Katrin und Nike wohnen im gleichen Mietshaus und sind Freundinnen. Besonders im Sommer ist es schön, abends auf dem Balkon sich bei einem oder mehreren Schlückchen Hochprozentigem zu verquatschen. Tagsüber arbeitet Nike als Altenpflegerin und Katrin ist auf Arbeitssuche, sie hat Schaufensterdekorateurin gelernt. Außerdem hat sie einen Sohn, um den sie sich kümmern muss, und der sich 120 Euro teure Turnschuhe wünscht.
Als Nike eine Beziehung mit dem Macho Ronald eingeht, wirft sich ein Schatten über die Freundschaft der beiden Frauen.
WERBUNG
| FILMKRITIK
Es ist Sommer in Berlin, und Katrin und Nike sind das, was in Frauenkreisen beste Freundinnen genannt wird. Ihr ungeordnetes Leben verläuft in geordneten Bahnen: sie leben in einer Gesellschaft der Individuen, der Einzelgänger, auch der Einsamen. Nike arbeitet als Altenpflegerin, zu ihrem Job darf keinesfalls gehören, den Alten menschliche Zuwendung zu schenken. Vorlesen ist tabu, sie hat genau eine dreiviertel Stunde Zeit für die körperliche Pflege. Dass Nike dabei ein buntes Top und enge rosa Hosen trägt, aus denen der Stringtanga herauslugt, wirkt seltsam, aber gar nicht wirklich deplaziert: Jeder ist anders, jeder ist fremd. Und wenn sich zwei näherkommen, tun sie es als Fremde.
Katrin, die alleinerziehende Mutter auf Arbeitssuche, kommt eigentlich aus Freiburg, und manchmal gehen der schwäbische und der Berliner Dialekt ineinander über, ihre früheren Wurzeln überlagern die späteren. Sie sucht einen Mann, der zu Sohn Max passt. Nike sucht lediglich einen Mann, der zu ihr passt…
Anhand der kleinen Geschichte der zwei Freundinnen blickt Andreas Dresen auf die Gesellschaft – nicht in der Form eines glatten Spielfilms wie in „Willenbrock“, auch nicht in der freien Improvisation von „Halbe Treppe“, sondern mit Handkamera und scheinbar spontanen Dialogen, in kleinen Rollen auch mit Laiendarstellern, aber immer stilisiert innerhalb der offenen Form. Aus dem Material, das wie nebenbei gefilmt wurde, schafft es Dresen, seinen Film auf den Punkt zu bringen, Kleinigkeiten ins Bild zu setzen, witzig zu straffen, ohne dem Film falsche Komik aufzudrücken. So wirken seine Figuren echt, das Geschehen authentisch – wie im wirklichen Leben geschieht nicht viel, nichts Weltbewegendes – und doch ist das wenige, das passiert, die Welt für Dresens Charaktere.
Die Freundschaft zwischen Katrin und Rike wird auf die Probe gestellt, als Nike eine Beziehung mit Ronald eingeht, ein Trucker, ein Macho, kein großer verbaler Ficker, aber doch so männlich. Ihr Verhältnis beruht auf Sex, das ist beiden klar, und da macht es auch nichts, dass Nike immer Ronald mit Roland verwechselt oder dass sich Ronald wie ein Arsch benimmt – eben zwei Fremde, die sich auf Zeit gefunden haben.
Mit Gespür für witzige Details setzt Dresen die Beziehungsdynamik zwischen Nike und Ronald und der sich ausgegrenzt fühlenden Katrin in Szene, und er trifft einen wahrhaftigen Ton im latenten Alkoholismus von Katrin, der ihr einen Krankenhauskuraufenthalt beschert: Vielleicht ist ihr kleinen Leben nur so zu bewältigen, mit beschwipsten Abenden mit der Freundin auf dem Balkon, Abende, die Vertrautheit schenken, die die schlummernde innere Verzweiflung überdecken, an denen das weitere Leben geplant werden kann. Und wenn der Plan auch nur ist, einmal zusammen baden zu gehen. Denn das Leben, soviel ist sicher, das Leben geht weiter, wie in den vielen Schlagern, die den Film durchziehen, die das kleine Glück versprechen, das immer wieder von Neuem vor der Tür steht: „Guten Morgen Sonnenschein“, „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, „Ich liebe das Leben, das Karussell wird sich weiterdrehn, auch wenn wir auseinandergehn.“
| FAZIT
Ein schöner, tragikomischer, sozial sehr genauer Film über Freundschaft und das kleine Leben im großen Berlin.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung