„Im Sommer als ich acht Jahre alt war habe ich fünf Stunden meines Lebens verloren.“ Die Stimme, die den Film einleitet gehört Brian (Brady Corbet, als Junge: George Webster). Eines Tages nach einem Baseballspiel findet sich der 8 jährige Junge mit blutender Nase im Keller seines Elternhauses wieder, unfähig zu rekonstruieren was, in den Stunden zwischen dem Ende des Spieles und seiner Rückkehr nach Hause, passiert ist. Zwei Jahre später, im Jahre 1983, erlebt er einen ähnlichen Blackout während einer Halloween Nacht.
Zur gleichen Zeit ist auch Neil (Joseph Gordon-Levitt, als Junge: Chase Ellison) Spieler im Baseball Team. Doch im Gegensatz zu Brian kann er sich ziemlich genau an diesen Sommer erinnern. Sobald er von seiner Mutter Ellen (Elizabeth Shue) ins Team gebracht wurde, verliebt der äußerst frühreife Junge sich in seinen sonnengebräunten, schnurrbärtigen Coach (Bill Sage).
Aus der kindlichen Bewunderung wird allerdings Ernst, als der Coach sich diese Anhänglichkeit zu Nutzen zieht und Neil zu seinem minderjährigen Liebhaber macht. Das Verhältnis zwischen den beiden ist aber zweigleisig, denn Neil wird nicht nur missbraucht, er beginnt auch selbst zu missbrauchen, da sein Verständnis von Sex nun grundlegend von dem der Gesellschaft wegzudriften droht.
Seine beste Freundin Wendy (Michelle Trachtenberg, als 11 jährige: Riley McGuire) muss geschockt mit ansehen, wie er in der gleichen Halloween Nacht, als Brian einen seiner Blackouts hat, einem zurück gebliebenen Jungen einen bläst. Im Herbst 1991 sind beide jungen Männer aufgewachsen. Brian leidet immer noch unter den Erfahrungen seiner Kindheit und wird von Alpträumen und Nasenbluten geplagt. In Avalyn Friesen (Mary Lynn Rajskub) findet er eine Leidensgenossin, den genau wie er ist sie davon überzeugt von Außerirdischen entführt worden zu sein.
Neil hingegen ist zu einem sexuell aktiven jungen Mann heran gewachsen, der mittlerweile für Geld sexuelle Handlungen mit älteren Männern vollzieht. Meist beten die Männer Neils jungen Körper an. Kein Wunder, dass er sich nach dieser Selbstbestätigung verzehrt. Wendy und Eric (Jeff Licon), der auch zur Clique gehört und sich in den Stricher verliebt hat, haben keine andere Wahl als Neils Entscheidungen zu akzeptieren. Neil bezeichnet Wendy zwar als seine Seelenverwandte, doch diese, so gern sie ihn auch mag, hat sich schon lange innerlich gegen die emotionale Kälte von Neil abgesichert. Zumindest behauptet sie das.
Als Wendy die Kleinstadt verlässt und nach New York aufbricht, dauert es nicht lange und der gelangweilte Neil folgt ihr. Zur gleichen Zeit findet Brian heraus, dass in seinen Träumen über die Entführung auch immer ein anderer Junge aus dem Baseball Team auftaucht. Es ist Neil. Brian trifft bei seiner Suche nach Neil auf Eric, und freundet sich mit ihm an. Neil hingegen muss in der Großstadt zweischneidige Erfahrungen machen. Zwar wird er auch hier teilweise angehimmelt und er fängt an, zum großen Kummer von Wendy, weiter auf den Strich zu gehen, doch die von AIDS geprägte Homosexuellen Szene kann auch ganz anders.
Weihnachten 1991 kommt Neil nach Kansas zurück und trifft auf Brian. Zusammen begeben sich die Jungen auf eine Reise in die Vergangenheit um endlich alle Geheimnisse zu lüften, die den verhängnisvollen Sommer von 1981 umgeben.
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| FILMKRITIK
Anders als Brian ahnt der Zuschauer schon lange bevor ihm, dass die Schicksale der beiden Jungen miteinander verlinkt sind, und dass die Träume von Brian über seine Entführung durch Aliens nur sein Abwehrmechanismus ist, um größere Tragödien zu verdecken. Doch zunächst folgt der Film den zwei Charakteren separat, wobei beide Geschichten so unglaublich sind, dass sie auch getrennt einen gesamten Film hätten füllen können.
Mysterious Skin fällt vor allem durch seine überlegene Charakterentwicklung auf. Sowohl Brian als auch Neil sind überwältigend klar gezeichnet, ohne jemals in Klischees zu verfallen, wo es nicht im Sinne des Filmes ist. An solchen Anforderungen wären andere Jungdarsteller zerbrochen, doch Araki hat hier zwei Ausnahmetalente verpflichtet. Gerade Joseph Gordon-Levitt liefert ein mehr als nur überzeugendes Bild ab, er wurde gerechtfertig immer wieder hervorgehoben wenn Mysterious Skin diskutiert wurde. Doch auch Brady Corbet hinterlässt ein bleibendes Bild.
Im Kontrast du den zwei Protagonisten stehen die Nebencharaktere. Interessanterweise sind diese oft Klischees entsprungen, bieten aber dennoch Überraschungsmomente. Sei es Brians Mutter, die nach der Scheidung von ihrem Mann im Hinterhof auf Flaschen schießt, um kurz danach wieder mit ihrem Strickzeug vorm Fernseher Platz zu nehmen. Dies alles sind aber Dinge, die dem eigentlichen Kern des Filmes noch nicht gerecht werden.
Denn Mysterious Skin ist ein Film über Kindesmissbrauch. Ungleich anderen Filmen verharrt er nicht in dem puren Entsetzen über die Tat in sich selbst. Um nicht missverständlich zu klingen: Mysterious Skin bietet keine Verherrlichung von Kindesmissbrauch an, der Film hat einen anderen Ansatz um das Unverständliche zu verstehen. Während The Woodsman noch die Seite des Täters analysierte, geht Mysterious Skin darauf ein, die Opfer zu verstehen. Dabei spielt vor allem Neils Verhältnis zum Coach eine zentrale Rolle. Kann es möglich sein, dass man sich in seinen Schänder verliebt?
Neils Verhältnis zu dem Coach hinterlässt ebenso wie bei Brian eine bleibende Veränderung in ihm. Doch er ist keineswegs paralysiert wie Brian. Der Film stellt niemals in Frage, dass Neil schon vor seiner Begegnung mit dem Coach homosexuell war. Seine Aufgeschlossenheit und vor allem seine Frühreife machten ihn zum perfekten Ziel des älteren Mannes. Aber nichtsdestotrotz hat der Missbrauch eine bleibende Verhaltensstörung bei ihm hinterlassen. Er flüchtet sich immer wieder in kurze Abenteuer mit älteren Männern. Denn dank seines Aussehens ist es meistens nicht er, der sexuelle Dienste leisten muss. Im Gegenteil, Männer zahlen dafür, dass sie ihn anfassen dürfen. Kein Wunder, dass er sich mit der Zeit für gottgleich hält. Und dass Wendy, seine beste Freundin, Eric zu verstehen gibt „Where other people have a heart, Neil McCormick has a bottomless black hole.“
Brian hingegen wird von Eric als merkwürdig "asexuell" bezeichnet. Da er nicht weiß, was mit ihm passiert ist, flüchtet er sich in andere Erklärungsmodelle. Er ist aber dennoch offensichtlich nicht in der Lage sexuelle Erfahrungen zu machen. Als Avalyn entsprechende Versuche macht, weist er sie brüsk zurück.
Die beiden jungen Männer müssen erst zusammen finden, um beide eine Katharsis zu erfahren. Allerdings ist dies im Gegenzug noch nicht der Ausweg. Der Film scheint sagen zu wollen, dass es für die Opfer niemals eine ultimative Heilung geben wird, sie bleiben stets gebrandmarkt. So ist weder die Ignoranz ein Weg noch die Glorifizierung, sondern nur die Erkenntnis, dass etwas passiert ist und dass es das Leben zweier junger Männer zerstört hat. Damit erhebt sich der Film von der ‚Kindesmissbrauch ist böse’ Version, die in vielen Filmen präsentiert wird.
Mysterious Skin ist nur als Ausnahmeerscheinung zu verstehen, mit der leisen Hoffnung, dass es mehr Filme geben würde, die seinem Pfad folgen. Denn dieser Film will nicht nur Unterhaltung bieten, sondern er will Dinge begreifen. So lädt er den Zuschauer auf eine unglaubliche Reise ein, an dessen Ende nicht nur die Katharsis der Protagonisten steht, sondern auch die des Zuschauers. Das macht den Film zu einem unvergesslichen Erlebnis.
| FAZIT
Ein Film, der unter die Haut geht, sich im Hirn festsetzt und den man lange nicht vergessen kann und auch nicht sollte.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung