FILM REVIEW | Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia
Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia
Abenteuer,
Familie,
Fantasy
| Großbritannien / USA 2005
| INHALTSANGABE
Im zweiten Weltkrieg werden die vier Geschwister Lucy, Edward, Susan und Peter zum Schutz vor Bombenangriffen zu ihrem Onkel, einem Professor, aufs Land geschickt. Beim Versteckspielen findet Lucy, die jüngste, im Wandschrank einen Zugang ins märchenhafte Land Narnia. Zunächst glauben ihr ihre Geschwister nicht, doch dann geraten alle ins Wunderland – und werden in den Kampf gegen die böse Weiße Hexe, die das Land unterjocht und zu ewigem Winter verdammt hat, involviert. Ein befreundeter Faun, vor allem aber Edward geraten in ihre Fänge, und um sie zu befreien, müssen die Geschwister mit Hilfe von Bibern Kontakt aufnehmen zum Löwen Aslan, dem rechtmäßigen König von Narnia, der mit seiner Armee bereitsteht zum Kampf gegen die böse Hexe.
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| FILMKRITIK
Lucys erste Schritte im Land von Narnia: Ein verschneiter Winterwunderwald, wo sie Freundschaft mit einem Faun schließt; und wo sie von der Freudlosigkeit ewigen Winters erfährt, wenn Schlittenfahren und Schneeballschlacht keinen Spaß mehr machen und Weihnachten schon hundert Jahre zurückliegt. Das Kind in einem Land, dessen unbegrenzte Spielmöglichkeiten wiedergewonnen werden müssen; das Kind, das am Anfang der Wiedergewinnung von Freude und Vergnügen steht.
Ist es aber ein Kinderfilm? Narnia als Land von Kinderträumen, vollgefüllt mit Gestalten aus Sage und Märchen: sprechende Tiere, Einhörner, Zyklope, Zentauren, Trolle und so fort? Narnia: ein großer Abenteuerspielplatz, ein Ort des Spiels, der Imagination, in dem die Kraft der Phantasie gegen die Zeit des realen Krieges steht? Die Kinder sind traumatisiert: der Vater im Kampf, die Flucht vor den Londoner Bombennächten aufs Land. Wenn ihr Abenteuer gelesen wird als Ausgeburt spielerischer Fantasie beim Versteckspiel, ist es nur natürlich, dass sich auch in Narnia recht schnell kriegerische Auseinandersetzungen ankündigen.
Tatsächlich ist „Narnia“ der martialischste der Filme in den großen Fantasy-Reihen unserer Zeit; selbst die „Herr der Ringe“-Filme waren nicht so konsequent kriegerisch. Das Wunderland ist im festen Griff einer bösen Eiskönigin, alles führt zur Schlacht gegen sie hin – in dieser Schlacht wird eine Air Force von Greifvögeln Steine auf die Gegner feuern, als wären es Bomben.
Die Kinder sind sofort einbezogen in den Kampf, eine alte Prophezeiung kündigt sie als Retter und neue Könige an: sie können ihrem Schicksal nicht entkommen, und das Schicksal führt unweigerlich hin zum Endkampf. Während die Hobbits bei Tolkien/Jackson also eher durch Zufall und unwillentlich in die apokalyptische Auseinandersetzung geraten, ist dieser Weg für die Kinder von C.S. Lewis/Disney fest vorgezeichnet, und er wird nie angezweifelt. Zwar sind es Kinder – das Jüngste vielleicht acht Jahre alt –, doch das tut nichts: sie sind Menschen und von daher prädestiniert für Helden- und Führertum. Das Gute muss siegen, das Gute wird siegen, der Krieg ist unausweichlich, unzweifelhaft, gerecht und heilig. Und nichts kann die Figuren jemals davon abbringen.
Die Fronten zwischen Gut und Böse sind dabei klar verteilt, wenn auch durchlässig. Edward wird zum Verrat verführt mit hergezauberten Süßigkeiten, er ist bereit, seine Geschwister der Hexe auszuliefern, wenn er dafür als König ihnen überlegen sein darf. Doch bald schon merkt er, dass es nur einen Weg zum Königtum gibt: den guten. Wobei das Königsein selbst als Ziel natürlich nie in Frage gestellt wird. Macht über andere: Das ist das Ende des Weges, und es ist nur eine Frage, wie der Weg gegangen wird, ob über die böse Hexe oder über den guten König Aslan. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist graduell: Ob man gierig über Leichen geht oder geduldig sich gegen das Böse verteidigt.
Tilda Swinton als Weiße Hexe ist ein Höhepunkt des Films. In einer Art Weiterführung ihrer Rolle des Erzengels Gabriel in „Constantine“ (einer der wenigen Blockbuster, in denen sie mitgespielt hat), der dem Bösen verfällt, entwickelt sie eine Strategie eiskalter Verführung zum Bösen. Mit klarer Berechnung und pointiert aufscheinender Grausamkeit ist sie natürlich die faszinierendste Figur im Film: einmal flattert ein Schmetterling hinter ihr, den sie mit einem bloßen, schnellen, nebensächlichen Streich ihres Zauberstabs versteinert, einfach so.
Dagegen können die Guten unter dem Löwen Aslan kaum ankommen – zumal Aslan und die beiden Biber, die die Kinder geleiten, nicht wirklich hundertprozentig echt computeranimiert sind. Gollum, die reine Fantasiegestalt, hat sich vielleicht gerade deshalb so wacker geschlagen, weil es für ihn kein reales Vorbild gab, an dem er sich messen lassen musste.
Das Fell von Bibern und Löwe, der schwierigste Teil der Arbeit, ist im „Narnia“-Film sehr lebensecht geworden, die Bewegungen sind geschmeidig und natürlich – der Regisseur hat zuvor die beiden „Shrek“-Teile inszeniert. Dennoch scheinen die CG-Figuren nicht derselben Wirklichkeit anzugehören, die die Kinder umgibt. Vielleicht sind das kleinste technische Fehler; vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie zu knuddelig wirken, zu sanft – am Ende muss im Film selbst konstatiert werden, dass entgegen dem Anschein Aslan kein zahmer Löwe ist. Dafür aber ein guter.
Gut sein: Das scheint zunächst lediglich subjektiver Eindruck zu sein, auf beiden Seiten ist das Ziel, König zu werden. Ein weiteres Kriterium der Moral: Treue gegen Verrat, Opferbereitschaft gegen Grausamkeit. Damit wird die Unterscheidung von Gut und Böse reduziert auf den Führungsstil der Befehlshaber; wenn die Figuren von Aslan und der Hexe ausgetauscht würden, würden dann nicht vielleicht auch die strikten Grenzen zwischen Gut und Böse schwinden? Das Rückgrat beider Seiten ist das System von Führer und Gefolgschaft, und die unangezweifelte Vorherbestimmung angelsächsischer Menschen zur Herrschaft scheint, genau besehen, höchst fragwürdig.
Diese problematische Ideologie wird freilich ansprechend transportiert: Die Abenteuer sind spannend, die Kinder – in vielen Filmen das Problem – sind nie übersentimentalisiert, nie in romantischer Gönnerhaftigkeit überzeichnet; die Landschaften sind fantastisch – sehr schnell wechselt der Winter in den Sommer mit dem Erstarken der Macht des Guten, und dabei sind die Bilder von Natur allemal imposant; und letztendlich darf man nicht vergessen, dass es sich um einen Weihnachtsfilm handelt: Vom Weihnachtsmann (zwar nicht im roten Mantel, aber mit Bart und Rentierschlitten) erhalten die vier kleinen Helden Gaben aus dem Geschenkesack, um ihre Aufgaben zu bestehen: Schwert, Pfeil und Bogen, Lebenswasser. Eine der Aufgaben ist schließlich die Rettung von Weihnachten für Narnia, wenn nötig im Kampf.
| FAZIT
Spannender Kinder-, Abenteuer-, Fantasy-, Weihnachtsfilm mit fragwürdiger Ideologie.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung