Eine einzige Tablette Contergan reichte: Der Wirkstoff darin, nicht mehr als eine Messerspitze, schädigte einen Menschen fürs ganze Leben. Es war die größte Medizinkatastrophe im Nachkriegsdeutschland. Ende der fünfziger Jahre wurden häufig Kinder mit Missbildungen geboren: fehlende Arme und Beine, taube Ohren, Schäden an den inneren Organen. Was war die Ursache? Der Verdacht fiel auf ein weitverbreitetes Schlafmittel: Contergan. 1957 eingeführt, nahm die Firma Grünenthal das Medikament vier Jahre später aufgrund des öffentlichen Drucks vom Markt. Bis dahin waren in Deutschland ca. 10.000 Kinder mit Conterganschäden geboren. Ihre Mütter hatten das Medikament in der frühen Schwangerschaft genommen: ohne zu ahnen, dass der Wirkstoff Thalidomid tragische Folgen haben würde.
Der Film "Contergan: Die zweite Chance" verfolgt die Spuren des rätselhaften Wirkstoffs von damals bis heute. Wie kommt es, dass er mit unheimlicher Präzision in die Entwicklung werdenden Lebens eingreift? Zum zweiten Mal Opfer wurden viele Contergan-Kinder danach durch erfolglose Behandlungsversuche: Die Ärzte wollten ihnen mit Prothesen helfen und sie zu "normalen" Menschen machen: und scheiterten.
Der Film zeigt Archivmaterial aus Orthopädischen Kliniken, das die fragwürdige Behandlung von Contergan-Kindern dokumentiert. Doch derselbe Wirkstoff hilft auch heilen. Schon drei Jahre nach der Einstellung der Produktion in Deutschland entdeckte ein israelischer Arzt die positive Wirkung von Thalidomid bei Leprakranken. Die Geschwüre bilden sich zurück und heilen teilweise wieder aus. Seit den achtziger Jahren ist Thalidomid zur Leprabehandlung weltweit im Einsatz, nun hergestellt von der amerikanischen Firma "Celegene" und deren Tochterunternehmen. Doch das ist nicht die einzige positive Wirkung von Thalidomid. Forscher auf der ganzen Welt entdecken seine Einsatzmöglichkeiten bei einer aggressiven Form von Knochenkrebs und bei Aids. In vielen Ländern, vor allem in den USA, ist das Medikament deshalb wieder zugelassen.