Ein schrottreifer, staubiger Minibus, sein Dach turmhoch beladen mit Gepäck jeder Art, schiebt sich ratternd über die ungeteerte Straße ins kenianische Dorf Maralal und wird schnell von einer Horde kreischender Kindern flankiert. Aus dem Bus steigt auch Carola, eine Schweizerin, die mit ihrer weißen Haut an diesem Ort, in dem es keine Touristen gibt, schon meilenweit auszumachen ist. Das Touristendasein hat sie aufgegeben und hat sich, anstatt am Ende der Ferien mit ihrem Freund nachhause zu fahren, auf die Suche nach einem Einheimischen gemacht, dem Samburu-Krieger Lemalian, in den sie sich mit einem Blick verliebte.
Wie Elisabeth, eine Deutsche, die als Frau eines Kenianers in Maralal wohnt, beginnt Carola mit Lemalian nun ein ganz anderes Leben, in einer Lehmhütte im Busch, ganz anders auch, als sie es sich vorgestellt hätte. Carola beginnt einen Kampf, für sich und ihre Liebe, allen kulturellen Widerständen zum Trotz. Doch bald schon wird es fraglich, ob sich ihr Leben mit dem Lemalians vereinbaren lässt, zu unterschiedlich scheinen ihre Vorstellungen, zu viele Abgründe entdeckt sie in ihm.
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| FILMKRITIK
„Die weiße Massai“ beginnt mit der Erzählerstimme Carolas aus dem Off, die wohl im Versuch, der erfolgreichen Buchvorlage von Corinne Hofmann gerecht zu werden, in das Geschehen einführt. Dieser getragene, etwas bedeutungsschwangere Vortrag, im Imperfekt erzählt, doppelt nicht nur das Gesehene und Gehörte unvorteilhaft, sondern gibt dem Film auch ein wenig die Stimmung eines Schulaufsatzes, der unter dem Titel „Mein schönstes Ferienerlebnis“ zusammengefasst werden könnte und der Atmosphäre des Films widerspricht. Zum Glück wird diese Off-Stimme im Laufe des Films immer weniger eingesetzt und gerät deshalb schnell in Vergessenheit.
Dass sich Carola dem Charme des fremden Schönen Lemalian vom ersten Blick an nicht entziehen kann, ist nachvollziehbar. Der Samburu in seiner ehrenvollen, bunten Kriegerkleidung hat etwas Magisches, das auch den Zuschauer in seinen Bann zeiht, er wirkt mit seinem ruhigen, dunklen Lächeln wie eine ebenmäßige Holzfigur, die nichts zu Fall bringen kann, die fest im Boden verankert ist. Das scheue zarte Wesen aus der Schweiz, das mit seinem fast weißen Haar noch heller, noch überhöhter wirkt als alle übrigen Weißen, schafft es dann aber, auch ihn zu verzaubern und ihn zumindest ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Der schmalen, so zerbrechlich wirkenden Frau mit ihrem niedlichen Deutsch-Englisch hätte man ihre unglaubliche Entscheidungskraft nicht zugetraut. Zu Beginn wirkt sie noch recht deplaziert in ihrer Westlerkleidung mit dem verwirrten, unsicheren Blick, doch mit dem Einzug ins Samburu-Dorf gewinnt sie nicht nur äußerlich aufgrund der einheimischen Kleidung an Stärke.
„Frauen gelten hier nicht viel, die kommen direkt nach den Ziegen“ belehrt Elisabeth die naiv-verliebte Schweizerin. „Du kannst die Männer hier nicht verstehen, das ist nicht vorgesehen.“ Carola wird bald klar, was Elisabeth meint, denn was sie von Lemalian in erster Linie für ihre Liebe bekommt, sind Befehle. „You stay with me“ bestimmt er und es ist keine Frage, dass Carola ihm folgt. Genauso wenig wie ein Zweifel daran bleibt, dass sie nach seiner Prophezeiung „Now you get a baby“ schwanger wird.
Wie ein teures Schmuckstück, eine echte Schweizer Praline aus feinster Edelschokolade, wird sie von ihrem Krieger ins heimatliche Lager geführt und von allen Seiten begutachtet. Wenn Lemalian mit den Männern beschäftigt ist, wird sie wie eine lästige Fliege mit einer Handbewegung verscheucht und in entscheidenden Momenten lässt er sie alleine.
Carola ertrinkt aber nicht im Strom der für sie unverständlichen Worte und lässt sich auch von Lemalian nicht unterbuttern. Zunächst lehrt sie ihn, zu lieben. Sie bringt ihm nicht nur die deutschen Bezeichnungen für jedes Teil ihres Körpers bei, sondern auch wie man richtig mit ihnen umgeht, so dass er sie am Ende sogar entgegen der Regeln in der Öffentlichkeit küsst. Wenn die beiden in den wenigen Momenten der Intimität ihre Kleider und mit ihnen ihre kulturellen Konventionen ablegen, sind sie bloß noch Köper, weiß und schwarz, die makellos ineinander greifen, und im Blick der Kamera zu einem einzigen werden.
Carola schafft es, ihre Vorstellung vom Glück in ihrer neuen Heimat umzusetzen, aber ihrem stolzen Mann machen ihre weibliche Stärke und Offenheit bald Probleme. Sein verliebter Blick weicht bald tiefem Misstrauen und sogar Hass. Auch mag Carolas Geist ja stark sein, aber ihr Körper ist der neuen Kultur von Armut und schlechter Versorgung nicht ganz gewachsen. Für sie ist Malaria eben nicht wie für die Einheimischen „just Malaria“, genauso wie sie sich nicht bewusst ist, dass eine Schwangerschaft im Busch für eine Frau ein tödliches Risiko bedeutet.
Der Kontrast ihrer beiden Welten wird besonders deutlich, als Carola für kurze Zeit nach Hause in die Schweiz fährt, um ihre Angelegenheiten dort zu regeln. Die stumme Verdrängung und das oberflächliche Gerede vonseiten ihrer Familie steht im krassen Gegensatz zu den gesprächigen Dorfbewohnern. Innenräume und Betonstraßen strahlen eine plötzliche Kälte und Leere aus, die uns Carolas Entscheidung immer verständlicher macht
Aber Carolas neue Welt hat, wie sie schon bald feststellen muss, immer mehr Aspekte, mit denen sie nicht zurechtkommen kann. Das ungleiche Rollenverhältnis von Mann und Frau, unmenschliche Traditionen und die ständige Präsenz von Korruption und Bestechung zersetzen ihre naiven Weltverbesserungsambitionen langsam und als sie der blinden, eifersüchtigen, rohen Irrationalität ihres Ehemannes gegenübersteht, sieht sie sich mit der Unvereinbarkeit der beiden Kulturen konfrontiert.
Am Ende kommt es nicht zur erpresserischen Vereinnahmung des gemeinsamen Kindes im Sinne des Bestsellers „Nicht ohne meine Tochter“, wie man es doch eine Zeit lang befürchtet, bei der unvermeidbaren Trennung beweist Lemalian sogar kriegerische Größe. Er bleibt der starke, schöne, hölzerne Mann, und fast scheint die Trennung für ihn wie eine Befreiung von dem ungewohnten, heftigen Außeneinfluss einer so anderen Kultur.
Die Szenen bewegen sich immer sehr nah an den Personen. Mit häufigen Großaufnahmen, wie auch durch die einheimischen Laienschauspieler, wird dem Zuschauer ein gewisses Gefühl von Authentizität vermittelt.
Lachende und klagende afrikanische Gesänge unterstützen die Stimmung des Films und wirken glücklicherweise nicht aufgesetzt künstlich und ornamental, wozu einheimische Filmmusik ja so oft die Tendenz hat.
Leider verliert der Film sich in Einzelheiten, die Szenen schleppen sich, ohne wirklich Neues zu erzählen. Alles, was passiert, ist ein wenig zu voraussehbar, der Film hat einen zu gewöhnlichen Blick auf das Geschehen, keine eigene Note. Der Individualität von Carolas Geschichte, die durch den Hinweis zu Beginn, sie beruhe auf einer wahren Begebenheit, nahe gelegt wird, wird nicht nachgekommen.
Was einen bleibenden Eindruck hinterlässt ist die atemberaubende, weite, braungelbe bis beige-grüne Landschaft Kenias, die sich bis ins Unendliche zu strecken scheint, wovon wir aber leider auch zu wenig sehen.
Über die braunsandigen Straßen geht es am Ende zurück in die westliche Heimat; wir sehen den ratternden Kleinbus in einer Staubwolke am Horizont verschwinden. Zurück bleibt die Ruhe des Landes, ein paar Kühe, die durchs Bild stromern – der westliche Sturm ist vorbei.
| FAZIT
Eine etwas langatmige Romanadaption um die Geschichte zweier aufeinanderprallender Kulturen, durch die Liebe zusammengeführt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung