Dienstag | 29. Mai 2012 | 09:30 Uhr
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  • FILM REVIEW | Barfuß
  • Barfuß

    Drama, Komödie, Romanze | Deutschland 2005
  • | INHALTSANGABE

  • Leila ist Patientin einer psychiatrischen Klinik. 19 Jahre lang war sie von ihrer Mutter gefangen gehalten worden, nach deren Tod konnte sie sich nicht zurechtfinden in der Welt, naiv und gutgläubig, wie sie ist. Nun geht sie immer barfuß, um ihre Füße nicht mit Schuhen einzusperren.

    Nick Keller ist ein Taugenichts, ein Hallodri, ein Verlierertyp mit Autoritätsproblem; er lebt von Aushilfsjobs, in denen er es nie länger als ein paar Tage aushält. Und gleichzeitig spielt er seiner versnobbten Familie vor, wie prächtig es ihm gehe. Doch vor allem Stiefvater Heinrich und der karrierebesessene Bruder Viktor halten überhaupt nichts von ihm.

    Um wenigstens einen Rest von (Selbst-)Achtung zu behalten, muss Nick zur Hochzeit seines Bruders kommen, wenn möglich mit einem Geschenk; doch bei einem seiner Aushilfsjobs rettet er Leila das Leben, und die hängt nun wie eine Klette an ihm. Kurzerhand nimmt er sie mit auf die Reise, es geht eine Menge schief, und natürlich ist der Plan, sie als seine neue Verlobte auszugeben, um vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft nicht wie der letzte Depp auszusehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt...
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      • | FILMKRITIK

      • Was soll man von einem Film halten, dessen Titel „Barfuss“ sich nicht einmal an die gültigen Regeln der Orthographie hält?

        Das Barfußlaufen ist eine Metapher, die sich totläuft. Freiheit für die Füße, weg mit den Schuhen: Das sagt überhaupt nichts aus über Leila, aber es behauptet viel: ausgeprägt gezeichnete Charaktere zum Beispiel, oder eine Story mit ausgefeilter Tiefe. Doch davon findet sich natürlich in Wirklichkeit nichts in Til Schweigers zweiter Regiearbeit nach „Der Eisbär“ (1998, richtig geschrieben).

        Schweigers Film ist Glanz und Tand, reines Oberflächenkino ohne jede Bedeutung, die es interessant machen könnte. Schweiger verwechselt die Leere seines Filmes mit der amerikanischen Coolness, die er bei Tarantino abgeguckt hat; doch zu taraninoesker Coolness gehört beispielsweise auch Radikalität, und die geht Schweiger völlig ab. Schweiger war stets nur eine Kopie, als Regisseur, als Produzent (der unsägliche Streifen „Auf Herz und Nieren“!) oder als Darsteller, zuletzt im völlig unwitzigen „(T)Raumschiff Surprise“ oder in „King Arthur“ (der ja auch völlig danebenging) – Til Schweiger fühlt sich als deutscher internationaler Superstar, und er meint auch, ein Image zu haben, das es zu pflegen gilt, cool, rebellisch, vor allem: jugendlich. (Dabei hat er wahrscheinlich die tiefgreifende Ironie des Besetzungscoup von Oscar Roehler gar nicht bemerkt, der Schweiger in „Agnes und seine Brüder“ einen Kurzauftritt als Student (!) übernehmen ließ.)

        Schweiger will cool sein und amerikanisch, und deshalb sucht er die Weite im engen Deutschland, er lässt die Kamera über einen riesigen Gebrauchtwagenhandelsparkplatz schweifen, ein Dialog findet aus unerfindlichen Gründen in der weißen Weite eines Kalksteinbruchs statt, und irgendwann auf ihrer Reise legen sich Rick und Leila in ein Bett im Kornfeld. Große Bilder fängt die Kamera ein, in sorgfältig gesuchten Farben; doch alles ist ohne jeden Zusammenhang, die Bilder sind nur als Bilder da, ohne Referenz zur Geschichte oder gar zu irgendetwas, das man als das „wirkliche Leben“ außerhalb der Leinwand bezeichnen könnte: „Barfuss“ ist Kino als Kino, das ist an sich nichts Schlechtes, doch im Falle Schweiger hängt daran der faule Duft des Kopierten, der Originalität als bloße Behauptung.

        „Barfuss“ will Komödie sein und Roadmovie und vor allem Liebesgeschichte; doch dazu wäre Witz nötig und ein Gefühl für das Echte im Raum Deutschland, und natürlich ein Gespür für die Figuren, sowohl was die Inszenierung angeht als auch die Emotionalität des Zuschauers. Doch Schweiger denkt nicht wie seine Figuren, er denkt nur an das Coole, das die Figuren bewirken könnten – und daraus ergibt sich weder Coolness noch emotionale Wärme. Wenn die Handlung vorsieht, dass sich Rick und Leila näherkommen sollen, dann finden sie unter dem Fenster einen Jahrmarkt, und da machen sie lustige Dinge und tanzen ein bisschen und verlieben sich dabei. Und selbst die einfachste Komik wird vertan, wenn es irgendwie dann auch nicht mehr wirklich interessiert, dass Leila jede Redewendung wörtlich nimmt: Da hätte man dann wenigstens mal lachen können.

        „Barfuss“ hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, so wie das Barfußlaufen nichts mit Leila zu tun hat. Schweiger hat sich damals, 1998, in seinen kühnen Hollywoodträumen die Rechte an einer amerikanischen Fassung des Scripts gesichert, die er dann auch in Amerika mit sich selber zumindest als Produzenten verwirklichen wollte – jetzt ist sein kleiner, unsinniger, untauglicher Film in Deutschland entstanden, der Amerika sein will und emotionale Liebesgeschichte, und der gar nichts schafft. Gegen Ende ist Schweigers Nick Keller auf einem Geschäftsessen, er versucht, seine Füße inklusive Schuhen wieder auf den Boden zu bringen, und von einer knallharten (und, wie wir inzwischen gelernt haben, nymphomanen) Geschäftsfrau tönen neoliberale Sprüche, wie man sie zuvor eher in den Boomjahren vor 2000 gehört hat – der Film gibt sich supermodern und ist im Grunde mindestens fünf Jahre hinter seiner Zeit her, jede Wirklichkeit von Deutschland (oder der Welt) im Jahre 2005 wird – bewusst oder unbewusst – komplett ausgeklammert. Auf die zynischen New Economy-Sprüche reagiert Nick allergisch, ein Anfall schüttelt ihn: Til Schweiger wird hier total sozialkritisch, so sozialkritisch wie jemand sein kann, dem die Welt außerhalb des Kinos, außerhalb seines Films, am Arsch vorbeigeht – inklusive Rechtschreibung.
      • | FAZIT

      • Blutleeres Kino ohne jede Tiefe, ein unbeholfener Genremischmasch, der nur eine ganz schlechte Kopie von Schweigers hilflosem Traum von Kino ist.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 8.0/10 (1 vote)

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