In einer verregneten Nacht, in einem dunklen Treppenhaus, in einer großen Stadt wird er gestellt, nackt und blutbesudelt: Gabriel Engel (Andre Hennicke), ein lange gesuchter Serienkiller. Bald gesteht er zahlreiche Morde, alle an Jungen. Doch da gibt es auch den Fall Lucia, dem der Dorfpolizist Michael Martens (Wotan Wilke Möhring) hinterherspürt. Der Mord passt nicht so ganz in das Täterprofil Engels.
Martens vermutet den Täter in den Reihen seines Dorfes. Und so macht er sich auf den Weg in die Stadt zum Killer hinter Gittern. Der leugnet den Mädchenmord, verkündet aber, den Mörder zu kennen. Und plötzlich scheint sich Martens gar nicht mehr so sicher zu sein, ob er die Wahrheit wirklich erfahren will. Doch das Spiel hat bereits begonnen, mit dem Killer als Kartengeber.
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| FILMKRITIK
Steht am Beginn amerikanische Thrillerstimmung mit erstaunlich amerikanisch agierenden Polizisten, entwickelt sich der Film allmählich zu einem Tatort in Kinolänge. Low-Key und ein gutes Drehbuch sorgen für unterhaltsame Atmosphäre und einen gelungenen Killer gibt es obendrein. Zwar verträgt sich die Kietz-Coolness eines Heinz Hoenig nur schwer mit dem Rest, doch völlig ohne Schwachstelle kommen wohl die wenigsten Filme aus.
Ist „Antikörper“ ein Thriller? Vielleicht einer, der Kopf steht. Denn er beginnt dort, wo gängige Pendants enden: Mit der Verhaftung des Killers. Eine Tatsache, die dem Film zwar die gewohnte emotionsgeladene Effekthascherei verbietet, aber den Weg bereitet für eine neuartige Form der Spannung. Obwohl es so scheint, als sein kein Mensch in direkter Gefahr vor dem Killer, der sich ja in einem Hochsicherheitstrakt hinter Gittern befindet, muss zumindest der Dorfpolizist Michael lernen, dass Sicherheit vor dem Bösen nicht mehr gewährleistet ist, wenn das Böse aus einem selbst kommt.
Gabriel und Michael. Als Erzengel verehrt, von denen der eine – Michael – mit Schwert und Lanze in den Kampf gegen Luzifer zieht und nebenbei auch als Seelenwäger fungiert. Der Film wirft bewusst mit biblischen Zitaten um sich und stellt das geheuchelte Moralistentum einer deutsch-katholischen Dorfidylle bloß. Dabei wird er teilweise geradezu sarkastisch. Und es drängt sich die Frage auf, was besser ist: Offen ausgelebte oder unter dem Deckmantel der Rechtschaffenheit verborgene Unmoral.
Martens, einmal passenderweise auch als „Herr Nächstenliebe“ bezeichnet, ist ein Musterkatholik. Sonntags geht er in die Kirche, unreine Gedanken duldet er nicht. Er zählt in der Tat zu denen, die als Kind beim Räuber und Gendarm spielen immer den Gendarm spielten, weil ihnen niemand die Rolle des Räubers abgenommen hätte. Ist er das Schaf, dann ist der Killer der Wolf. Ist er der Christ, ist Gabriel der Antichrist. Der eine scheint auf den ersten Blick das abgründige Spiegelbild des anderen zu sein. Doch ist das wirklich so?
Diese Frage wird dem Zuschauer immer wieder gestellt. Und mit dieser Frage muss sich vor allem Michael Martens auseinandersetzen. Denn das Böse ist scheinbar wie ein Virus, ansteckend, wenn man damit in Berührung kommt. Und nun wird Michael geprüft, ob sein Immunsystem – seine ‚Antikörper’ – stark genug sind, mit dem Abgrund fertig zu werden, der sich in ihm auftut, ohne bei der Gratwanderung zwischen Gut und Böse abzurutschen.
Unter der keuschen Oberfläche von Martens brodelt es, bis die Begierde offen zutage tritt. Das Abgründige in ihm taucht dabei nicht plötzlich auf. Es ist bereits vorhanden. Und so ist auch die bestechend angenehme Virus-Idee nicht mehr tragbar. Jeder sieht sich plötzlich mit der Frage konfrontiert: „Hältst du dich für einen guten Menschen?“ Definitionen von Schuld, Definitionen von Gerechtigkeit, Definitionen von Gut und Böse wechseln sich ab mit philosophischen Sinnsprüchen à la „Der Mensch ist, woran er glaubt“. Sind wir alle Monster? Hat Gott eine dunkle Seite? So in etwa stellen sich die Fragen dar, die der Serienkiller in die Welt kotzt.
Das ist die Basis für einen überraschenden, interessanten und durchweg unterhaltsamen Film - vorausgesetzt natürlich, man lässt sich auf ihn ein. Wem der Sinn nach nervenaufreibender Spannung steht, der dürfte mit „Antikörper“ nicht viel Freude haben. Der Film nennt sich zwar ‚Thriller’ setzt aber nicht auf Schockeffekte und hat weder Verfolgungsjagden noch verzweifelte Opfer zu bieten. Wer allerdings bereit ist, sich der ein oder anderen Frage über das Böse im Menschen zu stellen und Fan subtiler Spannung ist, dem sei ein Kinobesuch empfohlen.
| FAZIT
Ein interessanter und überraschender Film, allerdings nichts für Fans gängiger Thriller-Konzeptionen.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung