Louise ist der Meinung, dass ihr Dasein als Kosmetikerin sie nicht mehr erfüllt und möchte sich von nun an dem Schreiben widmen. Sie kommt von der Provinz nach Paris, um für ihr erstes Buch einen Verleger zu finden, aber auch um ihre ältere Schwester Martine nach drei langen Jahren wiederzusehen. Diese hat ihr Werk noch nicht einmal gelesen und ist auch sonst wenig erfreut über den familiären Besuch, zu dem sie keinerlei Bindung zu verspüren scheint. Die beiden trennt nicht nur ihr finanzieller und sozialer Status – Martine lebt in großbürgerlichen Wänden vom guten Geld ihres Mannes – sondern auch ihre grundverschiedenen Persönlichkeiten. Im Gegensatz zur lebenslustigen Louise, die immer genau wissen zu scheint was sie will und was ihr gut tut, ist die kühle, gesellschaftsbewusste Martine der Meinung, dass das Leben mehr ist als „nur glücklich zu sein“. Ein Eklat scheint vorprogrammiert...
WERBUNG
| FILMKRITIK
„Diese Leute sind Maschinen. Sie haben kein Herz“ sagt Martine über eine Polizistin, die ihr einen Strafzettel verpasst. Das klingt fast wie eine Selbstcharakterisierung. Schon bald bekommen wir jedoch einen Einblick in die verletzlichen Tiefen der unterkühlten, enervierten, nicht nur von Rückenschmerzen geplagten Frau, deren großes Haus wie sie selbst ganz in grau gehalten ist – die weiten, leeren Räume wirken wie die Abbildung ihres Innern.
Verkörpert wird die Martine von einer der ganz großen Schauspielerinnen Frankreichs, Isabelle Huppert, der die Rolle im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib geschrieben ist, erinnern wir uns zum Beispiel an ihre überwältigende Darstellung der kalt-mechanischen, in sich selbst gefangenen „Pianistin“. Viel Charme und viel Talent muss die Erstlingsregisseurin Alexandra Leclère haben, um eine solche Starbesetzung an Land zu ziehen. Vor allen Dingen aber hat sie ein überzeugendes Drehbuch geschrieben, das den erfahrenen Schauspielerinnen standhält.
Denn auch die Darstellerin der Louise, Catherine Frot, die schon für Alain Resnais vor der Kamera stand, ist kein unbeschriebenes Blatt. Sie bildet mit ihrem blonden Köpfchen und ihrer feminineren Gestalt den perfekten Gegenpart zur dunklen, hageren Louise. „Der Charme der Provinz“ wird sie genannt, und sie ist laut, wuselig und springlebendig. Wie ein aufgeregtes Kind beisst sich ständig auf die Unterlippe und wenn sie eine heiße Schokolade trinkt, bleibt ihr ein riesiger Schokoabdruck, der ihren Lachmund grotesk verbreitert.
Louises Mitbringsel für die Schwester fasst ihre Persönlichkeit gleich zu Anfang in einem Bild zusammen. Die überdimensionale, peppige Vase in grellbuntem Packpapier begeistert Martine aber genauso wenig wie die Besucherin selbst. „Wann reist du ab?“ fragt sie gleich zu Beginn, ihr ist das Energiebündel vom Lande mit ihrer Taktlosigkeit und Trampelhaftigkeit zuviel. Sie schämt sich für sie, aber vor allem werden ihr durch die Unähnlichkeit mit ihrer Schwester, welche jeden mit ihrem kindlichen Liebreiz für sich gewinnt, die Makel ihrer eigenen Persönlichkeit bewusst – die Schwester wird wie so oft zum Spiegel ihrer selbst.
Der Empfang in Paris ist also kalt, und das nicht nur wetterbedingt. Aber Louise weiß sich dagegen zu wehren: mit grellblauem Wollschal und Handschuhen, die ihr schlechtes Modebewusstsein beweisen und für die elegante Schwester ein bunter Dorn im Auge sind. Trotz aller Kälte kleidet sich Louise ansonsten sommerlich sonnig in Blumenrock und Regenmäntelchen. Sie hat wohl die Hoffnung auf besseres Wetter noch nicht aufgegeben. In ihrem Kleidungsstil, aber auch in ihrer optimistischen Lebenseinstellung, ihrem kindlichen, augenzwinkernden Charme und sogar ihrer Gestik erinnert sie an die legendäre Lebensverbesserin Maude aus „Harold and Maude“.
Der Film zeichnet ein Bild der typischen Konkurrenzsituation zwischen Schwestern auf eine individuelle, humoristische Art, mit starken Charakteren und noch stärkeren Schauspielern. Die Streitigkeiten zwischen Louise und Martine gehen dennoch über das übliche Gekabbel unter Schwestern hinaus; die beiden scheinen wirklich gar nichts zu haben, was sie verbindet. Nur einen kurzen Moment lang, in der bemäntelnden Ruhe und Dunkelheit der Nacht ist sie plötzlich da, die Schwesternliebe, in der gemeinsamen Erinnerung. Da sind sie wieder zwei kleine Mädchen, die zu den „Mädchen von Rochefort“ singen und kichern. Die kurze Episode verdeutlicht die Zeit, die dazwischen liegt und die Verletzungen, welche die beiden so weit voneinander entfernt haben.
Nie wird der Film aufgesetzt psychologisierend; die Vergangenheit verbleibt in der Andeutung und wir bekommen nur eine vage Ahnung, warum die Mutter Martine im Umgang mit ihrem Sohn so kühl wie ein Stein ist; warum das verschlossene, stumme, dickliche Kind sich weniger kindisch verhält als seine erwachsene Tante Louise, in seiner Begeisterungslosigkeit und seinem karierten Hemd mit eleganten Pullover, dem nur noch die Krawatte fehlt.
In einer Szene in der Oper, die aus einer einzigen Einstellung besteht, wird die Beziehung der Schwestern subtil auf den Punkt gebracht. Louise, wie immer Lippen beißend, lässt sich überemotional vom Geschehen mitreißen, während Martine eine starre Maske aufgesetzt hat, an der alles äußere abprallt. Martine ist eine Gefangene in ihrem eigenen Körper, in ihrem schönen, großen Haus und in ihrer Ehe, in der es keinen Austausch von Zärtlichkeiten mehr gibt, wo der Sex zu einem mechanischen, kalten Prozess verkommen ist und es kein Wunder ist, dass ihr Mann Leidenschaft bei einer anderen sucht.
Im Laufe des Filmes kann man Martines blank liegende Nerven angesichts des fidelen Goldrauschengels immer mehr verstehen. Louise ist liebenswürdig bis zur Unerträglichkeit, sie hat kein Gefühl und keinen Respekt für den Lebensstil ihrer Schwester, tratscht mit dem Hausmädchen und plappert am Abendessen mit den Gästen aus dem Nähkästchen über ihr Intimleben. Die ganze Welt scheint sich um sie zu drehen. Martine erweist sich als die interessantere, mehrdimensionalere Persönlichkeit in ihrer Zerrissenheit. Louise dagegen ist wie ein Bonbon, dass man für die kurze Zeit genießt, die es im Mund zergeht, dessen Süße aber schnell wieder vergessen ist.
Louises Einbruch in Martines Welt hinterlässt seine Spuren und stürzt Martine in eine Krise, wo sie – gegen ihre Prinzipien betrunken – vor Eifersucht, Verletzung und Ärger schier überlaufend, plötzlich selbst Anlass zu beschämten Blicken gibt, und sie ihre Lebens- und Wertevorstellungen noch einmal neu überdenken muss. Das Glück der einen scheint zum Unglück der anderen zu führen, doch am Ende ist man nicht mehr sicher, welche der beiden glücklicher und welche unglücklicher geworden ist.
Der Film zeichnet sich aus durch makellos komponierte Bilder, die sehr klar, aber dadurch manchmal auch etwas zu offensichtlich sind. Auch die Charaktere sind manchmal vielleicht ein klein wenig zu klischiert. Doch genau daraus entseht auch die belebende Komik des Films – zum einen aus der verqueren Lebhaftigkeit Louises, die sich einen Fauxpas nach dem nächsten leistet und damit nicht nur Martines Freunde amüsiert, aber besonders aus dem Kontrast zur kalten, verklemmten Schwester.
Am Ende übt sich Alexandra Leclère in gekonnter Zurückhaltung. Wir werden mit einem offenen Bild der Lebendigkeit entlassen, das charakteristisch ist für den Film, der nie kitschig oder sentimental wird, der immer einen gewissen ironischen Ton behält, eine Leichtigkeit, die dennoch den tragischen Momenten nicht ihre Ernsthaftigkeit nimmt.
| FAZIT
Komisch-tragisches Schwesternspiel mit viel französischem Charme und einer Starbesetzung, die sich bezahlt macht.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung