse Biedermänner und die schmutzigen Helden erscheinen unschuldig wie Engel.
Allen Konventionen trotzend, inszeniert Van Sant seinen Film nach europäischen Strickmustern, mit hartem Realismus durchsetzt. Amerika zeigt er als gefühllosen Sumpf, in dem es kaum Überlebenschancen gibt.
Entsprechend sorgt auch die Besetzung der "Saubermänner" Keanu Reeves und River Phoenix für ein Ungleichgewicht. Phoenix spielt hier einen Charakter, der in genauem Gegensatz zu seinen sonstigen Rollen steht. Schwach, fast gebrochen kommt sein Mike Walters daher, nicht so wie der ehrgeizige, aber ausgebrannte Chris in "Stand by Me" oder wie in den Polit-Dramen "Running on Empty" und "Little Nikita".
Das Gleiche gilt für Keanu Reeves, der wie Phoenix hier die beste Darstellung seiner Karriere gibt. Scott, der traurige Spötter mit der poetischen Ader, ist alles andere als der dem Tod trotzende Actionheld wie Reeves Charakter Jack Traven in "Speed" noch war. Trotz des skandalträchtigen Stoffes war dem Film sowohl in Europa als auch in den USA ein großer Erfolg beschieden. River Phoenix erhielt außerdem den Darstellerpreis der Biennale 1991 und der Film selbst den Kritikerpreis in Toronto.
| FAZIT
Ein mit hartem Realismus durchsetzter zynischer Blick auf die Gesellschaft des amerikanischen Mittelwestens.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
Gesamtwertung:
Autor: Sebastian Schmidt
| FILMPLAKAT
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